Ein Stöckchen

August 27, 2007

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by zenera

Nachdem ich das Stöckchen von Frau Antonmann aufgehoben habe, habe ich soeben in meinen Kindheitserinnerungen gewühlt und folgende Augenblicke herausgekramt (nach anfänglichen Startschwierigkeiten konnte ich mich nur mühsam bremsen):

Ich war als Kind überzeugt davon, dass mit Spucke aufgeklebte Rosenblätter eine heilende Wirkung besitzen. Da wir jede Menge Rosensträucher im Garten hatten, sah ich des öfteren gerade an den Schienbeinen und Ellenbogen sehr buntgetupft aus.

Meine Mutter war der Meinung, die dunkelbraune Breitcordhose sei NICHT zu groß. War sie aber doch, und ich konnte, wann immer ich sie tragen musste, in den Schulpausen nicht mit den anderen Fangen spielen, da ich beim Laufen trotz Gürtel ständig meine Hose festhalten musste.

Im Kindergarten fand ich draußen einen kleinen, glatten, grauen Stein, der so flach war, dass es mir zu meiner grenzenlosen Faszination gelang, ihn mitten hindurch zu brechen. Einen Stein! Zu zerbrechen!
Leider wollte mir das keiner glauben, obwohl ich die Beweisstücke mehreren Freunden unter die Nase hielt. Einen Stein kann man nicht zerbrechen und damit basta.

Wir Kinder beobachteten eine riesige, gelbgetönte Spinne, die irgendwie schwerfällig mitten auf der Straße dahinkroch. Bei jedem neu heranfahrenden Auto sprangen wir zur Seite und warteten gespannt darauf, ob wohl irgend eines über das Tier fahren würde. Wir alle fanden sie sehr eklig.
Als ein Auto darüber fuhr, mussten einige von uns aber weinen.

Als in unser Dorf eine vietnamesische Familie einzog, war das für alle Einwohner eine mittlere Sensation. Jedes Kind bekam eingetrichtert, besonders nett zu dem Jungen Lin und seinen Schwestern zu sein – sie hätten es sehr schwer gehabt. Dies hatte zur Folge, dass Lin in den ersten Wochen ständig von einem Pulk Kinder umgeben war, die ihn vermutlich sogar nach Hause getragen hätten, hätte er darum gebeten.
Tat er aber nicht.
So begnügten wir uns, ihn Tag für Tag von der Schule nach Hause zu begleiten, da wir überzeugt waren, er würde sich auf seinem Weg um drei Ecken irgendwo verirren.

Beim Spielen im Feld stand mir und meiner Freundin plötzlich ein Mann in einigen Metern Entfernung gegenüber. Ob wir uns gegenseitig ansteckten bleibt ungewiss, Tatsache ist, dass wir beide völlig hysterisch wurden und schreiend und weinend zum Haus zurück rannten.
Meine Mutter hielt ihn für harmlos, wir aber waren ganz sicher, ein Messer in seiner Hand gesehen zu haben und trauten uns den restlichen Tag nicht mehr aus dem Garten hinaus.

Meine Cousine und ich beschlossen, den alten Schornstein zu erklettern, der auf dem riesigen Grundstück hinter ihrem Haus baufällig vor sich hin moderte. Es gelang uns, unter Umgehung der spröden Eisenkrampen bis nach oben zu kommen, wo wir uns umständlich umdrehten und es uns auf der ziegelbreiten Einfassung bequem machten, um die Aussicht zu bewundern.
Irgendwann stand ihr Vater sehr weit unter uns, und noch während des langsamen Abstiegs wurde uns beiden klar, dass es Ärger geben würde.

Zu viert hatten wir während einer Sportstunde im Umkleideraum sämtliche Kleidungsstücke vertauscht. Wir saßen noch zufrieden mit uns und der Welt im Schulhof auf dem Klettergerüst, als uns die Nachricht zugetragen wurde, dass eine Uhr verschollen sei und wir wohl zum gefürchteten Schuldirektor zitiert werden würden.
Kurz entschlossen stieg ich vom Gerüst und marschierte in Begleitung einer Freundin zum Büro des Rektors. Die Tür war sehr dunkel und mein Klopfen sehr leise. Drinnen erzählte ich ausführlich und tränenlos, was sich zugetragen hatte und das ganz, ganz sicher niemand von uns die Uhr gestohlen hätte.
Der Rektor ging mit uns zusammen in die Schulklasse und sprach zu den sehr stillen Kindern. Was er sagte, weiß ich nicht mehr, aber als das Mädchen, dessen Uhr fehlte, sich meldete und beteuerte, sie wisse aber ganz genau, dass einer von uns die Uhr genommen haben MÜSSE, da sagte er:
„Diese beiden da kamen von selbst zu mir und haben alles erzählt. Das war sehr mutig, und ihnen glaube ich.“
Wir schritten stolz und würdevoll mit sehr zittrigen Knien zu unseren Plätzen zurück.

Wenn ich zum Spielen ging, sagte ich: „Ich geh raus!“
Meine Mutter erwiderte irgendwas in Richtung: „Wenn’s dunkel wird, bist Du wieder zu Hause.“
Und das war’s.

Ich reiche dieses Stöckchen an Scot weiter.
Auch wenn sich das mit Deinen bisherigen Blogeinträgen so irgendwie gar nicht verträgt – interessieren würden mich Deine Erinnerungen dennoch.

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2 Antworten to “Ein Stöckchen”


  1. Ich musste immer rein, wenn die Straßenlaternen angingen. Tolle Erinnerungen – vielen Dank.

  2. Christiane Says:

    ach kira *seufz* ich lese dich zu gerne und der rektor hat mich grade besonders gerührt.

    „ich wünsche jedem kind,
    eltern, die aus diesem holz geschnitten sind.“ (r. mey)

    und eben auch lehrer.


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