
by Horia Varlan
“Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.”
Sagt Nietzsche.
Und bringt mich damit kurz zum Innehalten.
Eigentlich scheint ein derart gewichtiger Satz für mein Leben zu hochtrabend. Denn eigentlich gilt es hier nichts zu ertragen.
Ich habe eine Familie, Freunde und lebe in einem ganz eindeutig wohlhabend zu nennenden Umfeld. Und ich muss nicht einmal ein Hungerland bemühen, um festzustellen: Dir geht’s gut. Alles prima. Existentielle Nöte sind nicht vorhanden.
So eigentlich.
Die Tage bin ich aber noch auf einen anderen Gedanken gestoßen.
“Gleichnishaft könnte man sagen, das Leid des Menschen sei so wie Dinge von gasförmigen Aggregatzustand: so wie eine bestimmte Gasmenge einen Hohlraum, in den sie gepumpt wird, auf jeden Fall gleichmäßig und vollständig ausfüllt, genau so füllt das Leid die Seele des Menschen, das menschliche Bewußtsein, auf jeden Fall aus, ob dieses Leid nun groß oder gering ist.”
Dies nun stammt von Viktor E. Frankl, und angesichts dieses Namens sollte ich gleich noch ein bisschen weiter schrumpfen und mich mit meinen banalen Kümmernissen ans Ende der Schlange begeben – hätte Viktor E. Frankl nicht gerade in Worte gefasst, was ich bisher immer nur etwas unbeholfen mit “Menschliches Leid ist relativ” zu erklären versucht habe. Und zwar immer dann, wenn ich vor jemanden saß, der meine vorsichtig einleitenden Sätze mit einer resoluten Variante von “Dir geht’s doch gut!” hinwegfegte, sobald sich die Richtung – Sorgen & Nöte – herauskristallisierte.
“Ja”, dachte ich dann immer beschämt, “mir geht’s doch gut.”
Dann fühlte ich mich eine Weile noch etwas mieser als vorher, da obendrein undankbar, selbstsüchtig und oberflächlich, nur um eine gewisse Zeit später wieder mit meinen eigenen Kümmernissen so ausgefüllt zu sein, dass ich abermals den Versuch starte, diese auf den Tisch zu bringen, um sie damit zum Be- und Verarbeiten freizugeben.
In dieses mittlerweile vertraute Hin und Her hinein sagt also Nietzsche:
“Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.”
Womit es ihm gelingt, mein Augenmerk weg von dem Wie, dem derzeit ungeliebten, hin auf das Warum zu lenken.
Und nach dem Warum habe ich tatsächlich schon lange nicht mehr gefragt.
Irgendwie ging das unter in den letzten Monaten, die zuallererst darauf ausgelegt waren, weiter zu funktionieren. Trotz Dauerschlafdefizit, trotz intellektueller Leere, trotz sich immer mehr im Leben manifestierender Ängste muss ja alles immer weiter und weiter gehen. Wäre ich allein, so wäre ich vielleicht an dem ein oder anderen Tag erst gar nicht aufgestanden. Wäre ich aber allein, so wäre ich ausgeschlafen und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit beruflich unterwegs, weshalb ich dann wiederum sehr wahrscheinlich erst gar nicht solcherlei Bedürfnisse entwickeln würde.
Ist auch egal.
Ich muss ja nun nicht über ALLES genauer nachdenken, wohl.
Um auf das Warum zurück zu kommen.
Warum stehe ich also morgens auf?
Stehe ich auf, um das hunderttausendste Mal die Küche zu kehren, den Sohn zu windeln und die Tochter zur Eile anzutreiben?
Nein.
Auch wenn es derzeit stark danach aussieht.
Ich stehe auf, in der unerschütterlichen Hoffnung, dass ich ab heute eine gute Mutter sein werde, Erfolgserlebnisse im beruflichen Alltag habe, mich sinnvoll betätige und geistig weiterentwickele.
Das ist, so mal eben aus der Hüfte geschossen, mein Warum.
Darauf warte ich.
Und dieses Warten ist der Knackpunkt.
Während ich nämlich darauf warte, dass dieses Leben endlich (wieder) so gelebt werden kann, tue ich nichts dafür. Ich befinde mich sozusagen im Ertragens-Modus.
Und nachdem mir das in den letzten Tagen durch Nietzsche und Frankl etwas bewusster geworden ist, kratze ich nun ein bisschen am eingefahrenen Alltag herum, zumindest sehr fest entschlossen, daran etwas zu verändern.
Irgendwo fängt man ja an.
Fortsetzung folgt.