
by stanleymoss
Als ich ein Kind war, konnte ich überall lesen.
Und ich wollte auch überall lesen.
Abends, vor dem Einschlafen. Morgens, nach dem Aufwachen. Im Bus. Beim Essen. Auf dem Klo.
Wann auch immer und wo auch immer ich die Zeit dafür fand bzw. man mich netterweise in Ruhe ließ.
Meinen Bücherschrank öffnete ich nicht mit einem „Was hab’ ich noch nicht gelesen?“-Gedanken, sondern unter der „Was hab’ ich schon lange nicht mehr gelesen?“-Vorgabe. Ich glaube, ich habe alle meine Bücher mindestens drei oder viermal gelesen. Die von mir geliebtesten auch weit mehr.
Unzählige Male ganz sicher „Laura in der Prärie“, „Der illustrierte Mann“ und die „Susanne Barden“-Reihe. Die ersten beiden „Nesthäkchen“-Bände (noch von meiner Mutter) und „Die Kinder aus Bullerbü“. Aus all diesen Büchern (und es gäbe noch mehr) kann ich selbst heute noch, dreissig Jahre später, ganze Kapitel zitieren, so fest haben sich die Geschichten in mein Hirn gebrannt.
Ich las sie weniger voll Spannung als voll Vorfreude: natürlich wusste ich, was geschehen würde. Aber immer wieder aufregend, wenn die Indianer plötzlich in der Hütte stehen, immer wieder gruselig-grauenvoll, wenn die Kinder im vollautomatischen Haus die Kontrolle an sich reißen, und immer wieder unheimlich, wenn sich mitten in der Nacht die Treppenstufe unter den nackten Füßen von Susanne plötzlich nach oben drückt.
Mittlerweile gibt es nur noch wenige Bücher, die ich auch nur ein zweites Mal zur Hand nehme, und nur das kindle bewahrt mich letztlich davor, in einer Bibliothek zu leben. (Obwohl das sicher sehr nett wäre, wenn nicht die Mitbewohner das Recht für sich beanspruchen würden, Regale und Schränke mit eigenen Dingen füllen zu wollen.)
Wenn ich allerdings beschließe, mal wieder alle meine Scheibenwelt-Pratchetts in chronologischer Reihenfolge durchzulesen oder mir die komplette Wallander-Reihe noch einmal vornehme, dann tue ich dies mit derselben Vorfreude, die mich bereits als Kind gepackt hielt, wenn ich erwartungsfroh zum siebten Mal „Anne auf Green Gables“ oder „Alice im Wunderland“ aus dem Regal zog.
Die Tochter sitzt übrigens gerade auf dem Sofa und liest.
Und zwar zum zweiten Mal alle Geschichten vom Franz.
Oder auch zum dritten Mal. Keine Ahnung.
MEINE Tochter.