Wenn’s aber doch genau so ist?

August 5, 2008


by jere-me

Ich habe gerade beim Stöbern in älteren Texten von mir einen gefunden, den ich wohl so mit Anfang zwanzig geschrieben habe. Ein Bericht über das kurze Leben von Nutzvieh hatte mich einigermaßen aufgewühlt – und wenn ich jetzt meinen damaligen Text lese, dann weiß ich auch wieder ganz genau, warum.

Damals habe ich für diese Text harte Worte einstecken müssen. „Effekthascherei“, „Tränendrüse“ und „weinerliches Geseiher“ wurden mir vorgeworfen, und ich habe mich in einer virtuellen Schlacht mit vorgeschobenen Unterkiefer nur einigermaßen wacker geschlagen.

Ihn jetzt wiedergefunden zu haben, bringt mir gerade etwas aus einer Zeit zurück, in der ich mich noch für so vieles zuständig gefühlt habe in der Welt.
Und heute?
Hm.

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Ich betrete die Welt. Es ist dunkel und eng. Ich kann nichts sehen, nur riechen und hören. Um mich herum gellende Schreie. Ich bin eines dieser schreienden Wesen. Meine erste Empfindung ist die Angst.

Meine Mutter ist niemals für mich da. Ich kenne sie nicht. Meinen Vater habe ich nie erlebt. Ich lerne trotzdem. Lerne, dass ich um mich treten, beißen muss, um meinen Platz zu finden. Lerne, mich auf mein Gehör zu verlassen, meinen Geruchssinn. Meine Augen brauche ich nicht. Sie nutzen mir nicht.

Die Geräusche sind mir vertraut. Sie bringen Nahrung und Schmerz. Ich blute. Dort, wo einmal ein Teil meines Körpers war, ist nichts mehr. Aber ich brauche den Schwanz nicht. Einige von uns haben ihn durch die Bisse anderer schon früher verloren.

Meine Haut ist entzündet. Kein Platz. Bisswunden eitern. Wir hassen uns, aber wir haben nur uns. Ich liege, wenn die Erschöpfung das Stehen nicht mehr zulässt. Die anderen treten auf meinen Bauch, meinen Kopf. Sie können nichts dafür, es ist eng. Ich hasse sie trotzdem. Ich brauche sie. Ich habe Angst.

Ich stehe in meinem Kot, in dem Kot der anderen. Manches fällt durch Ritzen nach unten. Aber nicht alles. Ich rieche ihn. Manchmal versuche ich, mich am Metall zu reiben. Dann öffnen sich verschorfte Wunden, aber meine Haut juckt eine Weile nicht mehr.

Das unablässige Schnaufen und Scharren um mich herum treibt mich in den Wahnsinn. Die ständige Berührung mit den anderen lässt mich vergessen, dass meine Angriffe, mein Streben nach Platz, nur neue Wunden bringen. Ich lerne auch das. Lerne, dass wenig Bewegung die Qual mindert. Irgendwann ist die Zeit ein Fließen. Wir essen. Wir schlafen. Wir versuchen, unsere Körper voreinander zu schützen.

Als ich laufen soll, habe ich keine Kraft. Meine Beine knicken fort, ich habe Angst. Plötzlich verbrennen meine Augen. Ich habe nicht gewusst, dass diese Form des Schmerzes existiert. Etwas trifft mich. Meine Haut platzt auf. Ich versuche, mit den anderen Schritt zu halten. Ich sehe nichts. Ich bin das gewöhnt. An die neuen Schmerzen werde ich mich auch gewöhnen. Ich falle. Vor mir liegt etwas weiches. Die neue Angst, den neuen Schmerz, nicht alle von uns können das ertragen. Ich spüre wieder Schläge, weiche aus, werde durch einen Tritt gegen den Kopf in die vorgegebene Richtung gedrängt. Ein kurze Steigung, dann gibt es kein Weiterkommen.

Ich höre die anderen, rieche sie, fühle sie. Wir schwanken, als der Boden unter unseren Füßen erzittert. Wind schneidet in unsere tränenden Augen. Manche von uns verlieren das Bewusstsein. Aber sie stürzen nicht. Es ist zu eng.
Die Zeit steht still. Ich habe Durst. Die weiche Seite eines Anderen reibt an meiner Schnauze. Ich beiße hinein. Er soll weggehen. Der andere rührt sich nicht, er heult. Blut läuft an meiner Kehle entlang. Er soll weggehen. Warum geht er nicht weg? Ich kann nicht atmen. Meine Augen tun weh.
Die Erde hört auf zu beben. Alles schiebt sich in eine Richtung. Es ist mühsam, über die leblosen Körper der anderen zu steigen. Wir laufen gemeinsam, bis Dunkelheit uns umfängt.

Schmerzen weisen meinen neuen Weg. Die Trennung von den anderen ist schlimm. Ich kann sie noch hören, aber nicht mehr berühren. Statt dessen presst sich etwas Kaltes an meinem Kopf. Ich wehre mich, will zu den anderen. Wo sind die anderen? Das Kalte rutscht ab, etwas tritt gegen meinen Bauch. Ich spüre wieder den Druck an meinem Kopf, dann einen scharfen Schmerz.
Sechs Monate, nachdem ich die Welt betreten habe, sterbe ich.

6 Antworten zu “Wenn’s aber doch genau so ist?”

  1. Doktor Vogl Sagt:

    Verehrteste,

    mir gefällt er. Sehr gut: die kurzen Sätze, hart, knapp. Einer meiner Lehrer hat einmal gesagt, Kitsch erkennt man daran, dass ein Gefühl zu Tode geritten wird. Da bist Du allerdings nahe dran. Der Text ist für meinen Geschmack zu lang. Ich kann garnicht so lange mitleidend/empört sein. Wäre er halb so lang, wäre er doppelt so gut. Mit Anfang zwanzig, erinnere ich mich vage, kann man sich allerdings ziemlich lange nur einem Gefühl anvertrauen, mit der richtigen, unterstützenden Musik sogar ein paar Tage, insofern passt es dann natürlich gut zum Alter der Autorin. Sehr anschaulich finde ich die Schilderung der Enge. Das kann man beim Lesen mitempfinden. Ein paar Sätze sind allerdings ziemlich unanschaulich, wie „Schmerzen weisen meinen neuen Weg“, wie sieht der denn aus, so ein Schmerzwegweiser? ;-)
    Habs jedenfalls gern gelesen. Haben Sie noch mehr?

  2. goodytales Sagt:

    „Schmerzen weisen meinen neuen Weg“ schien mir passend zu sein, da ich noch im Kopf hatte, dass die Tiere mit Stöcken und Elektroschocks aus dem Lastwagen über die Rampe zum Schlachthaus getrieben werden.

    Heute würde ich diesen Satz ersatzlos streichen, so wie ich auch das ein oder andere mittlerweile verändern würde.
    Ich hab’ mir aber mal jede stilistische Änderung verkniffen.
    (Vielleicht mach’ ich das noch. Nur so für mich.)

    Und zur Frage:
    ja, es gibt schon noch mehr Texte.
    Die gehen aber erstens in andere Richtungen, und zweitens sind sie mir teilweise zu unbeholfen, um sie jemandem zu präsentieren, ähem.
    Erste Romanentwürfe, erste extrem leidenschaftliche Mini-Reportagen, erste Gedichtfragmente, so’n Zeugs.
    Sie wissen schon.

  3. Lisa Sagt:

    Ich bin begeistert von Deiner Empathie ! Ich fühlte mich richtiggehend als Schwein bei diesem Text ;-)
    UND:
    ich weiß wieder einmal mehr, wieso ich seit meinem 6. Lebenjahr Vegetarier bin. Die „Schreie“ der Tiere haben sich in mein Herz eingebrannt.
    Lisa, auf dem Land aufgewachsen

  4. Peter Sagt:

    der text ist sicher zu lang, aber trotzdem gut. und originell.

    es bleibt aber natürlich die frage nach den konsequenzen. ernährst du dich vegetarisch? oder gönnst du dir ab und zu ein schnitzel?

  5. goodytales Sagt:

    Ich habe mich knapp neun Jahre lang vegetarisch ernährt.

    Mittlerweile gönne ich mir selten, aber hin und wieder Fleisch – allerdings ausschließlich und ausnahmslos Bio.

    Outingende.

  6. Marlen Sagt:

    Ich finde es gut… also, grade durch die Schreibweise sehr ergreifend.

    Ich gebe zu, ich bin kein Vegetarier, aber das heisst ja nicht, dass ich es gut finde, wie diese Tiere behandelt werden – im Gegenteil.


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