Archiv für Juni, 2007

Deutsch - Englisch

Juni 27, 2007

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by Daily Pia

„Excuse me“, ruft meine Tochter und drängelt sich an mir vorbei: „Do you have Entschuldigung?“
Und bevor ich noch etwas erwidern kann, verschwindet sie in ihrem Zimmer. Dort höre ich sie mit ihrer Puppe Lisbeth plaudern: „Ja, Lisbeth, ist ja gut. Du bist noch small, ist ja gut.“

Mein Kind versucht sich an der englischen Sprache. Und das auf eine Weise, bei der ich mich nur schwer zurückhalten kann, nicht ständig mit Stift und Papier bewaffnet hinter ihr her zu rennen und Notizen zu machen.

Beim Haarekämmen kann man Nathalie des öfteren “No brushing! Bighäuse!” jammern hören, und es hat einige Zeit gedauert, bis ich herausfand, dass die Hauptfigur in einem von ihr sehr geliebten Kinderfilm beim Haarekämmen immer: “No brushing, BECAUSE…” ruft, um dann anschließend eine nett bebilderte Begründung dafür abzugeben, warum man das Kämmen sofort einzustellen habe.

Während der abendlichen Vorleserunde kramt Nathalie mit wachsender Begeisterung in ihrem ebenfalls wachsenden Vorrat englischsprachiger Bücher herum, fragt nach jedem zweiten Wort und merkt sich die prägnantesten Sätze.
Dies führte neulich im Supermarkt zu einer etwas peinlichen Situation, als Nathalie eine freundliche Frau, die ihr mit den Worten „Do you like apples?“, einen Apfel hinhielt, in Lautstärke 12 anranzte:
„SAY NO TO BAD THINGS!“
Eigentlich sagt das im Buch ein kleiner Fisch im Angesicht einer Angel zu einem anderen kleinen Fisch, aber wie hätte ich das auf die Schnelle der konsternierten Dame erklären sollen? So rauschte selbige in der festen Überzeugung ab, mein Kind habe ein gestörtes Verhältnis zu Kernobst. Was ja auch irgendwie stimmt. Jedenfalls mag sie es nicht.

Ein weitaus freundlicheres Zusammentreffen mit meiner Tochter konnte dagegen einer unserer Nachbarn erleben, dem wir auf der Treppe begegneten. Beiläufig spulten er und ich das hier übliche Begrüßungsritual unter Menschen ab, die sich zwar gelegentlich begegnen, sich aber nicht wirklich kennen:
„Hi!“
„Hi, how are you?“
„Very well, how are you?“
„Good!“, quakte es an dieser Stelle dazwischen. „I am three years old!“, fügte Nathalie noch zuvorkommend hinzu und strahlte besagten Nachbarn an. Der war angemessen überwältigt und ließ einen Redeschwall auf sie herunterrieseln, der mit „She’s so adorable“ begann, jede Menge Anerkennung über Nathalies Englischkenntnisse, ihr Auftreten und ihren Hut beinhaltete und mit der Frage abschloss, ob sie wohl noch lange in New York wohnen werde?
„Bye-bye“, erwiderte mein Kind, dem für eine angemessene Antwort so einige Vokabeln fehlten, und ging.

Enorm motiviert wurde Nathalies Lerneifer jedoch am Wochenende im Restaurant, als sie der kurzen Unterhaltung zwischen mir und dem Kellner beim Bezahlen nicht folgen konnte.
„Was hat der Mann gesagt?“, will mein Kind wissen.
„Er hat gefragt, ob du noch ein Stück Kuchen willst“, antworte ich unbedacht.
„Was hast Du gesagt?“ – „Ich hab’ ‚Nein’ gesagt.“
Schweigen neben mir. Ich werfe einen Blick auf mein krümelübersätes Mädchen und mir wird klar, dass sie in diesem Moment an der englischen Version des Satzes „Danke, ich nehme noch zwei“, feilt.
Sobald ihr dieser Satz über die Lippen kommt, werden ihr die Kuchentheken dieses Landes offen stehen. Egal, was ich als gesetzlich legitimierter Vormund dann noch an Gegenargumenten bringen könnte - wenn ein blondgelocktes Mini-Mädchen mit Augenaufschlag in einem New Yorker Restaurant mehr Kuchen verlangt, wird sie ihn bekommen.

Greenwich Village

Juni 24, 2007

Angeregt durch “Frommer’s memorable walks in New York” zieht es uns heute nach Greenwich Village, entschlossen, die “Greenwich Village Literary”-Tour durchzuziehen. Und um auch alles ganz genau zu machen, wandern wir mit Nathalie im obligatorischen Quinny pedantisch von der Subwaystation drei Blocks die Bleecker Street rauf, um dann mit interessiertem Gesichtsausdruck und der “Memorable walks”-Bibel in der Hand wieder zurück zu laufen. Erster Halt: „145 Bleecker Street“. Hier wohnte James Fenimore Cooper, Autor von 32 Romanen. „Lederstrumpf“ ruft mein Mann, und weiß damit mehr als ich, der mir der Name nur vage bekannt erschien. Mit wichtiger Miene studieren wir Coopers Mini-Lebenslauf. Ah ja, so, so. Noch einmal auf das Haus gucken, fertig. Erster Halt abgehakt.

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145 Bleecker St.

Die zweite Station ein paar Häuser weiter ist „The Atrium“, ein Bau aus dem 19. Jahrhundert, gebaut von Ernest Flagg. Ein flüchtiger Blick. Atrium, aha. So sieht das also aus.

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The Atrium

Was kommt als nächstes? „172 Bleecker Street“ Dort lebte James Agee. Wer zum Teufel war James Agee? „Was, du hast noch nie von James Agee gehört?“, ruft mein Mann und lacht dreckig. Es dauert ein paar Minuten, bis ich durch Nachfragen entdecke, dass auch der Klugscheißer neben mir keine Ahnung hat. Mein geknicktes Selbstvertrauen bezüglich meiner mangelnden Allgemeinbildung richtet sich wieder auf. Ich erweitere mein Wissen bezüglich James Agees um einen zehnzeiligen Absatz, sehe noch einmal an dem Gebäude hoch und vergesse dabei fünf Zeilen.

Weiter. „189 Bleecker Street“, ein italienisches Restaurant an der Ecke Bleecker und MacDougal, und anscheinend ein früher stark frequentierter Treffpunkt namhafter Persönlichkeiten wie Frank O’Hara, Gregory Corso, Jack Kerouac oder James Agee. James Agee kenn’ ich. Der Gatte behauptet, ihm seien auch alle anderen selbstverständlich ein Begriff, ich verzichte jedoch darauf, dieses erstaunliche Wissen zu überprüfen. Etwas gelangweilt betrachte ich das Restaurant und blättere dabei noch einmal zur Übersicht. 45 Stationen empfiehlt der Ratgeber, und ich fühle mich bezüglich dieser Information doch etwas ermattet. Aus dem Buggy tönt es: „Kaufen wir ein Eis?“
Das Kind ist literarisch ja nun leider so gar nicht interessiert.
„Später“, vertröste ich, während wir den nächsten Halt ansteuern.

„Minetta Tavern“, Gründungsstätte des weltbekannten Reader’s Digest-Werkes. Es wurmt mich ein wenig, dass mir nun ausgerechnet diese Publikation ein Begriff ist. Schnell etwas Hintergrundwissen anlesen und beim Herabsenken des Buches wieder vergessen. Dann im Laufschritt die nächsten Stationen abklappern.
„130-132 MacDougal Street“, hier lebte und arbeitete Louisa May Alcott. Und „Little Woman“ kenne ich natürlich. Hab’ ja schließlich den Film „Betty und ihre Schwestern“ gesehen.
Das Gebäude in der „85 W. 3rd Street“ beherbergte vor Jahrzehnten Edgar Allan Poe. Und obwohl wir nun endlich beide mit diesem Autor etwas verbinden (in meinem Fall den Deutschunterricht in der elften Klasse), wollen sich keine Ehrfurchtsschauder einstellen.
„Wann kaufen wir ein Eis?“
Bei Nathalie offenbar auch nicht.

Ich speise Nathalie mit einer Banane ab, und wir schlendern weiter, Frommer’s treu ergeben.
Hier lebte ein Freund von James Baldwin, weswegen auch Baldwin selbst hin und wieder über diese Schwelle trat. Oh.
Dort lebte Hart Crane, geboren in Ohio, der dort seine Arbeit zu „The Bridge“ begann. Ah.
Weiter vorne dann das Gebäude, in dem Thomas Paine verstarb.
„Ich will ein Eis!“

Wir gestehen uns ein, dass es eine blödsinnige Idee war, sich auf einen literarischen Spaziergang zu begeben, wenn man sich in der ortsansässigen Literaturgeschichte in etwa so gut auskennt, wie bei Nacht in Kalkutta und steuern eine Eisdiele an. Bei „Cones“ („Best icecream of the world“) kaufen wir für viele, viele Dollars Eiskugeln, die allesamt so schmecken, als hätte man sie vier Jahre in der Tiefkühltruhe vergessen. Nathalie mag’s trotzdem. Wenn’s um Eis geht, ist sie nicht allzu wählerisch.

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Cones

„Frommer’s“ wandert in die Tasche, und wir machen uns auf zum Washinton Square Park. Hier trifft sich das literarisch ungebildete Volk (grobe Unterstellung, wahrscheinlich waren wir die einzigen) und wirft Gewehrattrappen in die Luft.

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Es wird gesungen.
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Es wird getanzt.
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original soundtrack - feel free to enjoy the music

Es wird Musik gemacht.
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original soundtrack - feel free to enjoy the music

Nathalie erkundet den Washington Square Park Playground, und wir wippen zum Takt der uns umgebenden Musikfetzen mit den Füßen - das Leben ist doch eines der besten.

(Und habe ich erwähnt, dass unter dem Washington Square Park über 10.000 Menschen begraben liegen? Sagt Frommer’s. Wieder was gelernt heute)

Technik

Juni 19, 2007

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by Muckster

Zu einer amerikanischen Küche gehört eine Mikrowelle. Eine solche zu boykottieren gelang mir in Deutschland jahrzehntelang, hier komme ich nicht daran vorbei. Neulich habe ich mir sogar einen Tee darin gekocht, was mir im Nachhinein sehr peinlich ist und besser nicht denjenigen zu Ohren kommen sollte, mit denen ich mich schon auf das Angeregteste über die Unterschiede diverser Assam-Sorten, die optimale Ziehdauer eines feinen Darjeeling und die Unabdingbarkeit eines Wasserfilters unterhalten habe.

Auch der Kühlschrank verfügt über mich, indem er mir vorschreibt, wie lange ich hineinsehen darf. Grübele ich nämlich allzu sehr darüber nach, was ich heute kochen könnte, dann piept er. Und das nicht gerade leise. Ein bisschen bedauere ich ja, dass ich einen solch klugen Kühlschrank nicht schon hatte, als mein Mann sich in der nervtötenden Phase befand, Abend für Abend seinen Kopf in den Kühlschrank zu hängen, minutenlang mürrischen Blickes hineinzuglotzen und die Tür dann mit vorwurfsvollem Blick und einem leidendem „Wieder nichts zu essen da“ zu schließen. Besagte Phase hielt übrigens so lange an, bis ich in einem denkwürdigen Moment für uns beide die Kühlschranktür zuschlug, während sein mauliger Kopf noch drin war.

Geradezu dezent nimmt sich das Piepsen des Kühlschranks jedoch gegen den Rauchmelder aus. Dessen verantwortungsvolle Aufgabe wäre es eigentlich, mir einen Großbrand zu melden. Leider hat er auch etwas gegen die Benutzung des Backofens und verlangt eine ziemliche Zurückhaltung bei der Zubereitung von Pfannengerichten. Als er das erste Mal loslegte, köchelte gerade ein leckeres Wok-Gericht, und wir bluteten bereits aus den Ohren, ehe es uns gelang, das Ding mittels aufgetürmter Stühle und einem Besen zu stoppen. Das zweite Mal fühlte er sich gestört durch meinen Versuch, ein Brot aufzubacken. Auch offene Fenster und Topfdeckel vermögen ihn nicht zu täuschen.
Wir essen halt jetzt öfter kalt.

Die völligen Außenseiter sind wir, da wir Mitte Juni immer noch nicht den Einbau einer Klimaanlage in Erwägung gezogen haben. Mein Mann erwähnte dies einmal unbekümmert auf seiner Arbeitsstelle, um dann Tage später von einem eher unbekannten Kollegen auf sein „My name is Jens“ die Antwort: „Ach, du bist der ohne Klimaanlage“ zu erhalten. „Ohne Klimaanlage kommst du nicht durch den Sommer“, erklärt der New Yorker und frostet seine Wohnung in die Minusgrade herunter. Das führt zu der netten Situation, dass sich viele beim Betreten eines Ladens eine Strickjacke anziehen oder die Gastgeber bei einem Besuch um Socken bitten, obwohl’s draußen gefühlte 45 Grad hat. Na gut, ich gebe zu, ICH war diejenige mit den Socken.

Hin und wieder irritierend ist auch der Fahrstuhl-Fanatismus. Möchte ich mit meiner Tochter gerne vom Erdgeschoß in den Kellerbereich des netten Kindermuseums an der Upper West Side, so bremsen vier von fünf Begleiterinnen unbeirrt vor dem Fahrstuhl, um mit anspruchsloser Geduld darauf zu warten, dass die Türe sich nach Minuten endlich öffnet. Daraufhin fahren alle dann erst einmal in den dritten Stock, denn der wurde todsicher vor dem Einsteigen von irgend jemanden bereits gedrückt, hält auf dem Weg nach unten noch einmal im Erdgeschoß, mitunter auch noch in der zweiten Etage und kommt bereits fünf Minuten später im Kellergeschoß an. Nutzt man die Treppe, benötigt man etwa 17 Sekunden.

Völlig ignoriert wird Technik allerdings, wenn sie sich in einer Ampel manifestiert und man als Fußgänger unterwegs ist. Ampeln üben in diesem Falle bestenfalls eine Art Vorschlagsfunktion aus. Ob mit Krückstock in oder Kleinkindern an der Hand, jeder echte New Yorker schert sich einen Dreck um „Bei Rot sollst Du steh’n, bei Grün blabla“.
Nachdem ich mir die ersten Tage mehr als einen verärgerten Blick eingefangen hatte, weil ich treuherzig am Bordsteinrand stehen blieb und dadurch den forschen Gang von mehreren wichtigen Menschen durcheinander brachte, gewöhnte ich mich schnell an diese Sitte. Nur ein einziges Mal in den letzten Wochen verlangsamte ich zögerlich meinen Schritt, als ich nämlich aus den Augenwinkeln einen New Yorker Cop schräg hinter mir bemerkte. Der guckte mich dann auch streng an, als er sich an mir vorbeidrängte, um ganz selbstverständlich die Straße zu überqueren.

Kleinanzeigen

Juni 14, 2007

newspaper by fooishbar
by fooishbar

Neulich las ich eine Anzeige, direkt über der Firma Rumpelfix und unter einem des Eigenlob vollen Alleinunterhalters, die da ungefähr lautete wie folgt: “Bio-Lämmer, ideal für Grillpartys, zum Aussuchen auf der Weide, geschlachtet und zerlegt nach Wunsch”.

Angeregt durch die fettgedruckten ersten Worte tauchte vor meinen Augen ein friedliches Bild auf. Kleine, schnuckelige Schäfchen, munter im Gras herumtollend, mit Kleeblättern im Maul und treukuscheligem Blick. Und während meine Seele noch in Harmonie badete, trugen meine Augen dem Hirn die Worte “geschlachtet und zerlegt” zu.

Der Lämmchen Wolle färbte sich rot, angstvolles Blöken tönte durch meinen Kopf.
Die Inserenten dieser Anzeige stellen sich das wahrscheinlich so vor: Der potenzielle Grillparty-Feierlustige wird von einer hutzeligen Bäuerin auf eine saftige, grüne Wiese geführt, zeigt dann mit dem Finger in das Idyll wuscheliger Kleinschafe, woraufhin ein weißes Unschuldslamm mit eisernem Griff an den Ohren von der Weide gezogen wird. Und während nun der vielleicht inzwischen schamhaft berührte Mensch mit gesenktem Kopfe hinter dem zart mähenden Wattebausch herläuft, bemüht, dessen verwirrten Blicken auszuweichen, muss er sich die Frage gefallen lassen, wie er es denn gerne zerlegt hätte.

Unschöner Gedanke, für mein zartes Gemüt ein gutes Stück über die Schmerzgrenze hinaus. Ähnlich unangenehm berühren mich immer die Nachlassentrümpelungen.
Dem Wort ‚Entrümpelung’ haftet nun mal nicht der Beiklang ausgesuchter und vorsichtiger Behandlung an. Unwillkürlich frage ich mich stets aufs Neue, welcher Leichenfledderer da nun wieder bei der Arbeit ist. Sicherlich pflegte man nicht zu allen Verstorbenen, deren ehemalige Behausung man von Schachteln, Kisten und diversem Inventar befreien soll, ein ausgesprochen herzliches Verhältnis. Nur ist mir der Satz “Du sollst nicht schlecht über die Toten reden” nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt, und ich bin sicher, dass die Weiterführung “…und du sollst nicht ihren Nachlass zum Entrümpeln feilbieten” lauten würde.

Man könnte ja schließlich auch schreiben: Aus dem Nachlass meiner vor kurzem verstorbenen Schwester, Freundin, Tante oder wer auch immer, möchte ich einige wirklich schöne Stücke, welche nicht ganz und gar mit Erinnerungen vollgesogen sind, denjenigen unter den Lesern anbieten, die sie nicht sofort auf dem nächsten Flohmarkt zu verschachern gedenken.

Das ist natürlich ungleich länger und damit auch etwas teurer als die simple Botschaft: “Nachlassentrümpelung. 9.00 - 15.00 Uhr, Sandstrasse”, aber dem Menschen hinter der ersten Anzeige würde ich einiges mehr an Sensibilität und Feingefühl unterstellen, als dem schnöden Nachlassentrümpler.
Der sollte mal scheintot in seinem Wohnzimmer aufgebahrt liegen und mit anhören müssen, wie um ihn herum habgieriges und verrohtes Gesindel sein liebevoll angesammeltes Leben abfälligen Blickes als Gerümpel bezeichnet und flugs über seinem Telefon eine Nachlassentrümpelung bekannt gibt. Und wenn er dann aus seiner Totenstarre befreit den lieblosen Menschen um sich herum heftigste Vorwürfe macht, dann werden alle nur stumm und vorwurfsvoll den Kopf schütteln und mit ernster Miene auf seine Entrümpelungsanzeige deuten.

Entrümpeln sollte man nur sein eigenes Zeug.
Ich habe hier eine ganze Menge sinnlosen Kram, den ich getrost einem Rümpelsucher anvertrauen würde. Manche Dinge würde ich ihm vermutlich sogar hinterherwerfen. Dieses schildkrötenartige Ungetüm zum Beispiel, welches seit dem letzten Weihnachtsfest meine Küche verunstaltet. Ein äußerst ungewöhnliches Präsent meiner liebevollen Kollegen, welche besonderen Wert darauf legten zu betonen, dass sie die vier langen Beine des Saurier-Frosch-Dings selbst angeleimt hätten. Ich habe mich nicht einmal getraut sie zu fragen, welcher Aspekt meiner Persönlichkeit sie dazu gebracht hat, mir ein solch glotzäugiges, grünes, mit gelben Tupfen verziertes Holzetwas zu überreichen. Und da ich nun des öfteren Besuch von Arbeitsmitmenschen bekomme und das ins Auge springende Tierchen ihnen vor allem dann auffällt, wenn es nicht da ist, steht es zum Palmentopfuntendrunter degradiert in meiner Küche und reizt all jene zu süffisanten Kommentaren, die mit diesem Geschenk nichts zu tun hatten.

Dann gibt es da auch noch die Unmassen an Plüschtierchen, die man immer von denjenigen welchen in seinem Bekanntenkreis bekommt, die entweder keine Ideen haben oder stolze Besitzer diverser Kleinstkinder sind und sich gar nicht mehr vorstellen können, dass es auch noch Menschen gibt, die keine Freude daran haben, in jedem Winkel ihrer Wohnung Häschen, Kätzchen und Teddybären zu verstauen.
Vor allem letztere sind mittlerweile zu einer wahren Plage geworden. Mit dem stolzen Hinweis, dass man ja schließlich genau wisse, dass ich diese puscheligen Knopfnasenträger sammele, bekomme ich zu jedem Geschenkeaustauschfest mindestens einen Bär beschert. Und es werden mehr und mehr, und dabei sammle ich die gar nicht. Da aber mein Freundeskreis trotz aller diskret-subtilen Hinweise nicht von dieser Bärenleidenschaft herunterzubringen ist, werde ich meinem Nachlassentrümpler sicher einmal etwas Interessantes zum Entrümpeln hinterlassen.

Kids in the city

Juni 13, 2007

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by rollerboogie

New Yorker Kinder feiern gediegen. Wenn Deine Tochter zu einem Geburtstag eingeladen ist und du ihr Hosen anziehst, dann wird sie das EINZIGE Mädchen in Hosen sein. Zu solchen Feierlichkeiten ist ein Rock Pflicht. Ich war schon etwas dankbar, dass mein Mann insistierte, unserer Tochter das derzeit einzige Sommerkleid anzuziehen, dass sie hier besitzt, dennoch konnte sie in blauweißrot-kleinkariert nicht mit weißer Spitze, rosa Rüschen und den obligatorischen Schmetterlingsflügeln auf den Rücken der Mädchen mithalten.

New Yorker Kinder sind mit ihren Nannys unterwegs. Und zwar nicht nur die Kinder der Mütter, die arbeiten (was hier in New York doch eher üblich ist) (könnte sich ja sonst auch keiner die Mieten hier leisten), sondern auch die Kinder der Mütter, die zu Hause bleiben. O-Ton einer Vollzeit-Mutter mit Haushaltshilfe (4x pro Woche) und Nanny (2x pro Woche): “Ich wüsste sonst gar nicht, wie ich das alles schaffen soll”. Ich fühle mich da so ganz ohne Nanny immer ein bisschen so, als würden mir 7 Kinder am Rockzipfel hängen, denen ich mit abgearbeiteten Händen über ihr struppiges Haar fahre. Auch wenn es definitiv nur eines ist. Welches allerdings schon etwas struppiges Haar hat, manchmal.

New Yorker Kinder teilen. Immer. Sie müssen teilen, auch wenn sie ein Spielzeug zuerst hatten. Der Satz “Share, (wer-auch-immer), SHARE!” ist einer der meist gehörten überall, wo’s Kinder gibt.

New Yorker Kinder sausen selten barfuss, egal, wie warm es ist. Dafür rennen aber zwei von drei Kindern auf den Spielplätzen auf Socken durch die Gegend. Das Warum hat sich mir noch nicht erschlossen - wo, verflixt nochmal, ist da der Vorteil?

Dein Stroller ist ein kleines Statussymbol. Wer welchen Kinderwagen fährt wird oft kommentiert. Das durchschnittliche New Yorker Kind sitzt in einem Maclaren. Da die durchschnittliche New Yorker Mutter den Quinny Zapp aber schöner zu finden scheint, es diesen Wagen bisher aber in New York noch nicht gibt, können wir ziemlich damit punkten. Wir sind bisher schätzungsweise 72mal darauf angesprochen worden, und einmal gab es mitten im Botanischen Garten ein enthusiastisches “High Five”, als mir eine Mutter mit rotem Quinny entgegenkam (ich war so verdattert, dass ich automatisch in die erhobene Hand eingeschlagen habe).

Der Standardsnack für das New Yorker Kind in jeder Situation: Cheerios.
New Yorker Tauben zeigen sich dankbar.

New Yorker Jungen dürfen an einen Baum pieseln, bei den New Yorker Mädchen wird es nicht gern gesehen. Fällt dann sehr schnell unter “sexuelles zur Schau stellen des Kindes” und kann echt nach hinten losgehen. Eine Bekannte durfte mit ihrer 17 Monate alten Tochter nicht ohne Bikinioberteil für das Kind am Babyschwimmen teilnehmen und erzählte, ihre Freundin habe dasselbe Problem gelöst, indem sie ihre Tochter als Sohn anmeldete.

Kinder sind für Erwachsene immer “adorable”, “so cute” oder schlicht “great” (wahlweise auch alles zusammen). New Yorker sind derart kinderfreundlich, dass es mich immer wieder umhaut. Nathalie wird wo auch immer und wann auch immer von allen Seiten gegrüßt, angelächelt und in Gespräche verwickelt. Die Menschen verschenken Luftballons, Sticker oder einfach nur Aufmerksamkeit, und ich denke, ich werde das in München auch irgendwie einführen (ich muss ja nicht mit den bärbeißigen Verkäuferinnen auf dem Viktualienmarkt damit beginnen).

Workout!

Juni 12, 2007

Spinbike by dalydose
by dalydose

New Yorker Mütter sind fit. Sie treffen sich zum Stroller-Jogging, tauschen Adressen angesagter Fitness-Studios aus und müssen niemals die Bauchatmung einstellen, wenn sie im Bikini unterwegs sind. Ich dagegen komme ins Schwitzen, wenn ich die Treppen zu unserer Wohnung im fünften Stock bewältigt habe und musste gerade neulich irritiert feststellen, dass meine Oberarme mitwinken.

Entschlossen, diesem unsäglichen Zustand ein Ende zu bereiten, schrieb ich mich in einem Fitness-Studio ein und stehe nun neben einem von etwa dreißig Fitnessrädern, interessiert dem Trainer lauschend, der mir erklärt, wie ich Sattel- und Lenkerhöhe im Hinblick auf meine Größe anzupassen habe. Dabei nicke ich derart fachmännisch, dass er vergisst, mir die Funktion des wichtigsten Rädchens zu erläutern, nämlich der als solche nicht zu erkennenden Gangschaltung.

Ich sitze auf und fühle mich sportlich. Leichtfüßig trete ich in die Pedale und hänge mich lässig über den Lenker. Ich schiele zu den anderen: ja, auch sie wärmen sich auf. Nur scheinen alle viele schneller zu radeln als ich, und derart angespornt steigere ich mein Tempo und trete, was die Beine hergeben.

Es geht los. Zufrieden stelle ich fest, dass ich mit der allgemein vorgelegten Geschwindigkeit locker mithalten kann und beobachte entspannt den Trainer. Der ruft Motivationsparolen ins Mikro und nach einigen Minuten frage ich mich besorgt, ob ich nicht einen etwas anspruchsvolleren Kurs hätte wählen sollen. Verstohlen werfe ich einen Blick auf die Uhr: Nun ja, nach fünf Minuten kann man vielleicht noch nicht so viel erwarten. Ich trete weiter und denke gerade darüber nach, ob ich den sich anschließenden Aerobic-Kurs wohl ähnlich unterfordernd finden werde, da ertönt das Kommando “Stand up!”

Alles stellt sich in die Pedale und ich muss zu meinem Leidwesen erkennen, dass es nicht angebracht ist, sich auf einem Rad in den Stand zu erheben, wenn man wie eine Irre im ersten Gang dahinrast. Zum Glück gelingt es mir den Sturz über den Lenker rechtzeitig abzufangen, so dass nur meine Knie schmerzhaft gegen den Rahmen knallen. Während ich verzweifelt versuche, meinen Hintern wieder auf den Sattel zu platzieren und meine Beine daran zu hindern, unbeirrt von den Problemen des Oberkörpers weiterzurasen, eilt der Trainer auf mich zu und weist mich auf den vorhin übergangenen Schalter hin. Ah ja. Ich wechsele in den 12. Gang und erhebe mich nun geschmeidig wie alle anderen in den Stand.

Minuten später rinnt mir der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter, und ich kämpfe mich verbissen weiter. “Left – right – left – right!” tönt es von vorne, und ich stelle beunruhigt fest, dass offenbar für die nächste Zeit nicht geplant ist, sich wieder auf den Sattel niederzulassen. Ich verlagere mein Gewicht mehr und mehr auf die Oberarme und hänge schließlich auf dem Rad wie nur Quasimodo es mir gleichtun könnte. Um mich herum stehen alle kerzengerade und scheinen nicht einmal die anfänglich vorgelegte Geschwindigkeit verringert zu haben. Meine Lungen beginnen zu brennen, und ich trete mühsam die Pedale herunter. Nach einer Viertelstunde sinkt mein Po ohne direkten Befehl des Gehirns in den Sattel nieder. Verbissen strampele ich weiter. Ich sitze, aber ich gebe nicht auf.

Der Trainer ruft Kommandos in den Raum, die alle außer mir veranlassen, die Gangschaltung höher zu stellen. Mit verschwitzen Händen halte ich mich am Lenker fest und trete und trete und trete.

Nach etwa der Hälfte der Zeit fühle ich mich ansatzweise in der Lage, noch einmal in den Stand zu gehen und spüre fast sofort, dass meine neue Trainingshose Millimeter für Milimeter nach unten gleitet. Ich habe sie unklugerweise etwas zu groß gekauft, um dem Stoff zu erlauben, sich lässig um mein Hinterteil zu schmiegen, statt wurtspellenartig dranzukleben. Der Gummizug, der in der Umkleidekabine des Kaufhauses noch einen einigermaßen stabilen Halt vortäuschte, scheint sich enorm geweitet zu haben und rutscht nun langsam aber unaufhaltbar an meinen verschwitzten Hüften hinunter. Mein Ärger darüber hält sich jedoch in Grenzen, denn ich kann einfach nicht mehr stehen. Ich betrachte neiderfüllt die Stahlbeine meiner Mitradler und lasse mich resigniert auf den Sattel sinken. Jetzt geht es nur noch ums Durchhalten.

Zehn Minuten trennen mich noch vom Ende des Workouts, und ich radele schweissüberströmt und mit der Kraft der Gedemütigten vor mich hin. Als der Trainer endlich den Countdown rückwärts abzählt, fühle ich meine Beine nicht mehr. Die Dehnübungen bewerkstellige ich mit den allerletzten Kraftreserven. Anschließend sitze ich minutenlang neben dem Rad und starre blicklos vor mich hin, während alle anderen strammen Schrittes zum nächsten Workout eilen. “Good job!”, tröstet mich der Trainer mitfühlend, während er schweissfrei an mir vorbeischlendert. Geschlagen schleppe ich mich zu den Umkleideräumen. Die Aerobicstunde muss warten.

Während meiner halbstündigen Regenerationsdusche überlege ich dreierlei:
Erstens: wieviele Workouts trennen mich noch von einer Figur wie der von Gisele Bündchen?
Zweitens: Wo bekomme ich passende Sportklamotten her?
Und drittens: wie um alles in der Welt komme ich mit diesen Beinen in meine Wohnung in den fünften Stock?

Nahrhaftes

Juni 10, 2007

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by Bennie (Sven)

Nehmen wir einmal an, ich würde beim Bäcker ein Brötchen kaufen und kurz vor dem Hineinbeißen ein offenbar unfreiwillig mit hinein gebackenes und normalerweise lichtscheu im Keller herumwuselndes Tierchen entdecken. Nehmen wir weiter an, ich würde dieses Brötchen empört zu besagten Bäcker zurücktragen und ihn Aug in Aug mit seinem üblen Backwerk konfrontieren. Was würde er wohl machen?

Vielleicht würde er bis in das Innerste getroffen ein paar Entschuldigungen stammeln, irgendetwas in Richtung „Noch nie passiert“ und „Kann ich mir gar nicht erklären“ murmeln und mir hoch und heilig versprechen, dem Verantwortlichen die rechte Hand abzuhacken. Ach was, BEIDE Hände und ein Bein, jawohl.
Vielleicht würde er auch tiefrot äußerst verlegen eine große Tüte Apfelküchlein herüberschieben und mir in Gedanken an das Gesundheitsamt täglich ein ofenfrisches Brot gratis versprechen.
Ganz sicher jedoch würde er mich nicht verdrossen anblicken und mir ein schludriges „Und? Was soll ich damit machen?“ entgegenmotzen.

Mit dieser Antwort musste ich mich nämlich auseinandersetzen, als ich irgendwann einmal beschloß, mein Glück an einer Süßkram-Bude zu versuchen. Das Insekt war sogar nicht gerade klein, und ein paar seiner sechs bis acht Beine ragten kaum zu übersehen aus dem klebrigen Überzug heraus, der das Gebäck umhüllte. Zu meinem Glück, denn es war schon recht dämmerig, und ein paar Schritte weiter von der Licht spendenden Zuckerbude entfernt wäre mir das Tier vermutlich gar nicht weiter aufgefallen.
Doch trotz meines wirklich unappetitlichen Argumentes in der Hand weigerte sich der Verkäufer rundheraus, sich zumindest zu entschuldigen. Ein neues Teilchen wollte ich ja gar nicht haben, der Appetit war mir vergangen, doch wenigstens auf den Knien trachtete ich ihn zu sehen. Dazu fand er sich erst dann bereit, als ich das Zankobjekt jedem potenziellen Zuckerwatte- und Mandelkäufer mit der Bitte um Stellungnahme unter die Nase schob.
Das Unglaublichste aber war, dass er das insektenbehaftete Zuckerding nicht etwa in eine der großen, blauen Plastiktüten stopfte, als ich mich zum Gehen wandte, sondern es dreist wieder zwischen die anderen legte. Irgendeine arme Sau wird es wohl gegessen haben, wobei ich jedoch hoffe, dass er es als nächstes einem gestochen scharf sehenden Türsteher anzudrehen versucht hat.

Der Gedanke übrigens, dass es Leute gibt, die solche Kerbtiere ganz und gar freiwillig essen, macht mich schaudern. Es ist mir schon ein Rätsel, warum Menschen es sich in den Kopf gesetzt haben, Schnecken oder Froschschenkel zu Delikatessen zu erheben. Wissen die Leute eigentlich, dass den Fröschen aus Gründen der Zeitersparnis die Sprungbeine oft bei lebendigem Leibe ausgerissen werden? Blind und blöde essen nach wie vor viele Eier von Hühnern mit aufgescheuerter Haut, antibiotikaverseuchtes Fleisch von Rindern, die beim Verladen schon mal aus sechs Meter Höhe auf das Deck krachen und andernorts eben Haifischflossen, deren ehemalige Besitzer steuer- und orientierungslos am Meeresgrund verenden

Schade, dass nicht jeder Fleischkonserve ein paar Photos beiliegen, die den Leidensweg der Tiere dokumentieren. Obwohl - da gäbe es dann ganz sicher ein paar Leute, die diese Bilder nebst Telefonkarten und Bierdeckeln SAMMELN würden. Irgendwann wäre dann das Bild von dem Kalb mit dem vier gebrochenen Beinen 210,- Euro wert, und man müßte dafür schon mindestens drei schuppenlose, halbblinde Lachse und einen Thunfisch mit Delphinbeilage locker machen.

Nebenbei gesagt glaube ich nicht, dass es den Thunfischen irgendwie nahegeht, ob sie delphinfreundlich gefangen werden oder auch nicht. Vermutlich verfluchen sie bis heute die Evolution, die es noch nicht geschafft hat, ihnen dieses freundliche, breite Grinsen aufzudrücken, welches Delphine zu solch liebenswerten Sympathieträgern hochstilisiert hat. Dann könnte man den Hinweis ‘Thunfischfreundlich gefangen’ demnächst auf Makrelen- und Sardinenetiketten lesen. Denn eines ist wohl sicher: Die wenigsten Menschen würden eine Büchse mit kleingemetzeltem Fisch kaufen, auf der ein lächelnder Flossenträger abgebildet ist.
Da käme man sich ja doch irgendwie barbarisch vor.