Archiv für 'Augenblick'Kategorie

Besser geht nicht.

August 7, 2008


by youngdoo

Ich habe eine Nachbarin, bei der ist das so:

Wenn ich ihr einen Apfel schenke, dann schenkt sie mir drei zurück. Und außerdem zwei Birnen, sieben Aprikosen und einen Arm voll Trauben.

Leih ich ihr eine Gabel, dann hängt Stunden später an meiner Tür ein Säckchen mit besagter Gabel, einem zusätzlichen quietschbunten Kinderbesteck und einer Packung Trockenfrüchte.

Gebe ich ihrer Tochter die Gummistiefel, aus denen mein Kind herausgewachsen ist, dann freut sich letzteres am nächsten Tag über ein rosa “Hello Kitty”-Shirt und eine rote Herztasche.

Mache ich ihr ein Kompliment, dann dauert ihre Antwort drei bis sieben Minuten und lässt mich den restlichen Tag lächelnd durch die Gegend schweben.

Kennt jemand das Märchen von der Prinzessin, die von ihrem Mann verstoßen wurde, jedoch noch die Erlaubnis erhielt, in einer goldenen Truhe das mitzunehmen, was ihr am wichtigsten wäre?
Sie verabreichte ihrem Mann zum letzten gemeinsamen Essen ein starkes Schlafmittel und packte ihn in die Truhe.
(And they lived happily ever after.)

Frau Nachbarin, wenn ich mal umziehe, passen Sie wohl in einen großen Koffer, hm?

Wenn’s aber doch genau so ist?

August 5, 2008


by jere-me

Ich habe gerade beim Stöbern in älteren Texten von mir einen gefunden, den ich wohl so mit Anfang zwanzig geschrieben habe. Ein Bericht über das kurze Leben von Nutzvieh hatte mich einigermaßen aufgewühlt - und wenn ich jetzt meinen damaligen Text lese, dann weiß ich auch wieder ganz genau, warum.

Damals habe ich für diese Text harte Worte einstecken müssen. “Effekthascherei”, “Tränendrüse” und “weinerliches Geseiher” wurden mir vorgeworfen, und ich habe mich in einer virtuellen Schlacht mit vorgeschobenen Unterkiefer nur einigermaßen wacker geschlagen.

Ihn jetzt wiedergefunden zu haben, bringt mir gerade etwas aus einer Zeit zurück, in der ich mich noch für so vieles zuständig gefühlt habe in der Welt.
Und heute?
Hm.

Produkt

Ich betrete die Welt. Es ist dunkel und eng. Ich kann nichts sehen, nur riechen und hören. Um mich herum gellende Schreie. Ich bin eines dieser schreienden Wesen. Meine erste Empfindung ist die Angst.

Meine Mutter ist niemals für mich da. Ich kenne sie nicht. Meinen Vater habe ich nie erlebt. Ich lerne trotzdem. Lerne, dass ich um mich treten, beißen muss, um meinen Platz zu finden. Lerne, mich auf mein Gehör zu verlassen, meinen Geruchssinn. Meine Augen brauche ich nicht. Sie nutzen mir nicht.

Die Geräusche sind mir vertraut. Sie bringen Nahrung und Schmerz. Ich blute. Dort, wo einmal ein Teil meines Körpers war, ist nichts mehr. Aber ich brauche den Schwanz nicht. Einige von uns haben ihn durch die Bisse anderer schon früher verloren.

Meine Haut ist entzündet. Kein Platz. Bisswunden eitern. Wir hassen uns, aber wir haben nur uns. Ich liege, wenn die Erschöpfung das Stehen nicht mehr zulässt. Die anderen treten auf meinen Bauch, meinen Kopf. Sie können nichts dafür, es ist eng. Ich hasse sie trotzdem. Ich brauche sie. Ich habe Angst.

Ich stehe in meinem Kot, in dem Kot der anderen. Manches fällt durch Ritzen nach unten. Aber nicht alles. Ich rieche ihn. Manchmal versuche ich, mich am Metall zu reiben. Dann öffnen sich verschorfte Wunden, aber meine Haut juckt eine Weile nicht mehr.

Das unablässige Schnaufen und Scharren um mich herum treibt mich in den Wahnsinn. Die ständige Berührung mit den anderen lässt mich vergessen, dass meine Angriffe, mein Streben nach Platz, nur neue Wunden bringen. Ich lerne auch das. Lerne, dass wenig Bewegung die Qual mindert. Irgendwann ist die Zeit ein Fließen. Wir essen. Wir schlafen. Wir versuchen, unsere Körper voreinander zu schützen.

Als ich laufen soll, habe ich keine Kraft. Meine Beine knicken fort, ich habe Angst. Plötzlich verbrennen meine Augen. Ich habe nicht gewusst, dass diese Form des Schmerzes existiert. Etwas trifft mich. Meine Haut platzt auf. Ich versuche, mit den anderen Schritt zu halten. Ich sehe nichts. Ich bin das gewöhnt. An die neuen Schmerzen werde ich mich auch gewöhnen. Ich falle. Vor mir liegt etwas weiches. Die neue Angst, den neuen Schmerz, nicht alle von uns können das ertragen. Ich spüre wieder Schläge, weiche aus, werde durch einen Tritt gegen den Kopf in die vorgegebene Richtung gedrängt. Ein kurze Steigung, dann gibt es kein Weiterkommen.

Ich höre die anderen, rieche sie, fühle sie. Wir schwanken, als der Boden unter unseren Füßen erzittert. Wind schneidet in unsere tränenden Augen. Manche von uns verlieren das Bewusstsein. Aber sie stürzen nicht. Es ist zu eng.
Die Zeit steht still. Ich habe Durst. Die weiche Seite eines Anderen reibt an meiner Schnauze. Ich beiße hinein. Er soll weggehen. Der andere rührt sich nicht, er heult. Blut läuft an meiner Kehle entlang. Er soll weggehen. Warum geht er nicht weg? Ich kann nicht atmen. Meine Augen tun weh.
Die Erde hört auf zu beben. Alles schiebt sich in eine Richtung. Es ist mühsam, über die leblosen Körper der anderen zu steigen. Wir laufen gemeinsam, bis Dunkelheit uns umfängt.

Schmerzen weisen meinen neuen Weg. Die Trennung von den anderen ist schlimm. Ich kann sie noch hören, aber nicht mehr berühren. Statt dessen presst sich etwas Kaltes an meinem Kopf. Ich wehre mich, will zu den anderen. Wo sind die anderen? Das Kalte rutscht ab, etwas tritt gegen meinen Bauch. Ich spüre wieder den Druck an meinem Kopf, dann einen scharfen Schmerz.
Sechs Monate, nachdem ich die Welt betreten habe, sterbe ich.

Argh!

August 3, 2008


by dawn_perry

Ich bin für weiße Kleidung einfach nicht gemacht!

Das hat sie nicht von mir.

August 1, 2008


by sockmonkey59

“MAMA!”

Ich fahre mit einem Ruck hoch und starre blicklos nach vorne.
Irgend etwas hat mich gerade höchst unsanft geweckt, aber warum…

“MAMA!”

Ich blinzele zur Uhr.
Kurz vor sechs.

“MAMA! Ich MUSS dir was zeigen!”

Ich benötige zwei weitere Sekunden, um die Stimmlage meines Lieblingskindes zu sondieren: Schreck? Entsetzen? Schmerz? Verzweiflung?

“MAMA! Jetzt KOMM doch mal her!”

Empörung.
Ja, Empörung trifft es ganz gut.

“MAMA!”

Ich höre, wie die Tochter sich auf den Weg zurück ins Schlafzimmer macht.
Gut. Dann darf ich wohl im Bett bleiben und mir wenigstens im Liegen anhören, was gerade Grauenvolles über uns hereingebrochen ist.

“MAMA!”

Mit vor der Brust verschränkten Armen und vorgeschobener Unterlippe starrt mich ein zerzaustes Kind von oben herab an.

“MAMA! So geht das nicht. Das Klo ist schmutzig!”

Oh mein Gott, ich habe einen Hausdrachen geboren.

Berührt.

Juli 31, 2008

Beim Einkaufen lief gerade ein älterer Mann vor mir her.
Er wäre mir nicht weiter aufgefallen, hätte er nicht stoisch ein kleines Stöckchen mit einem daran befestigten weißen Taschentuch hochgehalten. Geduldig setzte er einen langsamen Schritt vor den anderen, und die kleine weiße Fahne zitterte unsicher über seinem Kopf.

Warum?
Erschrecken ihn die Menschen?
Die Autos?
Das Leben?

Die Blicke der Leute berühren ihn nicht. Er erwidert kein Lächeln und reagiert nicht auf Gespöttel. Ein paar junge Mädchen laufen kichernd und sich gegenseitig in die Seite stoßend an ihm vorbei, aber er beachtet sie nicht.

“Ich ergebe mich”, sagt sein Fähnchen.
Und vielleicht sagt es auch noch “Ich fühle mich hilflos” oder “Wo bin ich?”
Was hat ihn dazu gebracht, diese Fahne zu knüpfen und seine innere Verwirrtheit und Machtlosigkeit für alle sichtbar zu machen?

Wenn es nicht völlig undenkbar und geradezu unanständig grenzüberschreitend gewesen wäre, dann hätte ich ihn gerne fotografiert.
So lass ich sein Bild eben nur gedanklich noch etwas nachhallen.

Nicht auszuhalten.

Juli 27, 2008


by johncarney

Irgendwo da draußen vor dem Fenster sitzt eine Frau und weint.
Es ist bereits nach Mitternacht, und ansonsten ist es absolut still.
Keine Autos mehr, keine einsamen Hundeausführer, kein schneller Stöckelschuhschritt, und keine krakeelenden Spätheimkehrer - einfach nur das Schluchzen dieser Frau, ganz alleine, mitten in der Nacht.

Ich sitze hier im T-Shirt und will eigentlich ins Bett. In den letzten zwei Stunden bin ich etwa alle zwanzig Minuten zum fiebernden Kind gelaufen, das sich unruhig und jammernd zwischen den Decken hin und her wälzt.
Aber wenn dieses Weinen noch ein paar Minuten so weiter geht, dann geh’ ich raus und sehe nach, ob es was zum Trösten gibt.

Komm einfach rein.

Juli 23, 2008


by willem velthoven

Wenn man beim alljährlichen Hautkrebs-Screening bis auf die Unterhose entkleidet im Behandlungszimmer steht und die Frau Doktor die letzten Ratschläge erteilt, dann ist es irgendwie nicht so nett, wenn sie dies mit dem Rücken zur bereits geöffneten Tür erledigt, derweil im Hintergrund der nächste Patient neugierigen Blickes vorbeischlendert.

Ärzte.

Wieso immer ich?

Juli 17, 2008


by Kira

Gestern Abend hab’ ich bis spät in die Nacht in großer Runde über Spinnen, Motten und noch mehr Spinnen geplaudert, als sich plötzlich ein besonders widerwärtiges Prachtexemplar von Achtbeiner hinter dem Rechner die Wand hochschob.

Abgesehen davon, dass es mich mal wieder Wochen und Monate meines Lebens gekostet hat, um das irrwitzig schnelle Tier in ein Glas zu bekommen - ein solcher Zufall ist doch irgendwie beklemmend.

Überdies ist mir etwas ähnliches schon einmal passiert. Ich lag mit dem Telefon am Ohr im Bett, unterhielt mich bestens und dachte zwischendurch aus unerfindlichem Grunde darüber nach, wie unangenehm es wäre, wenn jetzt eine Spinne das Laken heraufgeeilt käme - und im nächsten Augenblick passierte genau das.
Ich habe weder davor noch danach jemals wieder eine Spinne im Bett gehabt (klopft wild auf der Holzschale herum), und das darf und soll auch so bleiben, aber was lässt sich aus derlei Zufällen schließen?

Bin ich vielleicht Spiderwoman und in der Lage, durch intensives daran-denken eine Invasion der Weberknechte zur Rettung der Welt anzuführen? (Falls dem so sein sollte, ist dann aber leider die Falsche erleuchtet worden, und der Weltfrieden muss noch etwas warten, tut mir leid.)

Erwähnenswert vielleicht noch, dass ich Nathalie heute morgen gestattet habe, die Spinne in den Garten zu bringen. Beim Herausschütteln landete das Teil allerdings leider auf Nathalies Regencape und machte sich hurtig auf den Weg nach oben.
Unser beider Hände erreichten Überschallgeschwindigkeiten, um das Tier davon abzuhalten, in den Kapuzenausschnitt zu krabbeln, und das schlimme daran ist: ich weiß NICHT, wo die Spinne letztlich landete.
Plötzlich war sie weg.

Auf dem Weg in den Kindergarten hab’ ich mich außerordentlich bemüht, NICHT daran zu denken, dass sie plötzlich über den Fahrradlenker läuft.

Irgendwie putzig.

Juli 9, 2008


by Felix42 contra la censura

Frisch aus dem Spam-Ordner will ich die Mail mit folgender Betreffzeile niemandem vorenthalten:

“… deine Erk harter ist und viel ausdauernder.”

Wer auch immer einen Erk besitzt, der getunt werden sollte - ich leite die Mail gerne weiter.

Mein Erk lässt sich gerade ein grünes Fell wachsen und ist ENDLICH in der Lage, einen annehmbaren Kaffee zu kochen, deswegen haben wir da gar keine Verwendung für.

Eins von diesen Dingen ist nicht wie die andern…

Juli 5, 2008


by Wade Rockett

Wir haben seit heute eine neue Spülmaschine in der Küche stehen.

Und die sieht jetzt so strahlend, so weiß, so niegelnagelneu aus, dass sich der arme Kühlschrank gerade beschämt hinter die Tür verzogen hat.

Ach.

*geht das restliche Küchenequipment auf Spülmaschinenstand bringen*