Tatort: zu Hause

März 11, 2008

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by Songkran

Abends, Viertel vor Zehn.
Ich mache gerade Himbeerquark für Nathalies Kindergartentruppe, als es klingelt.
Dank ungezählter Horrorfilme, die ich mir in meiner Jugend antun musste, ist mir jegliches Geklingel nach Einbruch der Dunkelheit ein Gräuel, und Türklingeln empfinde ich sogar noch um einiges bedrohlicher als Telefonklingeln, da der potenzielle Psychopath ja immerhin schon vor meiner Haustür steht.

Ich übe mich daher in Ignoranz, doch kurze Zeit später klingelt es leider erneut.
Nun gut, denke ich, bis in den Hausflur und keinen Schritt weiter.
Ich betätige den Türöffner und blinzele angestrengt durch den Spion. Zur Haustür schieben sich zwei Männer/potenzielle Psychopathen hinein, die suchend die Wohnungstüren abwandern. Leider sind sie offenbar gewitzt genug einen Zusammenhang zwischen dem Klingelschild draußen und dem Namensschild an der Wohnungstür herzustellen, denn Sekunden später klingelt es abermals.

Ich vollführe einen mentalen Stepptanz und entscheide mich dann für die Flucht nach vorne.
„Ja?“, rufe ich unsicher durch die geschlossene Tür.
„Polizei!“, höre ich.
Meine Hände machen sich selbständig und drehen den Schlüssel, wofür sie von meinem Hirn mit Sätzen wie „Na, ihr seid ja klug, natürlich würden potenzielle Psychopathen niemals sagen, sie seien potenzielle Psychopathen!“ bedacht werden.

„Guten Abend“, lächelt einer der beiden und hält mir zwei Sekunden lang einen Ausweis unter die Nase, den ich kurzsichtig anzwinkere.
„Wir müssen mit dem Hausmeister sprechen. Wohnt der da?“
Armgewedel zur Kellertür.
„Äh, ja“, sage ich.
„Vielen Dank“, sagt er, und ich schließe die Tür.

Mein Auge findet den Türspion, und ich sehe irritiert, dass die beiden Männer die ohne Schlüssel nicht zu öffnende Kellertür knacken.
Sie verschwinden die Treppe hinunter, und Sekunden später höre ich sie unten klopfen und klingeln.
Während ich auf meinen Fingerknöcheln herum beiße, gesellt sich zu der Tatsache, dass ich gerade zwei schloßknackenden Männern in Zivil Tür und Tor geöffnet habe, noch der Gedanke, dass die Freundin des Hausmeistersohnes mir vor einigen Monaten anvertraute, sie würden von Geldverleihern unter Druck gesetzt.

Ich nage weiter.
Die Minuten verstreichen.
„Würde sie schreien, würde ich es hören“, beruhige ich mich.
„So lange man nur Gemurmel hört, ist alles in Ordnung“, beruhige ich mich.
„Ich würde doch die Schreie hören?“, beunruhige ich mich.

Als plötzlich ein langgezogener Jammerton erklingt, stürze ich zum Telefon.
Mein Herz springt mir zum Hals hinaus, als ich den Beamten von der Notrufzentrale frage, wie ich herausbekommen könne, ob unter meiner Adresse gerade Polizisten in Zivil mit dem Hausmeister sprechen.
Ich warte angespannt, während Unterlagen geprüft werden und erhalte dann die Information, dass in Kürze garantiert echte Polizisten vorbeischauen werden.

Diese brauchen tatsächlich nur Minuten und stehen dann gleich zu dritt vor der Tür.
„Zwei waren es“, sage ich, und „Ich weiß nicht, ob sie noch da sind, ich war ja kurz am Telefon.“
Bevor ich die Tür wieder schließe, höre ich die Kommandos, die nach draußen in den Hof gerufen werden, wo sich offenbar weitere Beamte aufhalten, und sehe zwei Polizisten mit gezogenen Waffen die Kellertreppe hinuntereilen, während der dritte die Tür zu sichern scheint.

Im Keller werden Stimmen laut, jemand brüllt „Polizei!“ und ich frage mich sekundenlang, ob ich mich mit meiner Tochter in unserer Wohnung in Sicherheit wähnen darf, sollte es zu einer Schießerei kommen.
Ein Knall ist zu hören, aber es ist nur eine ins Schloss fallende Tür mache ich mir klar und ermuntere mein Herz zum Weiterschlagen.
Ein Frau schreit etwas Unverständliches, mehrere Männer übertönen sie, dann stapfen die Polizisten die Treppen hoch.

„Es ist alles in Ordnung“, erfahre ich.
Es handele sich tatsächlich um Zivilbeamte.
Ich schließe meine Tür.

Ich glaube, ich will eine Türkette.

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12 Antworten to “Tatort: zu Hause”

  1. anitz Says:

    Wow…

    Hast du danach überhaupt schlafen können?

    Und eine Türkette? Stahltür mit dreifacher Kryptonit Beschichtung sowie persönliche Leibwächter vor der Haustür. Und auch drei auf der Innenseite…

    Und ich würde eine Petition starten, um alle Horrorfilme sowie Literatur zu verbieten!

  2. luckyjack42 Says:

    uff, da war das Lesen ja schon (Angst-)Schweißtreibend!

    Eine Türkette hilft da bestimmt nicht, die kann ein 16-jähriger mit einem schwungvollen Schulterdruck aus der Verankerung reißen (zumindest die Ketten, die ich kenne). Aber es gibt Riegel, die mit 20 cm langen Schrauben in der Wand und mit einem breiten Metallband auf der Tür verankert werden. Das könnte helfen, ist aber äußerst unansehnlich. 😦

  3. ichbinimmerich Says:

    Kryptonitbeschichtung würde ich nicht wählen, dann kann Superman im Falle eines Falles ja garnicht zu Hilfe kommen!!

  4. fuchsclan Says:

    *kreisch* boa, das ist ja der Hammer!
    Da bin ich irgendwie froh, nicht in einem Mehrfamilienhaus mit zwielichten Hausmeister zu wohnen *g*

  5. madameklutze Says:

    Auf jeden Fall, gaaaanz großes Kino!!! Panicroom läßt grüßen. Bin immer noch ganz hibbelisch!
    Und Türkette, nüsch würklisch. Wie schon luckyjack42 meinte, ein guter Schulterpunch od. beherzter Tritt könnten da ausreichend sein.
    Auf jeden Fall tapfer und richtig reagiert.

  6. silberpfeil Says:

    Wow! Ich weiss nicht, ob ich so gut reagiert hätte. Ich glaube ich hätte mich mit meiner Tochter im Schlafzimmerschrank versteckt. Oder so ähnlich!

  7. Doktor Vogl Says:

    apropos Psychopathen: Warum ist eigentlich auf dieser Seite ganz ganz unten, wo es nicht mehr weiter geht mit Scrollen, genau unter dem Wort „Feeds“ ein submakro-nanowinziger Smiley? Gruselig funktionslos. Sehe nur ich den? Ich betone, ich bin nüchtern. Eine Botschaft? Das Netz beginnt zu denken, wird selbständig und übernimmt die Weltherrschaft? Und grinst dazu frech? – Ihr seht das echt nicht? Hilfe.

  8. goodytales Says:

    Nachdem ich mich noch ein winziges Weilchen mit den Gedanken beschäftigt habe, dass ich nun vielleicht in Kürze von Hausmeisters Besuch erhalte, weil ich ihnen eine komplette Polizeiarmada auf den Hals gehetzt hatte, schlief ich irgendwann gegen eins.
    Selten war mir bewusster, dass wir in Erdgeschossnähe wohnen und unsere gagelige Holztür nicht einmal durch ein Türkettchen gesichert ist, welches ja nun gar keinen Zweck erfüllt, aber das wusste ich gestern ja noch nicht.

    Ob das so richtig reagiert war?
    Gestern war ich mir da überhaupt nicht sicher.
    Hätte man nicht einmal beherzt die Kellertreppen hinunterrufen sollen, ob alles in Ordnung ist?
    Hausmeisters haben auch ein kleines Mädchen, etwa zwei Jahre jünger als meins.
    Als ich gestern Abend diesen Klageton hörte, dachte ich als erstes, „Oh mein Gott, hoffentlich tun die dem Kind nichts!“

    Und dann sitzt man am Telefon und wartet darauf, dass der Notdienstmensch sich nun ENDLICH durch die Aufzeichnungen gewälzt hat, während man mit einem Ohr auf weitere Schreie lauscht.

    Hm.

    Völlig OT:
    Ich kann Sie beruhigen, Doktor Vogl, diesen Smiley sieht jeder.
    Ist er nicht niedlich?

  9. Doktor Vogl Says:

    ich finde, er grinst so schmierig. Du kennst ihn? Heisst er „OT“? Du meinst wahrscheinlich OTTO, oder? Ich würde den Grinseotto nicht mit dem Stecken anfassen. Echt nicht. Aber jetzt geh ich erstmal was essen auf den Schreck…Servus zusammen, bis bald mal wieder.

  10. Jens Says:

    Verehrter Doktor Vogl,

    OT ist eine Reminiszenz an eines der Lieblingsalben meiner wilden und depressiven Jugend, „Die Zeichnungen Des Patienten O.T.“, einem frühen Juwel das die seinerzeit noch sehr, hm, ungeschliffen auftretende, aus Berlin stammende Noise Avantgarde Band Einstuerzende Neubauten, 1983 nach ihrem Debutalbum Kollaps veröffentlichte. Die kontinuierliche Beschallung mit Titeln wie „Vanadium-I-Ching“, „Hospitalistische Kinder/Engel der Vernichtung“, „Abfackeln!“, „Blutvergiftung“ oder eben „Zeichnungen des Patienten O.T“. – dem Insassen einer psychiatrischen Anstalt, dessen Bilder hier vertont werden – führt entweder zu einer Dauerdepression – oder, noch schlimmer zu dem hier unten auf den Blogseiten anzuschauenden Dauergrinsen als Gegenreaktion. O.T. sitzt heute wohl in WordPress ein.
    Ich wußte gar nicht, wie weit meine Helden von damals auch heute noch die Kultur beeinflussen.

    Und morgen sind sie sogar wieder live zu hören, mit dem neuen Album „Alles wieder offen“:
    15.05.08: Hamburg; 16.05.08: Leipzig; 17.05.08: München; 18.05.08: Köln; 24.05.08: Berlin.

    Und, aeh, @goodytales, was ich EIGENTLICH sagen wollte: Sehr spannende, schaurige Geschichte! Da fühlt man sich in New York doch eigentlich ganz sicher.

  11. goodytales Says:

    Liebster Jens, ich schätze mich glücklich, Deiner kleinen Hymne an die Neubauten eine bescheidene Plattform bieten zu dürfen.
    Danke.
    🙂

  12. Doktor Vogl Says:

    O.T. = Patient. Das passt. Wahrscheinlich ein Antidepressiva-Missbrauchs-Smiley. Mir fällt eine Pointe ein zu New York und einstürzende Neubauten, die ich mir aber verkneife. Es ist mir lieber, Ihr denkt, ich wüsste, was sich gehört. Weiss ich ja auch. Goddytales: Darf hier jeder über seine Unterhaltungskombos schwärmen? Also auch ich? Da könnte ich ohne langes Grübeln fett was wegposten, voll rein in den Thread hier. So sagt man doch als versierter Internet-Nutzer, oder?


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