Berührt.

Juli 31, 2008

Beim Einkaufen lief gerade ein älterer Mann vor mir her.
Er wäre mir nicht weiter aufgefallen, hätte er nicht stoisch ein kleines Stöckchen mit einem daran befestigten weißen Taschentuch hochgehalten. Geduldig setzte er einen langsamen Schritt vor den anderen, und die kleine weiße Fahne zitterte unsicher über seinem Kopf.

Warum?
Erschrecken ihn die Menschen?
Die Autos?
Das Leben?

Die Blicke der Leute berühren ihn nicht. Er erwidert kein Lächeln und reagiert nicht auf Gespöttel. Ein paar junge Mädchen laufen kichernd und sich gegenseitig in die Seite stoßend an ihm vorbei, aber er beachtet sie nicht.

“Ich ergebe mich”, sagt sein Fähnchen.
Und vielleicht sagt es auch noch “Ich fühle mich hilflos” oder “Wo bin ich?”
Was hat ihn dazu gebracht, diese Fahne zu knüpfen und seine innere Verwirrtheit und Machtlosigkeit für alle sichtbar zu machen?

Wenn es nicht völlig undenkbar und geradezu unanständig grenzüberschreitend gewesen wäre, dann hätte ich ihn gerne fotografiert.
So lass ich sein Bild eben nur gedanklich noch etwas nachhallen.

4 Antworten zu “Berührt.”

  1. Peter Sagt:

    Also am einfachsten wäre gewesen, ihn mal zu fragen…

  2. goodytales Sagt:

    Ich befürchte, dann wäre er aus seiner Welt gefallen.

  3. Doktor Vogl Sagt:

    Über 90? Ein Trauma. Stalingrad. Oder eine Wette mit seiner Enkelin, dass er sich nicht traut, mit dem Fähnchen einkaufen zu gehen, ohne zu lachen. Die hat er gewonnen und kriegt jetzt einen Kuchen gebacken. Wahrscheinlich einfach nur senile Demenz. Nein, das ist zu traurig. Er war früher Bergsteiger und hat aus Nepal so ein Gebetsfähnchen mitgebracht, das er nun zum Wohle der Helden am Nanga Parbat durch die bayerische Stadtluft flattern lässt. Vielleicht war er zu lange in seiner Seniorenkneipe, hat die Zeit vergessen beim Bier, seine Frau wird schon ganz narrisch sein und er möchte mit der internationalen Kapitulationssymbolik der zu erwartenden Bestrafung mit dem Nudelholz entgehen? Ich weiss es auch nicht. Was meinen Sie, Goodytales?

  4. goodytales Sagt:

    So ganz spontan würde ich auf die traurige Variante tippen.

    Jede andere angedachte Alternative gefiele mir allerdings ebenfalls besser.


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