
by xjyxjy
Gestern nahm ich an einer Informationsveranstaltung zum Absatz 2 des neuen Paragraphen 8a im SGB und die damit verbundene verstärkte Einbindung der sozialen Träger zur Beurteilung gewichtiger Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung teil. Pünktlich um 9.00 Uhr saß ich auf einem Klappstuhl, lauschte dem Vortrag und begutachtete nebenbei die anderen Teilnehmer.
Direkt vor mir saßen zwei Herren mit großen, bequemen Schuhen, ungepflegtem Haar und besserwisserisch angehauchten “Ach, wenn wir da vorne sitzen würden, was würden wir für kluge Sachen sagen”-Gesichtern. Da sie aber eben nicht vorne saßen, quittierten sie jeden zweiten Satz mit hochgezogenen Augenbrauen, einem herablassenden Grinsen sowie hin und wieder einem gequält-theatralischen Aufseufzen und trieben mich damit in den Wahnsinn.
Bei einem besonders augenfälligen “nach-vorne-beugen plus Hand vor den Mund pressen plus unterdrücktem Gekicher”-Getue konnte ich mir ein “Meine Güte, was finden Sie denn JETZT schon wieder so lustig?!” nicht verkneifen, was den dämlichen und unangemessenen Heiterkeitsausbruch abrupt unterbrach.
Den Rest der Veranstaltung fanden wir uns gegenseitig doof.
Vermutlich haben die Breitschuh-Träger mich gedanklich hurtig zu den wichtig nickenden Damen eingeordnet, die den Vortrag dermaßen angespannt verfolgten, als würden sie mit jeder Kopfbewegung nicht nur Zustimmung signalisieren, sondern das Gesagte auch noch hochoffiziell absegnen. Aus dieser Riege kamen auch die meisten Anmerkungen, die in der Regel mit “Ich hätte da mal eine KONKRETE Frage…” (”… im Gegensatz zu den irrelevanten Fragen der unbedarften Anderen”) oder “Was ich jetzt aber WIRKLICH interessant finden würde….” (”… und preiset den Herrn, dass endlich eine hier die wesentliche Frage stellt”) eingeleitet wurden.
Ganz anders dagegen die “Da müsste man eigentlich schon vielleicht auch”-Säuslerinnen, die sich offenbar ganz unheimlich zusammenreißen mussten, um nicht jeden Satz mit “Du” zu beginnen. Diesen Drang leben sie dann mehr oder minder flüsternd aus. “Du, Gabi”, tönte es daher zehnminütlich halblaut hinter mir, “wie viel Uhr ist es?/ist jetzt eigentlich Pause?/fährst du danach gleich nach Hause?”, und wenn ich nicht das ständige gekünstelte Aufseufen des selbstherrlichen Männerduos vor mir so unerträglich gefunden hätte, dann wäre mir vielleicht auch der ein oder andere Seufzer herausgerutscht.
Gegen halb elf entschloss sich der halbe Saal plötzlich zu einer außerordentlichen Pause und ließ die Veranstalter einigermaßen hilflos und mit konsterniertem Gesichtsausdruck vor dem Beamer zurück. Beladen mit süßen Teilchen und Kaffee setzen sich alle nach etwa zehn Minuten wieder und hielten immerhin eine weitere Stunde durch, bevor eine der “Eventuell vielleicht”-Frauen den Finger hob und zwanzig Minuten vor dem Ende der Vorträge anfragte, ob vielleicht die Möglichkeit bestünde, eine weitere Pause einzulegen? Darüber musste dann fünf Minuten leidenschaftlich diskutiert werden, wobei sich schließlich die “Noch zwanzig Minuten”-Brüller durchsetzen konnten.
Der besonders renitente Teil der Anwesenden schritt natürlich trotzdem betont langsam zum Buffett - schließlich sind wir ja alles erwachsene Menschen nicht wahr? Und da lässt man sich natürlich nicht mehr von irgend einer Dame am Projektor durch bloßes Bitten dazu bewegen, noch eine Viertelstunde auf den Plätzen auszuharren.
Der Vortrag war übrigens auch sehr interessant, jawohl.