Archiv für September, 2007

Ich bin mir selbst ein Rätsel

September 30, 2007

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by Tal Bright

Kennt jemand diesen Zustand, in dem man eigentlich unglaublich müde ist, sich aber aus irgendwelchen Gründen aufrafft und alles dafür tut, um wach zu bleiben? Diese Momente, in denen man immer wieder in Sekundenschläfchen abdriftet, dann die Augen aufreißt und dem Gegenüber versichert, man habe natürlich NICHT geschlafen? Und kennt auch jemand das Gefühl, wenn Hirn und Stimmbänder sich auszuklinken scheinen und man sich plötzlich dabei ertappt, hochgradig unlogische und nicht im entferntesten zum Thema passende Sätze zu murmeln?

Dann ist es vielleicht auch schon einmal jemandem passiert, dass er mit der Tochter ein Buch liest, in dem der Held sich aus einem Eisberg ein kleines Boot meiselt. Man sagt aber nicht “Und schau, da baut sich der Polo jetzt ein kleines Boot aus einem Eisberg”, sondern man erklärt “Und schau, da baut sich der Polo jetzt ein kleines Boot aus einem Kotelett”.
“Aus einem Kotelett, Mama?”
“Wie, Kotelett - hab’ ich Kotelett gesagt? Ich meinte natürlich Eisberg, aus einem Eisberg.”

Die Tochter ist damit schon zufrieden, ich selbst frage mich jedoch: wieso Kotelett? Ich esse kein Kotelett, ich habe das Wort “Kotelett” seit bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr ausgesprochen.
Will ich ein Kotelett?
Und falls ja, wieso erfahre ich nicht als erste davon?

Manche Tage…

September 28, 2007

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by wEnDaLicious

Ich stehe seit Viertel nach sechs mit Unterbrechungen in der Küche und bereite das Mittagessen - Pizza - für Nathalies Kindergartentruppe zu.
Die Unterbrechungen ergeben sich durch die zeitraubende Suche nach der Puppe Lisbeth, die heute unbedingt mit muss, durch das Putzen von Mini-Nasen und durch das Hinterherjagen durch alle Zimmer, um der Tochter das Nachthemd zu entreißen und sie in unwettertaugliche Kleidung zu stecken.

Nebenbei habe ich Bananenquark gemacht und das Frühstück zubereitet.
Cornflakes. Mit Milch. Und Rosinen.

Und jetzt schildere ich einen ganz persönlichen miesen Moment.
Ich knete gerade den Teig noch einmal durch und verfluche mich dafür, nicht auf ein Fertigprodukt zurückgegriffen zu haben.
Draußen ist es noch düster, und es regnet in Strömen.
Nathalie bequemt sich nach mehrmaligen Rufen in die Küche und setzt sich hin.
Wir sind knapp in der Zeit.
Wir sind richtig knapp in der Zeit, und ich stehe noch barfuss und mit bemehlten Händen da, statt mit dem Kind im Fahrradsitz dem Kindergarten entgegenzujagen.
Nathalie schüttet den kompletten Schüsselinhalt auf Pullover, Hose, Socken, Puschen, den Tisch, ihren Stuhl und auf den Küchenboden bis hin zum Kühlschrank.

Später fuhr ich über eine winzige Scherbe, woraufhin das Hinterrad den Geist aufgab.
Aber das war dann auch schon egal.

Oktoberfest - drumherum

September 25, 2007


by Tavallai

Kennt jemand noch dieses Computerspiel, wo man einem kleinen Jungen auf dem Fahrrad beim Zeitungaustragen behilflich sein musste? Stur radelte er eine endlose Straße entlang, links und rechts mit Zeitungen um sich werfend, und alle Naselang rannten Dackel auf die Fahrbahn oder überholende Autos trachtetem ihm nach dem Hinterrad.

Exakt so geht es mir derzeit, wenn ich um die Theresienwiese herum mein Kind zum Kindergarten kutschiere.
STÄNDIG rennen Leute in Tracht auf die Fahrbahn, mit Vorliebe zwischen parkenden Autos heraus. Der Blick verhangen, der Gang nicht immer stabil, sind sie gerade noch in der Lage, Unflätiges zu brüllen, wenn man bei dem Versuch ihnen auszuweichen nur knapp die Balance zu halten vermag.

Autofahrer biegen plötzlich rechts ab, blinken scheint nicht mehr angesagt zu sein.
Oder man bremst mal eben, einfach so.
Ja, denn genau HIER möchte jemand aussteigen. Völlig egal, ob der Autohintermann mein Rücklicht durch solche Haltemanöver touchiert, HIER möchte jemand aussteigen, denn HIER sind es nur noch etwa siebzehn Schritte bis zum nächsten Bierzelt.

Radwege heißen zwar noch so, werden aber von Wies’nbesuchern beschlagnahmt, die es für sich in Anspruch nehmen, zu acht oder neunt fest verschweißt nebeneinander her zu stolpern. Klingeln sollte man besser lassen, wenn man vorhat, überhaupt noch einmal an dieser menschlichen Kette vorbeizukommen.
Zur Seite gehen kommt überhaupt gar nicht in Frage. Den Blick stur ins Nirwana gerichtet, marschieren die Leute zombiemäßig eine alkoholbedingt mehr oder minder schnurgerade Bahn, und wehe dem, der sich nicht rechtzeitig in Luft aufzulösen vermag.

Schließe ich das Tor zur Einfahrt nicht schnell genug auf, erhält der Hinterreifen schon mal einen Tritt, schließe ich hinter mir nicht schnell genug ab, stellt sich mitunter das Problem, wie man die fröhliche Krakeeler wieder hinausbefördert, die hinterhergeschwankt sind.

Selbst meine Freunde und Helfer parken die Minna mit einem gewagten Schlenker ungerührt fünf Meter vor mir, und während ich, die ich ausnahmsweise mal etwas schneller als im Trödeltempo vorankam, noch versuche einen Aufprall zu vermeiden, überlege ich angestrengt, wofür ich jetzt wohl gleich zu Rechenschaft gezogen werde. Antwort: für nix.
Offenbar wollte man nur mal eben wichtig aus dem Fenster schauen.

Jetzt rechne ich mir mal eben aus wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass mir in den nächsten zwölf Tagen jemand frontal ins Rad gerät, und dann entscheide ich, ob ich ab morgen lieber auf den Buggy zurückgreife.

Gibt’s doch gar nicht.

September 22, 2007


by mdumlao98

Gestern musste ich zu meiner großen Irritation feststellen, dass irgend ein Mensch eine Zigarette in Nathalies Fahrradkindersitz ausgedrückt hat. Mit großer Sorgfalt wurde dabei nicht nur der Bezug durchgeschmort, sondern mittels gehörigem Druck auch noch das Plastik darunter angesengt. Nun frage ich mich: ist ein solche Tat durch irgend eine nachvollziehbare Motivation zu erklären?

“Willkommen zurück im kinderfreundlichsten Land der Welt” lästert der Gatte.
Hmpf.

Schlicht: Hallo, München

September 20, 2007

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by Rasheedy Sneaky Siddigui 

Sollte mein letzter Beitrag so klingen, als gäbe es nur zu vermissen und nichts zu begrüßen, dann arbeite ich dem jetzt entgegen.

Ich begrüße die Münchner Luft. Ja, das mag seltsam klingen, und ja, auch ich habe die Feinstaub-Diskussion mitverfolgt. Aber offenbar stinkt Feinstaub nicht ganz so arg, wie die New Yorker Mülltüten in Kombination mit den New Yorker Hundehaufen im Sommer. Dagegen hat die Münchner Luft tatsächlich etwas von Tannenfrische. Das ist mein voller Ernst.

Ich begrüße die Bio-Provider meines Vertrauens. Ich gebe zu, ich bin bezüglich der Nahrungsmittel, die ich zu mir nehme, etwas paranoid. Andere mögen beim Genuss eines konventionellen Apfels völlig mit sich im Reinen sein, ich dagegen fühle mich wie Schneewittchen, wenn dieser Apfel nicht hundertprozentig bio ist. Und in New York gibt’s zwar eine Menge “organic stuff”, aber dies schützt weder vor Vitaminzusätzen noch vor der Tatsache, dass eine Menge “all natural” zwischen all den schönen organic Dingen herumlungert. Und “all natural” sagt in Bezug auf bio etwa genau so viel aus, wie das Wort “natürliche Inhaltsstoffe”: nix.

Ich begrüße das Münchner Wasser. Ich LIEBE das Münchner Wasser. Ich grinse immer noch vor mich hin, wenn ich mir ein Glas Leitungswasser zu Gemüte führe, einfach, weil dieses Leitungswasser tatsächlich trinkbar ist. Das Leitungswasser in New York dampfte zwar nicht grün, wenn es aus dem Hahn floss, schmeckte aber so, als sollte es grün dampfen. Und die Plastikwasserbehälter, in denen man gallonenweise Trinkwasser nach Hause schleppen konnte, waren auch nicht immer so das Wahre. Ich habe eine Weile überlegen müssen, woran mich der Geruch jedes fünften Poland Spring erinnert, und als es mir endlich einfiel, habe ich den Genuss von Poland Spring sofort eingestellt.  (Im Vertrauen: es riecht wie die blauen Dixie-Klos. Da denke ich sicherheitshalber gar nicht weiter darüber nach - ich habe das Zeug nämlich in nicht unbeträchtlicher Menge getrunken).

Ich begrüße meine Münchner Waschmaschine. Und ich begrüße die saubere Wäsche, die sich aus dem Umstand ergibt, dass ich meine Münchner Waschmaschine wieder begrüßen durfte.

Ich begrüße meine Lieben hier in München, die mich unverdrossen via Mail oder Telefon weiterhin an ihrem Münchner Alltag teilhaben ließen: Hallo Sandra. Hallo Karin. Hallo Monika. Hallo Brigitte. Schön, euch mal wieder zu sehen.

New York, New York

September 13, 2007

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by chaim zvi

Ich verweise für ausschweifende Erklärungen, warum ich gerade jetzt aus München schreibe, auf  die “Über mich”-Seite und lege einfach mal los.

Zwei Wochen München, und ich ziehe für’s Erste folgendes Resümee:

Ich vermisse Jamba Juice. Ich bin mittlerweile süchtig nach meiner täglichen Dosis an gestoßenem Eis, Früchten und obskuren Boosts à la „Soy Protein“ (our classic vegan protein boost, with 7 grams of protein to help cell growth and build muscle) oder „Antioxidant-Power“ (rich in antioxidants (vitamins A, C and E), helps neutralize free radicals to maintain cell health). Ich weiß gar nicht, wie ich das überleben soll und warte derzeit auf erste Entzugserscheinungen.
Wie Jamba Juice selbst das überleben wird, steht noch in den Sternen – so oft, wie ich dort Säfte hinausgetragen habe, könnte mein Verschwinden sie nun vermutlich in die roten Zahlen stoßen.

Ich vermisse das Children’s Museum of Manhattan. Ja, ich habe mich daran gewöhnt, zwischen hundertsiebzig anderen Müttern zu stehen und meinem Kind dabei zuzusehen, wie es im Feuerwehrkostüm den „Hokey Pokey“ tanzt. Ich will Nathalie wieder eines der sechs Stühlchen um den Basteltisch erobern, auf dass sie ihre fünfzehnte Collage aus Stoffresten, Papierschnipseln und Glitzerkleber kreieren kann, und einen Platz in der „Circle Time“, der zweimal täglich stattfindenen Vorlese- und Singrunde. Nicht zu vergessen, die „Block Party“, ein Raum im Keller, der eigens Tausenden von langen, flachen Holzstäbchen gewidmet ist. Man kann sie unter anderem zu gigantischen Türmen aufstapeln, und absolut jeder gerät in Versuchung, mindestens einmal im Leben einen Turm zu bauen, der höher ist, als man selbst. Ab 1,60 Meter Höhe darf das Kind nur noch unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen mitbauen, und jedes Erwachsenenherz sinkt in sich zusammen, wenn das Gebilde mit ohrenbetäubendem Getöse in sich zusammenfällt.

Ich vermisse den Central Park. Die Playgrounds in ihren fantasievollen Varianten, das Karussell mit den nostalgischen Holzpferden, auf denen immer mehr Große als Kleine sitzen. Die hunderttausend Kleinigkeiten, auf die man bei seinen Streifzügen stößt, wie Türmchen, Puppentheater, reich verzierte Steinbänke, Schach-Häuser oder Springbrunnen. Die Wiesen, auf denen sich im Frühling und Sommer halb New York auf Decken niederlässt, um irgendwelchen Gratis-Konzerten zu lauschen. Die Eichhörnchen. Ich denke, ich werde mal ein paar Verbesserungsvorschläge hinsichtlich des Englischen Gartens einreichen.

Ich vermisse den Hudson. Genau genommen vermisse ich unsere abendlichen Picknickrunden am Hudson. Die Isar ist ob fehlender Segelboote und vorbeiziehender Luxusyachten kein angemessener Ersatz.
Zugegebenermaßen vermisse ich nicht den Verkehrslärm, der vom Henry Hudson Pkwy ausgeht und quasi nur eine verschleiernde Buschreihe entfernt ist.

Ich vermisse die etwa achtunddreißig Restaurants, die sich in fünfminütigem Umkreis um unserer Wohnung befinden. Zu Fuß, wohlgemerkt. Zur Haustür rausgehen und sich zu fragen: Thai? Sushi? Fisch? Oder an Nathalie denken und sich fragen: Pizza? Pizza? Pizza?
Und dann einfach drei Minuten losschlendern und sich einen Platz anbieten lassen.

Ich vermisse Anne.
Nathalie vermisst Noah.

Ich vermisse das Straßenbild der Brownstones mit ihren schmiedeeisernen Feuerleitern. Ich finde ja ganz ehrlich, dass New York schon sehr, sehr laut ist und oftmals nicht sehr gut riecht.
Aber dass New York wunderschön ist, würde ich sofort unterschreiben.

(seufzt ein bißchen und geht sich eine Brez’n holen)