Archiv für 'New York'Kategorie

Sesam, öffne dich

Mai 8, 2008


by Nico Kaiser

Die New Yorker Subway öffnet an jeder Station großzügig alle ihre Türen. Dazu muss niemand auch nur einen Finger rühren - sie tut das ganz von alleine.

Ich weiß das.
Der Münchner im Allgemeinen aber nicht.

Und deshalb stoße ich auch nicht auf allzu großes Verständnis, wenn ich in der U-Bahn stoischen Blickes in vorderster Reihe die Türen fixiere, jedoch keine Anstalten mache, selbige zu öffnen.
Irgend ein außerordentlich New York-geprägter Teil in mir lässt mich in aller Ruhe abwarten - bis der Arm eines genervten Hintermannes sich an mir vorbeidrängelt, um den Knopf zu drücken, bevor die U-Bahn weiter fährt.

Glücklicherweise gelang dies bisher immer rechtzeitig.
Ich fühle mich schon einigermaßen unangenehm berührt, wenn ich die irritierten Blicke der sich zerstreuenden Menschenmenge ertragen muss, und ich bin sehr sicher, dass ich eine Fahrt bis zur nächsten Station zwischen all den “Ist die doof?”-Gedankenblasen nicht überstehen würde.

Eisläufer

Januar 8, 2008

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by Jack O’Spades

Gestern waren wir eislaufen im Bryant Park.
Zugegebenermaßen hatte ich ein bisschen damit gerechnet, dass Nathalie beim Versuch an mir hochzuklettern meinen Schienbeinen ein paar derbe Schnittwunden verpassen würde, bevor wir gemeinsam der Länge nach hinschlagen, aber wider Erwarten glitten wir sehr souverän am Rand entlang.

Den Part des Eis-Trottels übernahm statt uns ein junger Mann, dessen Hirn nicht dafür gemacht zu sein schien, die Information “Ich kann auf dem Eis nicht springen” zu speichern.
Ein ums andere Mal nahm er Schwung, spannte die Sprunggelenke und hob ab, um dann mit den verschiedensten Körperteilen zuerst wieder auf’s Eis zu treffen, die Füße streng ausgenommen. Erst als ihn ein Eis-Security-Angestellter minder sanft zur Seite zog, ließ er von seinem Vorhaben ab, und ich musste glücklicherweise neben der Eisfläche nicht auch noch den Luftraum überwachen.

Um uns herum schlitterten New Yorker aller Alterstufen dahin, und bemerkenswerterweise waren nicht wenige nur mit einem T-Shirt und dreiviertellangen Hosen bekleidet. Es war sonnig, das gebe ich zu, nichtsdestotrotz hätte mich niemand dazu bringen können, auch nur die Jacke über dem Rollkragenpullover auszuziehen.
Vermutlich handelt es sich bei den T-Shirt-Gleitern um dieselben Leute, die bei -17 Grad und Eiswind mit blaugefrorenen nackten Füßen in Ballerinaschühlein unterwegs sind, während ich mich verzweifelt frage, warum man nicht zwei Paar Winterstiefel übereinander ziehen kann und ernsthaft darüber nachdenke, statt Schuhgröße 40 lieber 43 zu wählen, um zumindest ein drittes Paar Wollsocken überstreifen zu können.

So kalt kann es hier gar nicht werden, dass man nicht wenigstens einen Jogger in kurzen Hosen sieht, der den Eiszapfen ausweicht, die er beim Atmen verursacht oder ein junges Mädchen, das zwar mindestens in drei Jacken eingewickelt ist und einen Schal vor der Nase trägt, deren Füße aber in Flipflops stecken (was ihre Gesamtstatur etwas seltsam proportioniert aussehen lässt).

Ich persönlich erkälte mich ja bereits beim bloßen Anblick solcher Menschen.

Als Kind bin ich aber mal heimlich nachts mit nackten Füßen durch den Schnee gelaufen, jawohl. Von der Haustür zum Gartentor und wieder zurück. Es war vollkommen still, und der Schnee war weich, wattig und schneidend kalt. Als ich wieder ins Haus trat, fühlte sich der zuvor eisige Marmorboden im Flur angenehm warm unter meinen Füßen an.

Leider fiel in der Nacht kein Flöckchen mehr, und da ich nicht daran gedacht hatte, meine Spuren zu verwischen, musste ich mir am nächsten Morgen beim Frühstück so einiges anhören.

Es war’s aber wert.

Dann doch lieber “Pleiten, Pech und Pannen”, danke.

Januar 4, 2008

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by Martin_Heigan

Heute vormittag haben wir uns eine Ausstellung von Georges Seurat im Museum of Modern Art angesehen.
Ich könnte das jetzt einfach so stehen lassen, was dann sicher ziemlich weltgewandt und wichtig rüberkommen würde, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: vermutlich gibt es niemanden, der die Ausstellung schneller abgewandert hat als wir.
Nathalie war nämlich nur etwa zwölf Minuten lang dafür zu begeistern, danach bekam sie Hunger und fand alles andere als das Thema Nahrungsaufnahme langweilig. Und wenn Dreijährige etwas langweilig finden, werden sie zu nassen Zementsäcken mit ellenlanger Unterlippe, was wiederum den ästhetischen Genuss eines jeden Gemäldes arg reduziert.

Beim Italiener gegenüber gab’s ölige Pasta für den Gatten und mich, sowie eine ölige Pizza für die Tochter.
Außerdem hing schräg hinter uns ein Flachbildschirm, auf dem man die Sendung “Spike’s Most Amazing Amateur Videos” (oder so ähnlich) zu sehen bekam. In Deutschland ließe sich unter einem solchen Titel ein lustiger Sturz vor dem Traualtar oder eine vom Fernseher fallende Katze erwarten, bei Spike verlieren Menschen ihre Füße unter den Rädern eines einfahrenden Zuges oder werden dreißig Meter durch die Luft geschleudert, wobei man dann noch einmal in Zeitlupe zu sehen bekommt, dass der Unglückliche tatsächlich mit dem Kopf zuerst aufprallt.
Zu meinem Leidwesen warf ich genau in dem Moment einen Blick auf den Bildschirm, als einem Mann der Arm zwischen die mächtigen Walzen einer Maschine geriet. Was auch immer dort eigentlich durchläuft, dicker als ein Blatt Papier sollte es nicht sein, und ich erspare jetzt die anatomischen Details einer Hand, die es einem Blatt Papier gleichtun wollte.
Anschließend wusste ich nicht mehr, ob mir von diesem Anblick oder von den Nudeln langsam flau im Magen wurde, und ich drängte zum Aufbruch.

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir damit, ziellos die Fifth Avenue entlang zu schlendern und uns an den immer noch sehr weihnachtlichen Schaufenstern zu erfreuen. Nathalie zeigte sich vor allem begeistert vom Szenario eines französischen Cafés, wobei besonderen Anklang fand, dass auf einem Teller ganz eindeutig grüne Gummibärchen lagen, ich verweilte dafür etwas länger vor dem Armani-Store. Unser beider Blick dürfte aber ähnlich sehnsüchtig gewesen sein.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt ließ dann glücklicherweise auch der Drang sich zu übergeben etwas nach.
Was bleibt ist das Gefühl, irgendwie doch noch nicht alles gesehen zu haben, sowie die Gewissheit, dass das wohl auch gut so ist.

(Das Foto ist pure Kompensation. Außerdem bin ich ganz sicher, dass hier niemand ein Foto will, das zum Thema passt)

Für Judith

Dezember 29, 2007

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by kira (wie alle weiteren auch)

Eine gute Freundin von mir hat dieses Jahr einen spektakulären Heiligabend erlebt. Aus der Reihe “Was man Heiligabend so gar nicht brauchen kann” war so ziemlich alles vertreten, und auf mein schockiertes “Kann man Dir was Gutes tun?!” erklang es von ihr virtuell über den Ozean:

“kira, ja, tu mir was gutes, bitte! vielleicht gehst du für ne stunde als getarnte judith durch nyc und trällerst vor dich hin, tanzt über die straße, sagst allen leuten hallo und dass ihr “all insane” seid und lachst dann komisch dazu, aber mach ein foto davon, damit ich auch weiß, was ich dort so gemacht hab die stunde über, und wo ich mich nicht mehr blicken lassen kann, zumindest nicht als getarnte judith alias kira.”

Nun denn.
Im Übereifer bin ich sogar durch halb Manhattan gerannt, wobei ich doch an mich halten konnte, was die Selbstentblödung betrifft. Mir passiert das unbeabsichtigt schon häufig genug, das muss ich daher nicht auch noch forcieren, wohl.

Also, Judith, bitte schön - für Dich:

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Hier siehst Du - wie auch schon fotographisch sehr professionell auf dem Bild festgehalten - die diesjährige Modelleisenbahn im City Corp Building. Ich hab’ mir mental eher unprofessionell so gar nichts gemerkt dazu, außer “Tausende von Büschen und Bäumen” sowie “Zwei eislaufende Hunde”.
Lass Dir also nur sagen, dass das Ganze wirklich sehr, sehr groß ist. So groß, dass die Besucher wiederum professionell um das Geschehen herum geschleust werden (was wiederum in erster Linie einen wichtigen Gesichtsausdruck und das Beherrschen des Textes “Please fill the gaps!” voraussetzt).
Hat vor allem dem Töchterlein sehr gut gefallen.

Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Central Park, und an der Ampel neben dem Apple Store hielt ich dieses besinnliche Bild fest:

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Ich möchte nicht unerwähnt lassen, liebe Judith, dass ich mir nicht sooo sicher war, ob die beiden Easy Rider mit Totenkopfgesichtern mir nicht einen vor den Latz knallen würden, wenn ich sie auf Bild festhalte, aber für Dich hab’ ich’s gewagt.
Stolzgeschwellt ob dieser mutigen Tat ging’s dann anschließend weiter in den Central Park hinein.

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Mich hätte der Hunger ja glatt durch den gesamten Park hindurch getrieben, Kind und Gatte jedoch klebten leider vor dieser schönen Szenerie fest:

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Hier siehst Du die leere Eisbahn im Wolman Rink. Leer ist sie deshalb, da die Eisfläche gerade erneuert wurde. Und spannend ist das genau so sehr, wie sich das anhört. Der Gatte jedoch schwadronierte eine halbe Stunde lang über “diesen coolen Job” des Eiserneuerers, und wie “genial” es doch sei, so “genau sehen zu können, was man schon geschafft” habe.
Nathalie fasste sich kürzer, stellte mit “Ich will das sehen!” jedoch auch ganz unmißverständlich klar, dass ich die schlechteren Karten habe, was das Weiterziehen betrifft.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde wurden wir für die doofe Warterei mit diesem Anblick belohnt:

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Und dann konnten wir endlich essen gehen.

Und zwar das:

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“Dosa” nennt sich dieses leckere Gebilde. Meines ist gefüllt mit roter Beete, Kürbis und Ziegenkäse, und ich bin die erste, die zugeben würde, dass dieses Foto es vermutlich nicht ins Werk “Ästhetische Kochkunst” geschafft hätte.
Man erspare sich daher jeden Kommentar und folge mir ins Museum of National History:

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Darin siehst Du unter anderem das:

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(vorne)

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(hinten)

Dieser Wal ist so gigantisch, dass mir weitere Worte völlig unnötig erscheinen.
Wann auch immer ich im Museum of Natural History bin, muss ich mich jedes Mal unter diesen Wal stellen und mir vorstellen, er fiele jetzt gerade herunter.

Tribute to Christmas im Museum of National History:

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Man kann sich nun darüber streiten, ob trotz des Origami-Themes die lindwurmartige Papierschlange nicht doch ein bißchen nach Endlos-Druckerpapier aussieht, wirklich nett anzusehen waren aber diese niedlichen Tierchen hier:

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Diesmal wieder fotographisch brillant kann man sicher das Einhorn-Grüppchen erkennen - passend zur Ausstellung “Mythic Creatures”, die hier noch bis zum 8. Januar zu sehen sein wird.

Wieder draußen ist es bereits dunkel. Und obwohl Weihnachten ja bereits vorbei ist, blinkt New York noch in froher Festbeleuchtung vor sich hin.
Sowohl im Kleinen…

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… als auch im Großen:

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Auf dem letzten Bild ist der Baum vor der Metropolitan Opera zu sehen und zwar gerade in blau.
Steht man länger, sieht man ihn auch noch in grün, gelb und pink.

Mit diesem Bild endet der Tag und dieser Blogeintrag.


(Dies als Zugabe - ich erlaube mir mal einfach, die zu geben, ohne explizit dazu aufgerufen zu sein. Life zu sehen bei F.A.O. Schwarz, und immer wieder schön)

Weihnachtsgrüße

Dezember 26, 2007

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by Fenchurch!

Mir fremde New Yorker riefen mir gestern folgendes zu:

“Merry Christmas!” - die Frau an der Kasse bei Fairway, wo ich Muffins, Baguette, Wasser und Meerrettich besorgt habe (essentiell wichtige Dinge für ein Lachsfrühstück, bei dem nur der Lachs vorhanden ist).

“God bless you and your child” - eine alte Frau mit nackten Beinen und herunterrutschenden roten Socken unter einem abgewetzten Mantel.

“Merry Christmas!” - der Doorman im Haus unserer Freunde, bei denen wir gestern zum Essen eingeladen waren.

“Merry Christmas!” - ein junger Mann mit Dogge, beide im Mantel.

“Merry Christmas!” - ein Busfahrer.

“Where is your child? Where is your CHILD?!” - eine alte Frau mit nackten Beinen, weißen Söckchen, blauem Mantel und rotem Kopftuch, die an einer Hauswand gelehnt am Broadway stand.

“Thankyouthankyouverymuchmerrychristmasthankyou” - ein Mann undefinierbaren Alters in mehreren Schichten Kleidung, dem ich etwas Geld in die Hand drückte.

“Merry Christmas!” - die Frau an der Kasse in einem Deli, bei dem wir Häagen Dasz Mint Chocolate für’s Dessert erstanden.

Euch fremden Lesern - und auch all den mir bekannten:
Merry Christmas.
Frohe Weihnachten.

O Tannenbaum

Dezember 23, 2007

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by brandon king

Die meisten New Yorker haben ja bereits einen Christbaum.
Der steht in der Regel vor irgend einem schönen, hohen Fenster und verbreitet festliche Stimmung bis auf die Straße hinaus.
Und obwohl ich seit Jahrzehnten überzeugte “Ich kaufe meinen Tannenbaum erst am 24. Dezember”-Verfechterin bin, hat mich das zugegebenermaßen etwas unter Druck gesetzt. Ich meine, was, wenn am 24. Dezember keine Tannenbäume mehr zu haben sind? Was, wenn die New Yorker denken “Ach, am 24. Dezember, da kauft doch keiner mehr einen Baum” und einen Tag vorher sämtliche noch vorhandenen Tannenbäume zu Elefantenfutter verarbeiten?
Oder wenn’s dann nur noch winzige und abgenadelte Schrägbäumchen gibt?
Dieses Risiko konnte ich unmöglich eingehen, und deswegen trieb ich Mann und Kind bereits am 22. Dezember auf den Broadway, um unseren diesjährigen Weihnachtsbaum zu sichern.

Meine bevorzugte Christbaumgröße bewegt sich etwa um die zwei Meter zwanzig herum. Ich scharwenzelte relativ lange in diesem Segment, bis ich endlich den perfekten Baum am Stamm gepackt hielt: gerade, dicht gewachsen, gleichmäßig und weichnadelig. Mein Baum.

“140,- Dollar”, sagt der Verkäufer.
“Kreisch”, sage ich.

Die nächsten zwanzig Minuten war ich bei den 1,70-Bäumchen zu finden, wo ich den Verkäufer für ein etwas zu dicht gewachsenes Exemplar mit Kahlspitze und Loch an der Seite von 80,- auf 60,- Dollar herunterhandelte.

Das Loch wird zur Wand gedreht, die Glatze mit einem goldenen Stern kaschiert, und eine mit Geschenkpapier umwickelte Kiste verleiht ihm die notwendigen Zentimeter, um mit den Zwei-Zwanzig-Bäumen der letzten Jahre mithalten zu können.

All dies ist natürlich mehr für mich - das Töchterlein hat ihn bereits geliebt, als er ihr mit “Das ist unser Weihnachtsbaum” vorgestellt wurde.

Düsseldorf - New York

Dezember 21, 2007

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by Bruno D Rodrigues

Es wäre wohl mal an der Zeit, mich zu entschuldigen, und zwar bei all denen, die mit mir zusammen im gleichen Flugzeug fliegen müssen.
Denn in dem Moment, in dem ich mich einchecke, scheint das Schicksal jedes Fliegers fest zu stehen: er startet zu spät.
Immer.
Immer und überall. Und sei es ein gänzlich banaler Flug von München nach Düsseldorf, der normalerweise völlig unaufgeregt und problemlos jeden Tag seine Runden dreht.
Wenn ich dabei bin, fliegt er nicht um 9.55 Uhr, wie geplant, sondern um zehn nach zwölf.

Das ist klasse, wenn man sich mit müdem Kind um 6.50 Uhr aus dem Haus zum Flughafen begeben hat, um gegen acht dort aufzutreten und dann vier Stunden doof herumsitzt und bereits sämtliche Bücher vorlesen muss, die eigentlich für den sich anschließenden Langstreckenflug geplant waren.
Zumindest hatte ich dadurch genug Zeit, um mich von dem Schock zu erholen, der mich ereilte, als der Check-In-Mitarbeiter nach einem Blick in seinem Computer feststellte:
“Sie fliegen nach Washington. Schön.”
Zehn lange Sekunden entsetzte ich mich über eine mögliche Fehlbuchung meinerseits, bis sich glücklicherweise herausstellte, dass der gute Mann den Flughafen JFK nicht in New York vermutet hatte.
Schön immerhin, dass der Co-Pilot für den Anschlussflug mit mir im Flugzeug saß - so musste die LTU nämlich nicht nur auf ihn, sondern auch auf mich warten.

Das… interessanteste an diesem Flug war das Verhalten der Flugbegleiterinnen. Ich lege selbiges normalerweise unter “zuvorkommend, aufmerksam und freundlich” ab, werde aber extra für die LTU-Mitarbeiterinnen des gestrigen Fluges noch eine Schublade “Flugbegleitung - skurril” eröffnen.
Wunderbar beispielsweise die Situation, als der jungen Frau neben mir in Reihe 25 mit den Worten “Das muss doch wohl nicht ausgerechnet jetzt sein!” untersagt wurde, die Bordtoilette aufzusuchen. Man gedachte das Mittagessen auszuteilen, und um das zu verdeutlichen, parkte die Dame der Flugbegleitung ihren überdimensionierten Metallwagen genau vor Reihe 25. Das Mädchen ließ sich dadurch nicht schrecken und kletterte über zwei Passagiere hinweg zur anderen Seite hinaus - musste sich für diesen Faux Pas allerdings auch ihr Essen selbst holen. Die Bestellung ihres Freundes “Einmal Nudeln, einmal Rindergulasch” wurde nämlich mit dem Satz “Ich kann ihnen nicht zwei Essen austeilen, wenn sie alleine sind” beantwortet, und auch der Nachsatz “Aber meine Freundin kommt doch gleich zurück!” erhielt nur ein schnödes: “Dann soll sie sich selbst etwas aussuchen, wenn sie wieder da ist”.

Das ist allerdings nichts gegen den erstaunlichen Moment, als eine Stewardess sich mit Kaffee und Tee der Reihe 27 näherte. In freudiger Erwartung hob ein Mann in Reihe 26 seine Tasse. Als Reihe 27 abgefüllt war, orderte er höflich einen Kaffee und bekam zu hören: “Das ist nicht mehr meine Reihe. Warten sie auf die Kollegin.”
Sprach’s und trat mit der vollen Kaffeekanne den Rückzug an. Es gelang ihr dann sogar noch, den fassungslos geöffneten Kiefer des Fluggastes zwei weitere Zentimeter nach unten zu bewegen, indem sie sich noch einmal zu ihm umwandte und streng fragte:
“Sie hatten doch auch schon, oder?”

Abgesehen von derlei Vorfällen las ich sämtliche Bücher drei- bis viermal vor, wanderte mit der Tochter Kilometer um Kilometer die engen Gänge zwischen den Sitzen ab und teilte mein Selbst stundenlang mit Johnny-Bär und den Puppen Lisbeth und Fiona, mit denen Nathalie sich offenbar um einiges lieber unterhielt, als mit mir.

Der eigentliche Schock aber erwartete mich, nachdem bereits alles überstanden schien. Ich hatte Nathalie, die wie üblich eine halbe Stunde vor der Landung in den Tiefschlaf sank, quer über den JFK getragen, um letztlich eine gute Stunde vor der Passkontrolle herumzutrödeln, wobei das Kind von Minute zu Minute an Gewicht zuzulegen schien. Jacken und Lisbeth hatte ich unter den anderen Arm geklemmt und mit der freien Hand zog ich den büchergefüllten Trolley hinter uns her.
Schwitzend hatte ich einhändig unsere Koffer auf einen Gepäckwagen gewuchtet und hätte Nathalie dabei einmal beinahe auf das Förderband fallenlassen.
Entsprechend beglänzt sichtete ich dann endlich nach zwanzigminütiger Suche unseren Quinny.
Gleich, gleich würde ich das 114 Kilo schwere Kind dort hinein sinken lassen, ein Sonnenaufgang schien sich an der kahlen Flughafenwand abzuzeichnen, als ich unsicheren Schrittes mit Gepäckwagen und Mini-Mädchen auf unser zusammengeklapptes Gefährt zusteuerte.
Leider war es der Fluggesellschaft gelungen, es während des Transportes irreparabel zu zerstören.

Statt Quinny liegt hier also nur die Bestätigung des Flughafenbeamten, dass der Kinderwagen nicht mehr zu gebrauchen ist.

Ruhe in Frieden, Quinny - wir werden Dich sehr vermissen.

New York, New York

September 13, 2007

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by chaim zvi

Ich verweise für ausschweifende Erklärungen, warum ich gerade jetzt aus München schreibe, auf  die “Über mich”-Seite und lege einfach mal los.

Zwei Wochen München, und ich ziehe für’s Erste folgendes Resümee:

Ich vermisse Jamba Juice. Ich bin mittlerweile süchtig nach meiner täglichen Dosis an gestoßenem Eis, Früchten und obskuren Boosts à la „Soy Protein“ (our classic vegan protein boost, with 7 grams of protein to help cell growth and build muscle) oder „Antioxidant-Power“ (rich in antioxidants (vitamins A, C and E), helps neutralize free radicals to maintain cell health). Ich weiß gar nicht, wie ich das überleben soll und warte derzeit auf erste Entzugserscheinungen.
Wie Jamba Juice selbst das überleben wird, steht noch in den Sternen – so oft, wie ich dort Säfte hinausgetragen habe, könnte mein Verschwinden sie nun vermutlich in die roten Zahlen stoßen.

Ich vermisse das Children’s Museum of Manhattan. Ja, ich habe mich daran gewöhnt, zwischen hundertsiebzig anderen Müttern zu stehen und meinem Kind dabei zuzusehen, wie es im Feuerwehrkostüm den „Hokey Pokey“ tanzt. Ich will Nathalie wieder eines der sechs Stühlchen um den Basteltisch erobern, auf dass sie ihre fünfzehnte Collage aus Stoffresten, Papierschnipseln und Glitzerkleber kreieren kann, und einen Platz in der „Circle Time“, der zweimal täglich stattfindenen Vorlese- und Singrunde. Nicht zu vergessen, die „Block Party“, ein Raum im Keller, der eigens Tausenden von langen, flachen Holzstäbchen gewidmet ist. Man kann sie unter anderem zu gigantischen Türmen aufstapeln, und absolut jeder gerät in Versuchung, mindestens einmal im Leben einen Turm zu bauen, der höher ist, als man selbst. Ab 1,60 Meter Höhe darf das Kind nur noch unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen mitbauen, und jedes Erwachsenenherz sinkt in sich zusammen, wenn das Gebilde mit ohrenbetäubendem Getöse in sich zusammenfällt.

Ich vermisse den Central Park. Die Playgrounds in ihren fantasievollen Varianten, das Karussell mit den nostalgischen Holzpferden, auf denen immer mehr Große als Kleine sitzen. Die hunderttausend Kleinigkeiten, auf die man bei seinen Streifzügen stößt, wie Türmchen, Puppentheater, reich verzierte Steinbänke, Schach-Häuser oder Springbrunnen. Die Wiesen, auf denen sich im Frühling und Sommer halb New York auf Decken niederlässt, um irgendwelchen Gratis-Konzerten zu lauschen. Die Eichhörnchen. Ich denke, ich werde mal ein paar Verbesserungsvorschläge hinsichtlich des Englischen Gartens einreichen.

Ich vermisse den Hudson. Genau genommen vermisse ich unsere abendlichen Picknickrunden am Hudson. Die Isar ist ob fehlender Segelboote und vorbeiziehender Luxusyachten kein angemessener Ersatz.
Zugegebenermaßen vermisse ich nicht den Verkehrslärm, der vom Henry Hudson Pkwy ausgeht und quasi nur eine verschleiernde Buschreihe entfernt ist.

Ich vermisse die etwa achtunddreißig Restaurants, die sich in fünfminütigem Umkreis um unserer Wohnung befinden. Zu Fuß, wohlgemerkt. Zur Haustür rausgehen und sich zu fragen: Thai? Sushi? Fisch? Oder an Nathalie denken und sich fragen: Pizza? Pizza? Pizza?
Und dann einfach drei Minuten losschlendern und sich einen Platz anbieten lassen.

Ich vermisse Anne.
Nathalie vermisst Noah.

Ich vermisse das Straßenbild der Brownstones mit ihren schmiedeeisernen Feuerleitern. Ich finde ja ganz ehrlich, dass New York schon sehr, sehr laut ist und oftmals nicht sehr gut riecht.
Aber dass New York wunderschön ist, würde ich sofort unterschreiben.

(seufzt ein bißchen und geht sich eine Brez’n holen)

You are my sunshine

August 28, 2007

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by Kira

Gestern blieb mein Mini-Mädchen vor einem älteren Mann mit Gitarre stehen, um zu seiner Musik zu tanzen. Stand also da, mitten auf dem breiten Broadway-Gehsteig, im pinkfarbenen Pullover mit dem blauen Herz auf der Brust und tanzte gedankenverloren vor sich hin.
Dabei brachte sie ungefähr 44 vorbeilaufende New Yorker zum Lächeln und den grauhaarigen Herrn sogar zum lauten Lachen, in dem Moment nämlich, als sie zum Abschied seinen hingepusteten Luftkuss erwiderte.

„You made my day!“, rief er hinter uns her, was Nathalie abermals zum Winken veranlasste.

Und jetzt, Achtung, wird’s pathetisch.
Aber tatsächlich schien der Tag nach dieser Episode ein klein wenig heller zu sein.

Dresscode

August 25, 2007

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by jek in the box

Neulich hat sich auf dem Spielplatz eine Frau zu mir gesellt, die eine rosa Hose, ein rosa Shirt, rosa Slipper und einen rosa Haarreif trug. Sie hatte rosa lackierte Finger- und Zehennägel und blassrosa angemalte Lippen.
Außerdem hatte sie einen rosafarbenen Kinderwagen, dessen schwarze Reifen etwas widernatürlich aus dem Gesamtbild heraus stachen.
Ich weiß ja mittlerweile, dass es für New Yorker Mädchen kaum eine andere Farbe als rosa in jeder Schattierung gibt, eine erwachsene Frau im Rosa-Rausch habe ich in dieser Radikalität jedoch noch nie zu Gesicht bekommen.
Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass sie sogar fliederfarben roch.

Wir unterhielten uns gerade über Sandförmchen, als ich Nathalie namentlich ansprach.
„Ach, ein Mädchen“, freute sich die rosa Dame. „Ja, JETZT sehe ich’s auch!“
Ich folgte ihrem Blick, um festzustellen, was mein Kind im rot-weiß gestreiften Ringelpullover zur sandfarbenen Hose als Mädchen kennzeichnete und stellte fest, dass Frau Rosa meine Tochter nun offenbar dank der Holzblumenkette um Nathalies Hals in die Mädchen-Schublade einsortiert hatte.

Der Dresscode für Kinder ist in diesem Lande für Außenstehende mitunter etwas schwer nachzuvollziehen. Auf dem ersten Blick scheint alles ganz einfach: rosa, lila, pink, violett, flieder und weiß sind die Primärfarben der Mädchen, alle anderen Farben gehören den Jungen, mit besonderer Vorliebe für dunkelblau, braun, grün und rot. Soweit so einfach.
Orientiert man sich jedoch weiterhin an den eher verklemmten Geboten, die es beispielsweise strikt ablehnen, wenn
Mini-Mädchen ohne Bikinioberteil durch die Gegend sausen, dann erstaunt es doch ziemlich, dass beispielsweise bei der Rocklänge der Supermini präferiert wird. Das führt dann mitunter zu der absurden Situation, dass eine besorgte Mutter ihre etwa dreijährigen Tochter immer wieder daran erinnern musste, sich nicht stehend nach vorne zu beugen, damit nicht jeder deren Unterwäsche sehen könne. Der Rock, den die Kleine trug, war ziemlich sicher kein amerikanisches Modell, denn diese Kleider und Röcke besitzen allesamt eingenähte Hosen (und ich bin fast sicher, dass die Mutter den hosenlosen Minirock zu Hause sofort aussortiert hat).

Die Kleidung der Mädchen scheint hier bevorzugt zwischen Fee und Lolita zu schwanken. Im ersteren Fall spielen jede Menge Tüll, künstliche Flügelchen und enge Leibchen die Hauptrolle, im zweiten Fall die bereits erwähnten Superminis, über der Brust verknotete Oberteile und flatternde Röckchen am Badeanzug bereits Einjähriger.
Eine kleinere Gruppe entscheidet sich für ihre Töchter für eine Art „Unsere kleine Farm“-Stil, Kategorie „Sonntagskleidchen“, und die betreffenden Mädchen laufen dann auch auf dem Spielplatz mit weißen oder schwarzen Lack-Mary Janes zum adrett geknöpften Kleid herum.

Apropos Mary Janes – die sind quasi Pflicht. Ich versuche mich gerade sehr intensiv daran zu erinnern, ob ich neben Nathalie jemals ein Mädchen in Sandalen gesehen habe (ich will meine subjektive Meinung schließlich nicht mit Fehlinformationen durchsetzen), aber es fällt mir wirklich keines ein. Das New Yorker Mädchen trägt runde Riemchenschuhe und fertig. Der einzig andere akzeptierte Schuh ist seit längerer Zeit der Gummischlappen, dessen Name mir ständig entfällt. Diese klobig-bunten Kunststoff-Clogs, die laut Hörensagen superbequem sind, dafür aber laut einer bekannten Zeitschrift Dibutylzinn enthalten und somit eher nicht auch noch supergesund sind. Von der Optik her unterscheiden sie sich jedenfalls in nichts von den Gartenpantoffeln meiner Oma.
Crocs “ heißen die, genau.
Eine kleine Fee mit rosa Leggins zum weißen Tüll-Tutu und quietschgrünen Crocs sieht meiner Meinung nach übrigens sehr nett aus, ihre Mutter dagegen mit pinkfarbenen Modellen in Größe 41 – na ja.
Sollte ich diese modische Entgleisung jemals mitmachen, dann halte mir doch jemand bitte diesen Text unter die Nase, ja?