Deutsch - Englisch
Juni 27, 2007
by Daily Pia
„Excuse me“, ruft meine Tochter und drängelt sich an mir vorbei: „Do you have Entschuldigung?“
Und bevor ich noch etwas erwidern kann, verschwindet sie in ihrem Zimmer. Dort höre ich sie mit ihrer Puppe Lisbeth plaudern: „Ja, Lisbeth, ist ja gut. Du bist noch small, ist ja gut.“
Mein Kind versucht sich an der englischen Sprache. Und das auf eine Weise, bei der ich mich nur schwer zurückhalten kann, nicht ständig mit Stift und Papier bewaffnet hinter ihr her zu rennen und Notizen zu machen.
Beim Haarekämmen kann man Nathalie des öfteren “No brushing! Bighäuse!” jammern hören, und es hat einige Zeit gedauert, bis ich herausfand, dass die Hauptfigur in einem von ihr sehr geliebten Kinderfilm beim Haarekämmen immer: “No brushing, BECAUSE…” ruft, um dann anschließend eine nett bebilderte Begründung dafür abzugeben, warum man das Kämmen sofort einzustellen habe.
Während der abendlichen Vorleserunde kramt Nathalie mit wachsender Begeisterung in ihrem ebenfalls wachsenden Vorrat englischsprachiger Bücher herum, fragt nach jedem zweiten Wort und merkt sich die prägnantesten Sätze.
Dies führte neulich im Supermarkt zu einer etwas peinlichen Situation, als Nathalie eine freundliche Frau, die ihr mit den Worten „Do you like apples?“, einen Apfel hinhielt, in Lautstärke 12 anranzte:
„SAY NO TO BAD THINGS!“
Eigentlich sagt das im Buch ein kleiner Fisch im Angesicht einer Angel zu einem anderen kleinen Fisch, aber wie hätte ich das auf die Schnelle der konsternierten Dame erklären sollen? So rauschte selbige in der festen Überzeugung ab, mein Kind habe ein gestörtes Verhältnis zu Kernobst. Was ja auch irgendwie stimmt. Jedenfalls mag sie es nicht.
Ein weitaus freundlicheres Zusammentreffen mit meiner Tochter konnte dagegen einer unserer Nachbarn erleben, dem wir auf der Treppe begegneten. Beiläufig spulten er und ich das hier übliche Begrüßungsritual unter Menschen ab, die sich zwar gelegentlich begegnen, sich aber nicht wirklich kennen:
„Hi!“
„Hi, how are you?“
„Very well, how are you?“
„Good!“, quakte es an dieser Stelle dazwischen. „I am three years old!“, fügte Nathalie noch zuvorkommend hinzu und strahlte besagten Nachbarn an. Der war angemessen überwältigt und ließ einen Redeschwall auf sie herunterrieseln, der mit „She’s so adorable“ begann, jede Menge Anerkennung über Nathalies Englischkenntnisse, ihr Auftreten und ihren Hut beinhaltete und mit der Frage abschloss, ob sie wohl noch lange in New York wohnen werde?
„Bye-bye“, erwiderte mein Kind, dem für eine angemessene Antwort so einige Vokabeln fehlten, und ging.
Enorm motiviert wurde Nathalies Lerneifer jedoch am Wochenende im Restaurant, als sie der kurzen Unterhaltung zwischen mir und dem Kellner beim Bezahlen nicht folgen konnte.
„Was hat der Mann gesagt?“, will mein Kind wissen.
„Er hat gefragt, ob du noch ein Stück Kuchen willst“, antworte ich unbedacht.
„Was hast Du gesagt?“ – „Ich hab’ ‚Nein’ gesagt.“
Schweigen neben mir. Ich werfe einen Blick auf mein krümelübersätes Mädchen und mir wird klar, dass sie in diesem Moment an der englischen Version des Satzes „Danke, ich nehme noch zwei“, feilt.
Sobald ihr dieser Satz über die Lippen kommt, werden ihr die Kuchentheken dieses Landes offen stehen. Egal, was ich als gesetzlich legitimierter Vormund dann noch an Gegenargumenten bringen könnte - wenn ein blondgelocktes Mini-Mädchen mit Augenaufschlag in einem New Yorker Restaurant mehr Kuchen verlangt, wird sie ihn bekommen.











