In stiller Ehrfurcht

Februar 14, 2008

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by olli_steinmann

Ich lese gerade von Schätzing „Der Schwarm“.
Seitdem bin ich in der Lage, mir jederzeit eine dreißig Meter hohe Welle am Horizont vorzustellen, was sich ein klein wenig belastend auf meine Lebensqualität legt.

Abgesehen davon verharre ich mental in einer Art Dauerkniefall vor Schätzings Werk und lege etwa alle drei Seiten eine kleine Pause ein, um mir zum wiederholten Male ins Gedächtnis zu rufen, dass dieses geballte Wissen, diese Fülle an Informationen, diese Mischung aus Sachverstand und Fiktion zu alledem auch noch mitreißend geschrieben ist. Ich habe jetzt knapp 500 Seiten gelesen und damit gut die Hälfte des Buches durch, und noch immer galoppiere ich so derart rasant über die Sätze, dass ich nach dem Überfliegen des Wortes „Ende“ vermutlich das komplette Buch noch einmal lesen sollte, um auch das fehlende Drittel noch zu erfassen, welches ich bei meiner derzeitigen Lesegeschwindigkeit schlicht überspringe.

Ich überspringe, weil ich wissen muss, wer den Orca-Angriff überlebt. Und warum die Hummer explodieren. Wie ergeht es Anawak bei seinem nächtlichen Tauchgang, und was sieht Stone, als er sich in einer Acrylkugel 900 Meter tief im Meer versenken lässt?
Und wenn ich nicht bald erfahre, was es mit dieser blauen Wolke auf sich hat und woher sie kommt und welches Ziel sie verfolgt, dann kann ich nicht dafür garantieren, dass ich nicht nur jeden dritten Satz, sondern gleich dreihundert Seiten überspringe, um rückgratsloserweise das Ende zu lesen, Herrgottnochmal!

Ähnlich ergeht es mir übrigens, wenn ich John Irving lese. Oder Henning Mankell. Matt Ruff. Oder Terry Pratchett (ein Extra-Kniefall für Terry Pratchett).

Pratchett hat mittlerweile über vierzig Bücher geschrieben. Ich besitze sie alle. Ich habe jedes bereits mehrere Male gelesen, und ich stelle fest: er wird immer noch besser.
Wie macht er das nur? Was unterscheidet sein Hirn von meinem? Wieso hat er bereits etwa 20.000 Seiten verfasst und schreibt vermutlich gerade drei Bücher gleichzeitig, während ich nach 316 Wörtern, wie wordpress mir das hier gerade freundlicherweise mitteilt, bereits wieder am Ende dieses Blogeintrags feile?

Nun gut, er wird ein bisschen mehr Zeit investieren, als grob geschätzte sieben Minuten.
Die bittere Wahrheit ist jedoch folgende: Sollte man uns beide rumpelstilzchenlike über Nacht mit einem Rechner jeweils in einen leeren Raum einschließen, so hätte Pratchett am Morgen vermutlich die ersten 200 Seiten eines neuen Romans aus der Hüfte geschossen, und ich wäre beim intensiven Nachdenken über einen prägnanten ersten Satz gegen elf eingeschlafen.

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8 Antworten zu “In stiller Ehrfurcht”

  1. Ilona Kaddouri Sagt:

    Hallo, liebe Kira, aber Du hast gegenüber Herr Schätzing doch einen klaren Vorteil: Du wirst von mir gelesen, Schätzing nicht.
    Liebe Grüße
    Ilona

  2. goodytales Sagt:

    Liebste Ilona – wenn Du da mal Deine Prioritäten nicht ungünstig gesetzt hast. :-)

  3. Kathi Sagt:

    Hallo Kira, ich bin irgendwann mal über Deinen blog gestolpert und habe inzwischen jeden einzelnen Eintrag ein- manche sogar mehrmals gelesen… UNd auch schon anderen vorgelesen. Ich finde Deine Art zu schreiben einfach einzigartig und habe schon mehrmals laut geäußert, dass Du bestimmt irgendnen Beruf hast, der mit schreiben zu tun hat… Das wollte ich nur mal sagen. Ok, Schätzing ist auch nicht zu verachten – aber Deine Geschichten sind ebenfalls einfach toll. Und was für den täglichen Gebrauch, da um einiges kürzer… (seit ich meine Tochter habe, schaffe ich nämlich jeden Abend nur wenige Seiten, bevor ich einschlafe :-) )

    LG aus dem Erzgebirge

    Kathi

  4. goodytales Sagt:

    Hallo Kathi,
    vielen lieben Dank!
    Ich denke mal, ich werde Deinen Kommentar heute Abend noch etwa siebenmal lesen und mich bis etwa halb zwölf daran erfreuen.
    Und dann geh’ ich ins Bett.
    Klingt nach einer ziemlich guten Abendgestaltung. :-)

  5. Peter Sagt:

    wenn es dich tröstet: „der schwarm“ ist wirklich megagenial, da hat er beim schrieben wohl gerade einen guten tag gehabt (okay: einen guten monat). aber alles andere, was er vor- und hinterher geschrieben hat, ist nicht der rede wert und kommt über mittelmaß nicht hinaus (jedenfalls die drei anderen, die hoffnungsvoll zu lesen ich mich durch die lektüre des „schwarms“ habe verleiten lassen).

  6. workingmum Sagt:

    Ich fand ihn auch klasse, nach dem ich mich durch die ersten 100 Seiten gequält habe. Allerdings war ich wirklich verwundert, ob seiner Dramaturgie, denn ich fragte mich ständig, wie denn die Story weiter gehen sollte, wenn ständig einer der Huapprotagonisten ums Leben kommt. Ich werd´s wohl noch mal Lesen!

  7. goodytales Sagt:

    workingmum – ständig? Wieso denn ständig?
    Also, bisher traf es nur Tina Lund.

    Jetzt haben Sie mich aber verunsichert.
    (*drückt die Daumen für Johanson, Anawak und Greywolf*)

    Peter – gut zu wissen.
    Dann werd’ ich also mal vorsichtig in seine anderen Bücher hineinblättern, statt sie völlig euphorisiert alle auf einmal zu kaufen.

  8. Peter Sagt:

    Ja, sparste viel Geld :-) .

    Wenn du mal wieder was total abgefahrenes lesen willst (noch schräger als der Schwarm, aber nur 250 Seiten dick, da kann man sich in einer Nacht durchjagen lassen. Aber Vorsicht: Danach ist deine Welt nicht mehr dieselbe.): Albert Sanchez Pinol – Im Rausch der Stille.


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