Schneller, schneller!

März 3, 2008

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by andreasbalzer

Heute morgen habe ich eine schockierende Entdeckung gemacht.

Die Zeit zwischen dem Aufstehen und dem Betreten des Kindergartens als entspannt zu bezeichnen, wäre vermessen. Ich schätze mal, dass ich innerhalb von einer guten Stunde etwa 23 Varianten von „Nun mach mal hinne“ durch die Gegend rufe, genervt seufze, wenn das Kind nach einem vierten Knäckebrot verlangt und mit angespannter Miene und im Laufschritt die Dinge erledige, die eben morgens erledigt werden müssen. Mitunter stelle ich abends bereits zwei Teller und den Honig auf den Tisch und bilde mir ein, dadurch wertvolle Minuten zu gewinnen.

In der Regel stakse ich dann kurz vor dem Verlassen der Wohnung mit reinschlupfbereiter Jacke hinter meiner Tochter her, die griesgrämig ob all meiner „Wir haben’s eilig“-Ausrufe nach ihrer Puppe Fiona sucht, was bei mir wiederum zu einem derart heftigen Anfall von Augenrollen führt, dass mir schwindelig wird.

Heute jedoch erweiterte ein von mir anvisierter Termin in Kindergartennähe unseren morgendlichen Zeitablauf um sage und schreibe 45 Minuten und führte bei mir zu einer für Nathalie äußerst ungewohnten Laissez-faire-Haltung.
Du möchtest Dein Brot selbst bestreichen? Aber natürlich. Ja, hol Dir ruhig noch einmal die Milch aus dem Kühlschrank, wir haben Zeit. Und deshalb ist es auch kein Problem, dass Du Dich nicht zwischen Johnny-Bär und Max, dem Löwen entscheiden kannst – überleg‘ einfach noch einmal ganz genau, wer heute mit in den Kindergarten darf, während ich noch meinen Tee austrinke, den ich mir gegönnt habe.

Und obwohl Nathalie überdies bereits in Schuhen und mit Mütze auf dem Kopf nicht nur sämtliche Osterhasen unserer diesjährigen Osterdekoration aus ästhetischen Gründen ans andere Ende des Regals setzen musste, sondern ihr kurz vor dem Rausgehen auch noch einfiel, dass sie sich ein Buch für den Kindergarten aussuchen möchte, stellte ich, nachdem die Haustür hinter uns ins Schloss fiel, folgendes fest:

Wir hatten etwa siebzehn Minuten mehr benötigt als üblich.

Ich musste daraufhin so lange fassungslos auf meine Uhr starren, bis zum einen beinahe achtzehn Minuten daraus wurden und mir zum anderen meine Tochter von der Treppe aus zurief: „Geh’n wir jetzt endlich?“

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9 Antworten to “Schneller, schneller!”

  1. fuchsclan Says:

    *g*, was hälst Du davon, einfach 20 Minuten früher den Tag zu beginnen? Gaaanz stressfrei?
    Das half uns, den Stress zu nehmen 😉
    lg
    petra

  2. goodytales Says:

    Klingt klug.
    So machen wir das ab morgen.

  3. luckyjack42 Says:

    Ich bitte dann aber um Berichterstattung, ob es denn wirklich geklappt hat. Bei uns herrscht morgens ähnliches Gedrängel, bis alle genervt das Haus verlassen haben.

    Aber wenn’s nützt, wer schmeißt mich morgens früher aus dem Bett? Alleine schaffe ich das nicht. 😉

  4. Doktor Vogl Says:

    Mal unter uns: Das kann der Axel Hacke auch nicht besser. Schreibst Du manchmal für ihn?
    Respektvolle Grüße

  5. anitz Says:

    Herrlich!

    Ich kenne Nathalie, da bin ich sicher… bloß heiß sie hier anders!

    Ich habe mehrere Taktiken angewandt. Nicht zu letzt haben wir alle Kindergarten besuche gestrichen. (Mag nicht jeder machen, aber mit 5 Kinder, da bin ich schon „bedient“ und eh zu Hause tagsüber… vor allem das zum Mittagszeitnachhauselauftirade… hat uns den lezten Rest gegeben, denn wir wohnen oben auf’m Berg und haben nur unsere Füße, die uns tragen…)

    Meine Morgenmüffel bekommen inzwischen (da sie zur Schule MÜSSEN, also nichts mit Gleitzeit ankommen und dgl. wie im Kindergarten) an ihren Betten Obst (am liebsten Trauben, wenn das nicht geht, dann Apfelscheibchen…) ans Bett gebracht, damit der erste Schock mit etwas fruchtiges, saftiges negiert wird.

    Auch inzwischen bestelle ich die Kinder (mindestens 2 von 3) noch früher, damit sie ihren Hausaufgaben MORGENS FRUH machen können. Klingt verrückt, aber aus irgendein Grund funktioniert es! Also, um 5:30 (!) (ehrlich!!) kommen der 1. und 5. Klässler im Schlafanzug aus dem Bett gefallen, setzen sich ans Tisch (wo ich bereits eine Tasse Tee–auf den richtigen Tempuratur abgekühlt, dass man ziemlich sofort etwas trinken kann und eben Obst in Knabbergröße), zu jetzigen Witterung mit einer Fleecedecke, an ihren H.a. Der kleine freut sich, nachmittags absolut frei zu haben (da dauerte diese 20 Minuten H.a. bis zu 3 Stunden… das Schneckentempo setzt sich fort, wenn man keine Strategie anbietet, damit das Kind zurecht mit seiner Zeit kommen kann). Die große hat dann „nur“ Übungen wie Mathefakten oder Vokabeln… da kann man nicht mehr alles auf Morgensfrüh schieben, aber alles am Nachmittag heisst, daß man eben keine Zeit zum spielen, während die Sonne draußen scheint und andere Kinder noch draußen verweilen…

    Und noch ein Trick (aber das mache ich nicht mehr… wer weiss, vielleicht hilft es dir aber), ich mache am Wochenende alle Schulbrote und friere sie dann ein. Dann brauche ich nur in eine wiederverschliesbare Tüte zu grabschen, schnell mal Obst schnibbeln oder Gemüse und fertig ist das Schulbrot… Bis es soweit ist, ist der Brot frisch abgetaut. Im Sommer ist das besonders vorteilhaft, so können auch empfindlichere Leckereien mitgeschickt werden, die länger kühl…

    Egal WAS du machst (und ich lese gern und höre gern, was für andere Ideen kommen… man kann nie genüg gute Ideen haben… 😉 !), alles, was ihr nicht heute lernt, müsst ihr dann morgen lernen… also, warum nicht heute neue Wege bestreiten?

    Viel Erfolg. Und wenn’s nicht klappt, dann gibt es bestimmt wieder so ein herrlichen Beitrag (das hat wirklich aus unserem Leben kommen können!).

  6. anitz Says:

    (oh, ich habe gerade bemerkt — bin ich vielleicht *langsam*? — das ich auf dein Blogroll bin! *hüpf, freude*… ich gehe gleich, und nehme dich bei mir auf!)

  7. goodytales Says:

    luckyjack,
    auch heute sind wir lediglich eine gute Viertelstunde später losgekommen als üblich. Na gut, mit leichter Tendenz hin zu zwanzig Minuten. Ich werde das weiter im Blick behalten.
    Ich wage mich jetzt einmal an die Vermutung, dass das vierte Knäckebrot, die Suche nach kindergartentauglichem Getier und die minutenlange Entscheidungsphase im Hinblick darauf, welche Schuhe heute morgen angezogen werden, durch die Tatsache aufgewogen wird, dass mein Kind nicht mehr unmotiviert vor sich hintrödelt, da genervt von meinem genervten Gedrängel.
    Und Diskussionen à ja „Nun iß bitte schneller! – „Ich ess‘ doch schnell!“ – „Du ißt nicht schnell!“ – „Aber…“ entfallen natürlich ganz.

    Doktor Vogl,
    vielen Dank!

    anitz,
    Deine Kinder scheinen ja ausgesprochene Morgenmenschen zu sein! Ich werde diese Idee mal vorsichtig im Hinterkopf behalten und eventuell, so gar nichts mehr anderes funktionieren sollte, ausprobieren.
    Ich bin nämlich so gar kein Morgenmensch und empfinde vor 6.30 Uhr alles als Zumutung. Insofern muss ich da luckyjack zitieren: „Aber wenn’s nützt, wer schmeißt mich dann morgens früher aus dem Bett?“ 🙂

    Aber das mit dem frühmorgendlichen Obstsnack klingt doch pädagogisch sehr wertvoll UND auch leicht umsetzbar.
    Das machen wir ab morgen so.

  8. anitz Says:

    Ha!

    1. bin ich ein Nachttier. Vor 8 Uhr bin ich schwer in die Gänge zu kriegen… daher muss der morgendliche Taktik funktionieren und sitzen… auf mich ist wenig verlass!

    2. Nur ein Kind von drei ist ein ausgeprochene Morgenmensch (das älteste–das motzt gelegentlich morgens aber das erkläre ich jetzt zum hormonellen Schwankungen… so alt ist es schon!). Dieses Kind steht gerne morgens früh auf, deckt uns den Tisch… macht die Geschirrspüllmachine flott lehr…

    3. Die andere 2 Schulkinder sind noch zeher wie ich morgens. Trödelkönigin und Trödelkönig in Person. Ich musste einige Male die morgendliche Ration an „Obst ans Bett“ bringen rividieren: zuwenig (Obst)Zucker, keine große Verbesserung. Zuviel (Obst)Zucker flogen sie durchs Zimmer mit allerlei — bis dahin noch nie zur so fruher Stund beobachtete — Energie, daß es genauso wenig hilfreich, wie der übliche morgendliche Tran…

    Wichtig ist, Obstsorten zu nehmen, die sofort Energie und Saft liefern. Trauben, ein Stückchen Melone, vielleicht Ananas. Ich bringe ein kleines Schälchen mit der inzwischen festgestellte Menge und wecke das Kind, verlange „Augenkontakt“, begrüße es und reiche das Schälchen…

    Und wenn die Klamotten (das ist auch sehr wichtig für manche Kinder!) am Vortag schon bereit legen (für das jungste Schulkind bedeutet dies zusammengefalltet auf der Fußende seines Bettes) und einfach zugänglich sind, dann braucht das Kind zwei, drei Bissen, flux anziehen und dann ab ins Bad… schon ist man wach und bereit, sich mit der Welt auseinander zu setzen.

    (Und ich, ich schlummere noch im Schlafanzug, Tee schlurfend bis alle aus dem Haus sind, die jungsten zwei Kinder noch schlafen –meine Schulkinder verlassen um 7 das Haus, darum auch so früh aufstehen…– und ich *E*N*D*L*I*C*H* unter der Dusche schlüpfen kann… DANN bin ich bereit zum Frühstücken!)

  9. anitz Says:

    Oh, und mein Morgenkind? Wegen dieses Kind haben wir auf die ersten Kindergartenjahre eigentlich verzichtet. Es war mit drei im Kindergarten bis zu seinem 4 Geburtstag… täglich diese morgendliche und mittagliche gekämpfe mit der Zeit!

    Ich mache die wunderbare Entdeckung: wenn man ein Kind Zeit läßt, sich zu entwickeln und zu seinen eigenen Rythmus zu kommen, dann mit gute mutterliche Beobachtungen kann man später (in der Schulzeit) geeignete Wege aufzeigen, wie das Kind sich an andere Leuts Rythmus anpassen kann…


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