Es könnte schlimmer sein. Vielleicht.
August 8, 2007
by Nicholas_T
Vier schöne Tage in Niagara Falls sind vorüber, und wir befinden uns auf dem Rückweg nach New York. Laut Routenplaner benötigen wir dafür sieben Stunden. Auf dem recht entspannten Hinweg haben wir mit vielen Pausen für die Strecke neun Stunden gebraucht, und wir sind durchaus bereit, es wieder ähnlich locker angehen zu lassen.
Nach etwa zwanzig von 674 Kilometern übergibt sich Nathalie quer über den Kindersitz. Wie sich zeigen wird, hat sie sich einen leichten Magen-Darm-Virus eingefangen, welcher jetzt erstmals zu Tage tritt. Unschönerweise stellt sich zeitgleich heraus, dass wir keine Taschentücher mehr haben. Wir beheben den Schaden mehr schlecht als recht mit vielen hauchdünnen Servietten, kleiden das Kind neu ein und steuern den nächsten Rastplatz an, um alles unter einen Wasserhahn zu halten.
Wir fahren weiter. Kommen gut voran und sind entsprechend optimistisch. Eine weitere Pause verläuft friedlich. Anschließend fahren wir in den Stau unseres Lebens. Nach etwa einer Dreiviertelstunde Stehen springt der Benzinanzeiger urplötzlich von halbvoll auf Reserve. Der Gatte und ich sind entsetzt. Wir schalten die Klimaanlage aus, um Energie zu sparen, und der seit Kilometer zwanzig im Wagen vorherrschende Geruch wird schneidfest. Im Schneckentempo kriechen wir vorwärts, das Lichtlein blinkt zum Wahnsinnigwerden, und ein Schild am Rande verkündet in fröhlicher Kumpanei „Service area 39 miles“.
Knapp zwei Stunden später sind wir auch schon da. Zu behaupten, der Wagen hätte es keine zehn Meter weiter geschafft wäre nur etwas übertrieben. Wir stehen etwa zwanzig Minuten an, dann wird getankt.
Beim Verlassen der Tankstelle setzt mein Mann den Wagen in ein Schlagloch. Es geht nicht vor und nicht zurück. Nathalie, die seit einer Weile friedlich vor sich hin schläft, erwacht quengelnd und wird auch bis zum Ende dieser Fahrt nicht mehr richtig einschlafen. Mit großem Geröhre versuchen wir vergeblich den Wagen freizubekommen. Mittlerweile sind mehrere Leute auf uns aufmerksam geworden, und wir befänden uns nicht in Amerika, würde keiner helfen wollen. Schlussendlich hebeln uns etwa fünfzehn freundliche US-Bürger mit vereinten Kräften wieder auf die Straße. Nach herzlicher Verabschiedung fahren wir weiter.
Ich versuche den Gedanken an unheilvolle Schäden unter dem Auto zu verdrängen. Dies gelingt mir erst völlig, als mein mittlerweile sehr ungnädiges Kind verkündet, sie müsse jetzt sofort „einen Stinker“. Mittlerweile ist es Viertel nach zwölf, und im Irgendwo-im-Nirgendwo-Teil von Amerika, in dem wir uns derzeit befinden, haben gerade die letzten Burgerläden ihre Türen geschlossen. Mit Nathalie auf dem Arm stehe ich mit langem Gesicht vor dem Fenster einer Imbisskette und werde ignoriert. Etwas verzweifelt stelle ich mich zwischen die Autos einer Drive Thru-Schlange und verpasse der Verkäuferin den Schreck ihres Lebens, als ich, ohne Auto, dafür mit mürrischem Kind auf dem Arm in ihr Fensterchen hineinstarre. Netterweise lässt sie mich trotzdem rein, und ich kann nur sagen, es wurde auch höchste Zeit.
Als dies erledigt ist geht’s mit sehr reduziertem Elan weiter.
Wir verfahren uns.
Nachdem wir viermal das gleiche lange Straßenstück hin und her gefahren sind, ohne die Zufahrt zur Autobahn entdecken zu können, kehren wir zum Drive Thru zurück. Die Verkäuferin erklärt sehr lang und sehr umständlich und entlässt uns mit vielen Fehlinformationen. Der Tankwart im nächsten Ort weiß es zum Glück genauer.
Wir sind wieder auf dem Weg.
Das arme Kind übergibt sich noch einmal.
Garnitur Drei wird herausgekramt, und die Pfützen werden notdürftig mit einem Latz, der bereits bekleckerten Kleidung und einem vom Gatten geopferten T-Shirt beseitigt. Nathalie ist mittlerweile völlig gefrustet, und wir machen etwa alle halbe Stunde eine kleinere Pause, um sie aus ihrem Sitz zu heben und sie für weitere dreißig Minuten zu motivieren.
Nach dreizehn Stunden Autofahrt sind wir schon da.
Wir brauchen jetzt dringend Urlaub.
