Workout!

Juni 12, 2007

Spinbike by dalydose
by dalydose

New Yorker Mütter sind fit. Sie treffen sich zum Stroller-Jogging, tauschen Adressen angesagter Fitness-Studios aus und müssen niemals die Bauchatmung einstellen, wenn sie im Bikini unterwegs sind. Ich dagegen komme ins Schwitzen, wenn ich die Treppen zu unserer Wohnung im fünften Stock bewältigt habe und musste gerade neulich irritiert feststellen, dass meine Oberarme mitwinken.

Entschlossen, diesem unsäglichen Zustand ein Ende zu bereiten, schrieb ich mich in einem Fitness-Studio ein und stehe nun neben einem von etwa dreißig Fitnessrädern, interessiert dem Trainer lauschend, der mir erklärt, wie ich Sattel- und Lenkerhöhe im Hinblick auf meine Größe anzupassen habe. Dabei nicke ich derart fachmännisch, dass er vergisst, mir die Funktion des wichtigsten Rädchens zu erläutern, nämlich der als solche nicht zu erkennenden Gangschaltung.

Ich sitze auf und fühle mich sportlich. Leichtfüßig trete ich in die Pedale und hänge mich lässig über den Lenker. Ich schiele zu den anderen: ja, auch sie wärmen sich auf. Nur scheinen alle viele schneller zu radeln als ich, und derart angespornt steigere ich mein Tempo und trete, was die Beine hergeben.

Es geht los. Zufrieden stelle ich fest, dass ich mit der allgemein vorgelegten Geschwindigkeit locker mithalten kann und beobachte entspannt den Trainer. Der ruft Motivationsparolen ins Mikro und nach einigen Minuten frage ich mich besorgt, ob ich nicht einen etwas anspruchsvolleren Kurs hätte wählen sollen. Verstohlen werfe ich einen Blick auf die Uhr: Nun ja, nach fünf Minuten kann man vielleicht noch nicht so viel erwarten. Ich trete weiter und denke gerade darüber nach, ob ich den sich anschließenden Aerobic-Kurs wohl ähnlich unterfordernd finden werde, da ertönt das Kommando “Stand up!”

Alles stellt sich in die Pedale und ich muss zu meinem Leidwesen erkennen, dass es nicht angebracht ist, sich auf einem Rad in den Stand zu erheben, wenn man wie eine Irre im ersten Gang dahinrast. Zum Glück gelingt es mir den Sturz über den Lenker rechtzeitig abzufangen, so dass nur meine Knie schmerzhaft gegen den Rahmen knallen. Während ich verzweifelt versuche, meinen Hintern wieder auf den Sattel zu platzieren und meine Beine daran zu hindern, unbeirrt von den Problemen des Oberkörpers weiterzurasen, eilt der Trainer auf mich zu und weist mich auf den vorhin übergangenen Schalter hin. Ah ja. Ich wechsele in den 12. Gang und erhebe mich nun geschmeidig wie alle anderen in den Stand.

Minuten später rinnt mir der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter, und ich kämpfe mich verbissen weiter. “Left – right – left – right!” tönt es von vorne, und ich stelle beunruhigt fest, dass offenbar für die nächste Zeit nicht geplant ist, sich wieder auf den Sattel niederzulassen. Ich verlagere mein Gewicht mehr und mehr auf die Oberarme und hänge schließlich auf dem Rad wie nur Quasimodo es mir gleichtun könnte. Um mich herum stehen alle kerzengerade und scheinen nicht einmal die anfänglich vorgelegte Geschwindigkeit verringert zu haben. Meine Lungen beginnen zu brennen, und ich trete mühsam die Pedale herunter. Nach einer Viertelstunde sinkt mein Po ohne direkten Befehl des Gehirns in den Sattel nieder. Verbissen strampele ich weiter. Ich sitze, aber ich gebe nicht auf.

Der Trainer ruft Kommandos in den Raum, die alle außer mir veranlassen, die Gangschaltung höher zu stellen. Mit verschwitzen Händen halte ich mich am Lenker fest und trete und trete und trete.

Nach etwa der Hälfte der Zeit fühle ich mich ansatzweise in der Lage, noch einmal in den Stand zu gehen und spüre fast sofort, dass meine neue Trainingshose Millimeter für Milimeter nach unten gleitet. Ich habe sie unklugerweise etwas zu groß gekauft, um dem Stoff zu erlauben, sich lässig um mein Hinterteil zu schmiegen, statt wurtspellenartig dranzukleben. Der Gummizug, der in der Umkleidekabine des Kaufhauses noch einen einigermaßen stabilen Halt vortäuschte, scheint sich enorm geweitet zu haben und rutscht nun langsam aber unaufhaltbar an meinen verschwitzten Hüften hinunter. Mein Ärger darüber hält sich jedoch in Grenzen, denn ich kann einfach nicht mehr stehen. Ich betrachte neiderfüllt die Stahlbeine meiner Mitradler und lasse mich resigniert auf den Sattel sinken. Jetzt geht es nur noch ums Durchhalten.

Zehn Minuten trennen mich noch vom Ende des Workouts, und ich radele schweissüberströmt und mit der Kraft der Gedemütigten vor mich hin. Als der Trainer endlich den Countdown rückwärts abzählt, fühle ich meine Beine nicht mehr. Die Dehnübungen bewerkstellige ich mit den allerletzten Kraftreserven. Anschließend sitze ich minutenlang neben dem Rad und starre blicklos vor mich hin, während alle anderen strammen Schrittes zum nächsten Workout eilen. “Good job!”, tröstet mich der Trainer mitfühlend, während er schweissfrei an mir vorbeischlendert. Geschlagen schleppe ich mich zu den Umkleideräumen. Die Aerobicstunde muss warten.

Während meiner halbstündigen Regenerationsdusche überlege ich dreierlei:
Erstens: wieviele Workouts trennen mich noch von einer Figur wie der von Gisele Bündchen?
Zweitens: Wo bekomme ich passende Sportklamotten her?
Und drittens: wie um alles in der Welt komme ich mit diesen Beinen in meine Wohnung in den fünften Stock?

6 Antworten zu “Workout!”

  1. Jens Sagt:

    Jaaaa, eine schöne Geschichte. Wann gibt’s denn die Fortsetzung? Z.B. die neuen iPod-tauglichen Sportklamotten. Die Kommentare von Nathalie, die mittlerweile in der Kinderbetreuung des Sportstudios schon feste Freundschaften geschlossen hat. Weitere 2000 Radkilometer. Die Warnung an all Deine Freunde, daß sie Dich gar nicht wiedererkennen werden, wo Du jetzt beinahe täglich trainierst. Wir wollen Bilder sehen!

  2. Peter Sagt:

    äh, ja, da muss ich dem jens doch verschärft zustimmen: wo sind die fotos???????????

  3. Sandra Sagt:

    Was hab ich gelacht!!!

  4. Brigitte Sagt:

    Saukomisch!Chapeau!

  5. Heike Sagt:

    Unglaublich :-) wußte gar nicht, daß die New Yorker soooooo sportlich sind und DICH so gnadenlos abhängen können. Da lobe ich mir doch die Theresienwiese, wo jeder gemütlich vor sich hinläuft und unbemerkt ein kleines „Dehnungspäuschen“ einlegen kann *grins*

    Bin begeistert von Deinem Schreibstil !

    Herzlichste Grüße aus der Mozartstrasse

    Heike und Miriam

  6. Dana Sagt:

    HalloKira,

    ich habe den Link zu deinem Blog von den Rabeneltern und habe deine Vorbereitungen und deinen Start in NY mitgelesen. Ich muß eins echt sagen.

    Ich liebe Deinen Schreibstyle. ielen Dank für die Erheiterungen. Ich wünsche Dir noch eine Schöne Zeit und viel Spaß und wunderbare Eindücke. Ach und übrigends:

    Alles Liebe zumGebirtstag nachträglich. Vieeleicht liest man sich ja bei den Chaoseltern.

    Alles Liebe Dana


Eine Antwort schreiben