Archiv für 'Alltägliches'Kategorie

Wenn’s aber doch genau so ist?

August 5, 2008


by jere-me

Ich habe gerade beim Stöbern in älteren Texten von mir einen gefunden, den ich wohl so mit Anfang zwanzig geschrieben habe. Ein Bericht über das kurze Leben von Nutzvieh hatte mich einigermaßen aufgewühlt - und wenn ich jetzt meinen damaligen Text lese, dann weiß ich auch wieder ganz genau, warum.

Damals habe ich für diese Text harte Worte einstecken müssen. “Effekthascherei”, “Tränendrüse” und “weinerliches Geseiher” wurden mir vorgeworfen, und ich habe mich in einer virtuellen Schlacht mit vorgeschobenen Unterkiefer nur einigermaßen wacker geschlagen.

Ihn jetzt wiedergefunden zu haben, bringt mir gerade etwas aus einer Zeit zurück, in der ich mich noch für so vieles zuständig gefühlt habe in der Welt.
Und heute?
Hm.

Produkt

Ich betrete die Welt. Es ist dunkel und eng. Ich kann nichts sehen, nur riechen und hören. Um mich herum gellende Schreie. Ich bin eines dieser schreienden Wesen. Meine erste Empfindung ist die Angst.

Meine Mutter ist niemals für mich da. Ich kenne sie nicht. Meinen Vater habe ich nie erlebt. Ich lerne trotzdem. Lerne, dass ich um mich treten, beißen muss, um meinen Platz zu finden. Lerne, mich auf mein Gehör zu verlassen, meinen Geruchssinn. Meine Augen brauche ich nicht. Sie nutzen mir nicht.

Die Geräusche sind mir vertraut. Sie bringen Nahrung und Schmerz. Ich blute. Dort, wo einmal ein Teil meines Körpers war, ist nichts mehr. Aber ich brauche den Schwanz nicht. Einige von uns haben ihn durch die Bisse anderer schon früher verloren.

Meine Haut ist entzündet. Kein Platz. Bisswunden eitern. Wir hassen uns, aber wir haben nur uns. Ich liege, wenn die Erschöpfung das Stehen nicht mehr zulässt. Die anderen treten auf meinen Bauch, meinen Kopf. Sie können nichts dafür, es ist eng. Ich hasse sie trotzdem. Ich brauche sie. Ich habe Angst.

Ich stehe in meinem Kot, in dem Kot der anderen. Manches fällt durch Ritzen nach unten. Aber nicht alles. Ich rieche ihn. Manchmal versuche ich, mich am Metall zu reiben. Dann öffnen sich verschorfte Wunden, aber meine Haut juckt eine Weile nicht mehr.

Das unablässige Schnaufen und Scharren um mich herum treibt mich in den Wahnsinn. Die ständige Berührung mit den anderen lässt mich vergessen, dass meine Angriffe, mein Streben nach Platz, nur neue Wunden bringen. Ich lerne auch das. Lerne, dass wenig Bewegung die Qual mindert. Irgendwann ist die Zeit ein Fließen. Wir essen. Wir schlafen. Wir versuchen, unsere Körper voreinander zu schützen.

Als ich laufen soll, habe ich keine Kraft. Meine Beine knicken fort, ich habe Angst. Plötzlich verbrennen meine Augen. Ich habe nicht gewusst, dass diese Form des Schmerzes existiert. Etwas trifft mich. Meine Haut platzt auf. Ich versuche, mit den anderen Schritt zu halten. Ich sehe nichts. Ich bin das gewöhnt. An die neuen Schmerzen werde ich mich auch gewöhnen. Ich falle. Vor mir liegt etwas weiches. Die neue Angst, den neuen Schmerz, nicht alle von uns können das ertragen. Ich spüre wieder Schläge, weiche aus, werde durch einen Tritt gegen den Kopf in die vorgegebene Richtung gedrängt. Ein kurze Steigung, dann gibt es kein Weiterkommen.

Ich höre die anderen, rieche sie, fühle sie. Wir schwanken, als der Boden unter unseren Füßen erzittert. Wind schneidet in unsere tränenden Augen. Manche von uns verlieren das Bewusstsein. Aber sie stürzen nicht. Es ist zu eng.
Die Zeit steht still. Ich habe Durst. Die weiche Seite eines Anderen reibt an meiner Schnauze. Ich beiße hinein. Er soll weggehen. Der andere rührt sich nicht, er heult. Blut läuft an meiner Kehle entlang. Er soll weggehen. Warum geht er nicht weg? Ich kann nicht atmen. Meine Augen tun weh.
Die Erde hört auf zu beben. Alles schiebt sich in eine Richtung. Es ist mühsam, über die leblosen Körper der anderen zu steigen. Wir laufen gemeinsam, bis Dunkelheit uns umfängt.

Schmerzen weisen meinen neuen Weg. Die Trennung von den anderen ist schlimm. Ich kann sie noch hören, aber nicht mehr berühren. Statt dessen presst sich etwas Kaltes an meinem Kopf. Ich wehre mich, will zu den anderen. Wo sind die anderen? Das Kalte rutscht ab, etwas tritt gegen meinen Bauch. Ich spüre wieder den Druck an meinem Kopf, dann einen scharfen Schmerz.
Sechs Monate, nachdem ich die Welt betreten habe, sterbe ich.

Das hat sie nicht von mir.

August 1, 2008


by sockmonkey59

“MAMA!”

Ich fahre mit einem Ruck hoch und starre blicklos nach vorne.
Irgend etwas hat mich gerade höchst unsanft geweckt, aber warum…

“MAMA!”

Ich blinzele zur Uhr.
Kurz vor sechs.

“MAMA! Ich MUSS dir was zeigen!”

Ich benötige zwei weitere Sekunden, um die Stimmlage meines Lieblingskindes zu sondieren: Schreck? Entsetzen? Schmerz? Verzweiflung?

“MAMA! Jetzt KOMM doch mal her!”

Empörung.
Ja, Empörung trifft es ganz gut.

“MAMA!”

Ich höre, wie die Tochter sich auf den Weg zurück ins Schlafzimmer macht.
Gut. Dann darf ich wohl im Bett bleiben und mir wenigstens im Liegen anhören, was gerade Grauenvolles über uns hereingebrochen ist.

“MAMA!”

Mit vor der Brust verschränkten Armen und vorgeschobener Unterlippe starrt mich ein zerzaustes Kind von oben herab an.

“MAMA! So geht das nicht. Das Klo ist schmutzig!”

Oh mein Gott, ich habe einen Hausdrachen geboren.

Berührt.

Juli 31, 2008

Beim Einkaufen lief gerade ein älterer Mann vor mir her.
Er wäre mir nicht weiter aufgefallen, hätte er nicht stoisch ein kleines Stöckchen mit einem daran befestigten weißen Taschentuch hochgehalten. Geduldig setzte er einen langsamen Schritt vor den anderen, und die kleine weiße Fahne zitterte unsicher über seinem Kopf.

Warum?
Erschrecken ihn die Menschen?
Die Autos?
Das Leben?

Die Blicke der Leute berühren ihn nicht. Er erwidert kein Lächeln und reagiert nicht auf Gespöttel. Ein paar junge Mädchen laufen kichernd und sich gegenseitig in die Seite stoßend an ihm vorbei, aber er beachtet sie nicht.

“Ich ergebe mich”, sagt sein Fähnchen.
Und vielleicht sagt es auch noch “Ich fühle mich hilflos” oder “Wo bin ich?”
Was hat ihn dazu gebracht, diese Fahne zu knüpfen und seine innere Verwirrtheit und Machtlosigkeit für alle sichtbar zu machen?

Wenn es nicht völlig undenkbar und geradezu unanständig grenzüberschreitend gewesen wäre, dann hätte ich ihn gerne fotografiert.
So lass ich sein Bild eben nur gedanklich noch etwas nachhallen.

Also, nee.

Juli 29, 2008


by Barbour

Vor einigen Wochen habe ich bei vier verschiedenen Verkäufern über ebay Kleidung für Nathalie ersteigert.

Von Verkäufer A einen weißen Pullover mit einer roten Tulpe, von Verkäufer B eine rote Hose und ein weißes T-Shirt mit rotem Herz, von Verkäufer C eine helle Leinenhose mit rosa Leinenhemd und von Verkäufer D eine rote Samtjacke mit aufgestickter Kirsche.

So.

Verkäufer A schickte einen weißen Pullover mit roter Tulpe in Größe 3T statt 4T.
Mit viel gutem Willen passt er Nathalie noch diesen Sommer.

Verkäufer B schickte eine rote Hose und ein weißes T-Shirt mit rotem Herz in Größe 9.
Mit viel Glück passt das Nathalie im Sommer 2012.

Verkäufer C schickte statt der hellen Leinenhose und dem rosa Leinenhemd einen rosa Babystrampelanzug, einen geblümten Body und einen rosa Hut in Größe “3 Monate”.
Nicht einmal mit unglaublich viel gutem Willen und noch mehr Glück wird das Nathalie jemals passen.

Ich habe eine Weile überlegt, wie Verkäufer D diese Serie noch toppen kann und war bereit, ein Paket mit Luftlöchern und raschelndem Inhalt kategorisch abzulehnen, aber Verkäufer D hatte einen viel besseren Einfall - er schickte gar nichts.

R.I.P., ebay.

Knips

Juli 25, 2008


by Caro Wallis

Meine Mutter hatte früher einen Fotoapparat mit aufsteckbarem Blitz. Mithilfe dieses Blitzes konnte sie vier Bilder machen, und es war völlig klar, dass jedes einzelne Bild seinen Weg ins Album finden würde, sofern es nicht gerade komplett schwarz geworden war (und selbst dann hätte meine Mutter vermutlich kurz überlegt).

Meine dreiundeinhalb Fotoalben repräsentieren mich daher in ganzer Vielfalt. Es gibt süße Bilder, lustige Bilder, verwackelte Bilder, absurde Bilder und völlig grauenvolle Bilder. Mitunter ist mein Kopf nur halb zu sehen, auf anderen ragt der Finger des Knipsers ins Bild. Es gibt eines von der “Schau, ganz dahinten, zwischen den Bäumen, das, was aussieht wie ein Schmutzfleck, das bist du. Da hattest du dein neues Kleid an!”-Sorte, und eines, von dem meine Mutter sich noch heute fragt, ob das Kind auf dem betreffenden Bild wirklich ihr Kind ist.

Nathalie besitzt bereits vier Fotoalben, und jeder, der einen Blick hineinwirft, fragt sich, warum dieses entzückende Kind nicht in die Werbung geht. So groß sind die Augen, so gelockt das Haar, der Blick mal wach und aufmerksam, mal verträumt und berührend - wie kann es sein, dass dieses Ausbund an Niedlichkeit nicht bereits einem vorbeilaufenden Scout ins Auge gefallen ist?

Nun, es liegt natürlich daran, dass ich statt einer Vierfach-Blitz-Kamera eine Digicam besitze. Und es insofern nicht mehr ganz so erstaunlich ist, wenn da im Album das Bild vom herzergreifend die Oma anlächelnden Kind klebt. Das Bild, wo sie schaut, als hätte sie Magenschmerzen, das, wo sie den Mund so weit aufreißt, dass ihre Mandeln klar zu erkennen sind, und die sieben Bilder, wo sie in eine völlig andere Richtung sieht, ruhen in Frieden auf dem Rechner.

Ebenso ergeht es minimal verwackelten Bildern, den halbgeschlossene-Augen-Bildern und den “So groß ist ihr Kopf doch gar nicht”-Bildern.

Man KANN gar nicht alle Bilder in Alben kleben, die man mit der Digicam macht. Sonst hätten Nathalies Bilder mittlerweile ein eigenes Zimmer, und ich käme zu überhaupt gar nichts anderem mehr. Ich hänge ohnehin schon nach. Eingeklebt sind die Bilder bis Mai 2006, die Bilder bis Februar 2007 liegen auf einem immerhin sortierten Stapel im Schrank.

Gestern habe ich alle Fotos, die ins Album wandern sollen, in einen eigenen Ordner gepackt und dafür geschlagene vier Stunden gebraucht.
Es ist bereits abzusehen, dass vier bis fünf weitere Alben angeschafft werden müssen, um die Bilderflut unterzubringen, und neben der dunklen Bedrohung des Einklebens ist das vermutlich der Hauptgrund, warum ich den Vierfach-Blitz-Alben meiner Kindheit gerade doch etwas hinterhernostalgiere.

Kartoffel-Sellerie-Suppe für ALLE!

Juli 21, 2008


by cyclone bill

Für die Kindergartentruppe meiner Tochter hatte ich heute eine Suppe zu fabrizieren, und eine lecker-würzige Kartoffelsuppe à la Jamie Oliver schien mir hierfür das geeignete Rezept zu sein. Sein Vorschlag, zu gleichen Teilen Sellerie und Kartoffeln hinzuzufügen erschien mir gewagt, und ich entschied mich für zwei kleine Sellerieknöllchen und zwei Kilogramm Kartoffeln.

Nichtsdestotrotz köchelte schlussendlich eine sehr intensivschmackige Selleriesuppe auf dem Herd, und es war völlig klar, dass kein normales Kind diese meine Suppe jemals essen würde.

Welch Schmach.

Ich musste daher gerade noch unglaublich viel Sahne und Brühe hinzugeben und letztlich noch einmal ein gutes Kilo Kartoffeln kochen und pürieren, bevor ich mir nun ansatzweise Hoffnungen machen darf, die Suppe nicht alleine essen zu müssen.

Die werden nicht schlecht gucken, wenn ich nachher für zehn kleine Kinder und zwei Erwachsene mit acht Litern Suppe anrücke.

Ein Stöckchen von Madame

Juli 19, 2008


by HeckMeck

Und zwar von Madame Klutze, um genau zu sein.
Gewissenhaft erledige ich das sofort.

4 Jobs, die Du in Deinem Leben hattest:
1. Mein erster Job:
Ich habe für 5 MARK die Stunde die Regale eines Großmarktes aufgeräumt. Jawohl, AUFgeräumt, nicht EINgeräumt. Einräumen wäre dagegen der intellektuelle Overkill gewesen. Am grauenvollsten waren die Grabbelwühltische, die immer nach Grabbelwühltisch aussahen, egal, wie oft ich mir die Mühe machte, ein bisschen Ordnung da reinzubringen.
Frustrierend.

2. Mein spassigster Job:
Zwei Jahre Verkäuferin in einem Plattenladen im Darmstädter Hauptbahnhof. Mit Episoden aus dieser Zeit könnte ich locker noch zwei Neben-Blogs füttern.
Kurzer Ausschnitt: Ich stehe hinter dem Verkaufstresen und sortiere neue Platten. Herein kommt ein aus allen Poren Coolness versprühender Typ um die achtzehn, mit Kopfhörern im Ohr und betont abwesendem Blick. Minutenlang stand er vorher mit einem Freund vor dem Eingang am Posterständer, offenbar die Strategie für einen möglichst effektvollen Auftritt diskutierend. Extra für mich dreht er sich vor dem Tresen schwungvoll auf dem Absatz, kommt dabei ins Schleudern und kracht mit dem Kinn scheppernd und höchstwahrscheinlich schmerzhaft auf die Glasplatte des Verkaufstresens. Als ich mich über selbigen hinüberbeuge, starrt er mich vom Boden mit einer Mischung aus Überraschung, Schmerz und einem nicht unbeträchtlichem Anteil Verlegenheit an und eilt nach dem Aufrappeln geschwind wieder aus dem Laden heraus. Dort tritt er seinen sich in Lachkrämpfen windenden Freund vom Posterständer weg und ward nie wieder gesehen.

3. Ödester Job:
Die nach sieben Monate klugerweise abgebrochene Ausbildung zur Bürokauffrau bei einer Plattenfirma in Frankfurt unter einem cholerischen und völlig irrationalem Chef, dessen Wutausbrüche legendär waren und dazu führten, dass eine Mitarbeiterin, die sich selbst bei einem Fehler ertappte, mit einem Weinkrampf aus dem Raum geführt werden musste, da sie (zu Recht) befürchtete, für dieses Vergehen in Grund und Boden gebrüllt zu werden.

4. Letzter Job:
Eine Studie zur Partizipation in der Heimerziehung für das Münchner Stadtjugendamt.
Eindeutig einer der interessantesten und besten Jobs.

4 Filme, die Du immer wieder anschauen kannst:
1. Die Herr der Ringe-Trilogie: da geht nichts drüber, nichts!
2. Tatsächlich… Liebe: So süß.
3. Die Kinder des Monsieur Mathieu: herzergreifend
4. FluchderKaribikShrekNightmarebeforeChristmasDieMuppets
WeihnachtsgeschichteHairBreakfastClubTimBurton’sCorpseBride
KillBillAllesübermeineMutter:ichkannmichnichtentscheiden.
Dafür fasse ich mich bei den Serien kürzer.

4 Orte, an denen Du gern gewohnt hast:
1. München
2. New York
3. Darmstadt
Es gäbe noch mehr, aber da hab’ ich nicht GERNE gewohnt.

4 TV-Serien, die Du gerne anschaust:
1. Roseanne
2. Star Trek: The next generation
Sonst nix.

4 Plätze, an denen Du im Urlaub warst:
Die besten:
1. Thailand
2. USA
3. Portugal
4. Schottland

4 Webseiten, die Du täglich besuchst:
1. Ein von mir sehr geliebtes Elternforum
2. Spiegel Online
3. WordPress
4. Meinen Mail Provider

4 Deiner Lieblingsessen:
1. Asiatisch
2. Pasta
3. Süßspeisen
4. Grillfisch

4 Plätze, an denen Du gerne im Augenblick sein möchtest:
1. Beim Gatten in New York
2. Auf Ko Lanta am Strand, im Begriff, schnorcheln zu gehen
3. In Schottland beim Wandern
4. Mit den wichtigsten Menschen am Staffelsee

4 Blogger, an die Du das Stöckchen weitergibst:
1. Luckyjack
2. Tyndra
3. Kaleema
4. Miss K.

Ich hoffe, ihr hattet das nicht alle schon?

Das Publikum war heute wieder wundervoll…

Juli 15, 2008


by xjyxjy

Gestern nahm ich an einer Informationsveranstaltung zum Absatz 2 des neuen Paragraphen 8a im SGB und die damit verbundene verstärkte Einbindung der sozialen Träger zur Beurteilung gewichtiger Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung teil. Pünktlich um 9.00 Uhr saß ich auf einem Klappstuhl, lauschte dem Vortrag und begutachtete nebenbei die anderen Teilnehmer.

Direkt vor mir saßen zwei Herren mit großen, bequemen Schuhen, ungepflegtem Haar und besserwisserisch angehauchten “Ach, wenn wir da vorne sitzen würden, was würden wir für kluge Sachen sagen”-Gesichtern. Da sie aber eben nicht vorne saßen, quittierten sie jeden zweiten Satz mit hochgezogenen Augenbrauen, einem herablassenden Grinsen sowie hin und wieder einem gequält-theatralischen Aufseufzen und trieben mich damit in den Wahnsinn.
Bei einem besonders augenfälligen “nach-vorne-beugen plus Hand vor den Mund pressen plus unterdrücktem Gekicher”-Getue konnte ich mir ein “Meine Güte, was finden Sie denn JETZT schon wieder so lustig?!” nicht verkneifen, was den dämlichen und unangemessenen Heiterkeitsausbruch abrupt unterbrach.
Den Rest der Veranstaltung fanden wir uns gegenseitig doof.

Vermutlich haben die Breitschuh-Träger mich gedanklich hurtig zu den wichtig nickenden Damen eingeordnet, die den Vortrag dermaßen angespannt verfolgten, als würden sie mit jeder Kopfbewegung nicht nur Zustimmung signalisieren, sondern das Gesagte auch noch hochoffiziell absegnen. Aus dieser Riege kamen auch die meisten Anmerkungen, die in der Regel mit “Ich hätte da mal eine KONKRETE Frage…” (”… im Gegensatz zu den irrelevanten Fragen der unbedarften Anderen”) oder “Was ich jetzt aber WIRKLICH interessant finden würde….” (”… und preiset den Herrn, dass endlich eine hier die wesentliche Frage stellt”) eingeleitet wurden.

Ganz anders dagegen die “Da müsste man eigentlich schon vielleicht auch”-Säuslerinnen, die sich offenbar ganz unheimlich zusammenreißen mussten, um nicht jeden Satz mit “Du” zu beginnen. Diesen Drang leben sie dann mehr oder minder flüsternd aus. “Du, Gabi”, tönte es daher zehnminütlich halblaut hinter mir, “wie viel Uhr ist es?/ist jetzt eigentlich Pause?/fährst du danach gleich nach Hause?”, und wenn ich nicht das ständige gekünstelte Aufseufen des selbstherrlichen Männerduos vor mir so unerträglich gefunden hätte, dann wäre mir vielleicht auch der ein oder andere Seufzer herausgerutscht.

Gegen halb elf entschloss sich der halbe Saal plötzlich zu einer außerordentlichen Pause und ließ die Veranstalter einigermaßen hilflos und mit konsterniertem Gesichtsausdruck vor dem Beamer zurück. Beladen mit süßen Teilchen und Kaffee setzen sich alle nach etwa zehn Minuten wieder und hielten immerhin eine weitere Stunde durch, bevor eine der “Eventuell vielleicht”-Frauen den Finger hob und zwanzig Minuten vor dem Ende der Vorträge anfragte, ob vielleicht die Möglichkeit bestünde, eine weitere Pause einzulegen? Darüber musste dann fünf Minuten leidenschaftlich diskutiert werden, wobei sich schließlich die “Noch zwanzig Minuten”-Brüller durchsetzen konnten.

Der besonders renitente Teil der Anwesenden schritt natürlich trotzdem betont langsam zum Buffett - schließlich sind wir ja alles erwachsene Menschen nicht wahr? Und da lässt man sich natürlich nicht mehr von irgend einer Dame am Projektor durch bloßes Bitten dazu bewegen, noch eine Viertelstunde auf den Plätzen auszuharren.

Der Vortrag war übrigens auch sehr interessant, jawohl.

Smalltalk für Anfänger und Fortgeschrittene

Juli 13, 2008


by Zesmerelda

Stufe 1:
Sagt zu nichts und niemandem etwas und fühlt sich wohl dabei.

Stufe 2:
Sagt zu nichts und niemandem etwas und ist sich nicht sicher, ob das in Ordnung ist.

Stufe 3:
Sagt zu nichts und niemandem etwas und fühlt sich schlecht deswegen.

Stufe 4:
Plaudert mit dem Sitznachbarn über das Wetter und fühlt sich dabei doof. Ist aufgeschmissen und geht deshalb nach Hause, wenn der Sitznachbar sich etwas zu trinken holt.

Stufe 5:
Plaudert mit dem Sitznachbarn über das Wetter und fühlt sich dabei doof. Hofft, von der Person gegenüber angesprochen zu werden, sollte der Sitznachbar sich etwas zu trinken holen.

Stufe 6:
Plaudert mit den unmittelbaren Nachbarn über Gott und die Welt und findet das gähnend langweilig.

Stufe 7:
Plaudert mit den unmittelbaren Nachbarn über Gott und die Welt und amüsiert sich prächtig.

Stufe 8:
Hat am Ende der Party mit jedem über Gott und die Welt geplaudert und wird garantiert als Eisbrecher zur nächsten Party geladen.

Stufe 9:
Hat auf den Partys im letzten Jahr so oft den Eisbrecher gemacht, dass er sich freiwillig auf Stufe 1 begibt.

Für immer und ewig

Juli 11, 2008


by kappuru

Ich habe mich ja schon oft gefragt, warum es mir so schwer fällt, meinen Kleiderschrank auszumisten. Die Theorie klingt schließlich ganz einfach: alles, was über ein Jahr nicht getragen wurde, alles, was blass, fadenscheinig und abgetragen wirkt, alles, was nicht mehr passt und alles, was sich von der ersten Sekunde an als Fehlkauf herausstellte - weg.
Anschließend darf man dann einen zufriedenen Blick in den nunmehr luftigen Schrank werfen und, sofern man über den nötigen finanziellen Hintergrund verfügt, sich neu einkleiden gehen.

Warum gelingt mir das nicht?

Ich besitze gleich zwei Jeans, die es wirklich, wirklich hinter sich haben. Sie sind verwaschen, zerbeult und an einigen Stellen sogar etwas zerrissen - aber der Gedanke, sie der Tonne zu übergeben, führt bei mir zu Atemstörungen.

Ja, ja, ja, ich bin nicht mehr 17, ich weiß.
Und auch einer Siebzehnjährigen würde man derart abgetragene Hosen nur mit einem gewissen Niedlichkeitsbonus nachsehen.
Aber - ich kann sie ja immerhin noch zu Hause tragen. Und um mal eben Nathalie zum Kindergarten zu fahren taugen sie auch noch. Schließlich bin ich ja ziemlich schnell mit dem Rad, das sieht dann ja keiner so genau.

Dann hab’ ich hier noch einen schwarzen, wunderbar weichen Rollkragenpullover. Der ist immer noch atemberaubend schmiegsam, nur leider scheinen die Ärmel bei der letzten Wäsche etwas geschrumpft zu sein. Er ist aber nichtsdestotrotz quasi noch neu und teuer war er auch noch.
So etwas kann man doch nicht einfach aussortieren.

Die T-Shirts… nun gut. Die sind nicht mehr schön, da ausgeleiert und verwaschen.
Aber man kann sie prima im Winter noch zusätzlich unter die dicken Pullover ziehen.
Dabei fällt mir auf - mit einem Mantel über den schwarzen Rollkragenpulli wäre auch dieser wieder tragbar.

Und dann gibt’s da noch ein Kleid, welches eigentlich unter die “Ein-Jahres”-Regel fällt - aber ich trage es nur deshalb nie, weil ich es nicht verkraften würde, sollte es zu Schaden kommen. Und mit dieser Einstellung sind Grasflecken und Kinderhandabdrücke ohnehin schon beschlossene Sache.

Es kommt der Tag, an dem werde ich all diese Kleidungsstücke unbedingt brauchen, da bin ich sicher.
Es wird die perfekte Party für dieses perfekte Kleid geben, ein eiskalter Winter wird gleich drei zusätzliche ausgeleierte T-Shirts unter dem schwarzen Rollkragenpullover notwendig machen, und dieser Winter wird dann sogar so frostig werden, dass man den Mantel selbst im Haus nicht mehr ausziehen kann, so dass niemand die zu kurzen Ärmel bemerkt.

Und die Jeans… nun, die Jeans.
Sofern ich die nicht mal bei irgendeinem Rohrbruch oder einem Ausflug in die Sümpfe anziehen werde, kann ich die ja immer noch zu Hause tragen.