Die Zeiten ändern sich (auch ohne mich)

April 4, 2008

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by vielphoto

Mitunter passiert es mir, dass ich mein Fahrrad aufschließe, mich aufrichte und dem Kindersitz meiner Tochter ninjalike einen Tritt verpasse.
Für Außenstehende mag das befremdlich wirken, aber ich fahre seit Urzeiten ein Herrenfahrrad und in etwa genau so lange schleudere ich beim Aufsitzen mein rechtes Bein über den Sattel.
Man sollte meinen, dass ich nach knapp zwei Jahren begriffen hätte, dass diese Art des Aufsitzens mittlerweile nicht mehr möglich ist, aber fragt mal nach den festgetretenen Pfaden meines Hirns.

In selbigem ist auch noch unerschütterlich verankert, dass bestimmte Menuleisten einer von mir häufig frequentierten Internetseite unten links sind. Bereits vor Monaten wurde diese Seite umstrukturiert und die Menuleisten befindet sich jetzt sonstwo, aber noch immer fahre ich mit dem Mauszeiger erst einmal suchend nach unten links und fühle mich dann, als hätte mich jemand mitsamt meines Lieblingssessels vom Wohnzimmer hinaus auf die Straße gestellt. Mental kralle ich dann meine Finger in die Armlehnen, und sämtliche Synapsen geben kleine Häh?-Laute von sich, bis dann irgendwann endlich zögerlich der brandneue Pfad betreten und die Menuleiste korrekt angesteuert wird.

Wenn man das weiß, dann kann man sich auch vorstellen, wie sehr ich darunter leide, dass meine Mutter umgezogen ist. Und zwar in ein identisch aussehendes Haus eine Nummer weiter. Jahrzehntelang ging ich in Nummer Acht ein und aus, und nur weil meine Mutter da jetzt nicht mehr wohnt, muss ich jetzt bei Zehn klingeln.
Für mein Trampelpfadhirn kein echter Grund.
Immerhin sind die Zeiten vorbei, in denen ich sekundenlang ratlos vor den Klingelknöpfen stand. Mittlerweile kann ich mich sogar rechtzeitig davon abhalten, die falsche Einfahrt hinaufzulaufen. Aber ein winziger Teil meines Hirns führt sich beim Gang zu Nummer Zehn immer noch so auf, wie Protestler bei einer Kundgebung zum 1. Mai.

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3 Antworten to “Die Zeiten ändern sich (auch ohne mich)”

  1. ichbinimmerich Says:

    Ähnlich geht es mir in meiner neuen Küche, die einen Stock tiefer ist und den gleichen Grundriss hat. Hier hört die Ähnlichkeit dann aber bereits auf und so finde ich mich mehrfach täglich mit der Backofenklappe in der Hand wieder, weil ich einen Löffel, Messer, Gabel etc. benötige. Manchmal versuche ich auch, mir ein Glas aus dem Schrank zu holen, in dem nun die Lebensmittel untergebracht sind.
    Ich habe mich schon oft gefragt, wie oft man ratlos auf die Spaghettis starren muss, um dann für alle Zeit festzustellen, dass man daraus nicht trinken kann,…

  2. madameklutze Says:

    Oh ja, ich fühle mit Euch!!

    Ab und zu berechne ich immer noch diverse Sachen/Rechnungen mit 16% MwSt

    Es treibt mich fast in den Wahnsinn, wenn sich jemand z.B. etwas von meinem Schreibtisch ausleiht, mit viel Glück wird es sogar zurückgebracht, aber prinzipiell an einer anderen Stelle wieder abgelegt.

    Warum versteht dass denn keiner? Wollen die mich mit diesem unnötigen Gehirnjoggingsuchspiel fit halten???

    Gut, in vielen Sachen habe ich ja leichte Messitendenzen 😉

    Aaaaber in Bezug auf meinen Schreibtisch und die Anordnung div. Gegenstände darauf, wie z.B. Kuli, Rechner, Hefter, Klammeraffe, Telefon…
    …. arrrrgl…………da ist Madame einfach Monk und will das auch so haaaben!!!!!

    Gleiches gilt, für meine Besteckschublade und Topflappen direkt neben dem Herd.
    Aber erzählt das mal meinen Jungs.

    Ach à propos Spaghettis – stimmt, aus denen kann man nicht trinken, aber aus Makkaronis 😉
    Eignen sich vorzüglich als Strohhalmersatz bei Caipi.

  3. Jens Says:

    Sehr, sehr lustig, diese Geschichte.

    Und ich weiß auch genau, warum das so ist, weil ich ja gerade das ultrabrillante (weil für mich verständliche) „Lernen – Gehirnforschung und die Schule des Lebens“ von Manfred Spitzer lese. Kira, ich leih’s Dir gern mal aus – alle anderen: bei amazon für 20 Euronen erwerben. Lohnt sich (gerade für die Mütter und Väter unter euch).


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