Freier Fall

April 12, 2008


by Dave77459

Heute kam ein lässiger junger Mann auf einer Treppe ins Schleudern und legte zur großen Begeisterung seiner Freunde einen nicht unbeträchtlichen Teil des Weges auf seinem Hintern zurück. Sehr souverän befolgte er unten angekommen die Regeln des „Sturzes-mit-Zeugen“:

1. Zeige keinen Schmerz.
2. Stehe zügig, aber nicht hastig wieder auf.
3. Lächle selbstironisch (gelingt es völlig unverkrampft, darf man eine kleine Verbeugung in Richtung des vergnügten Publikums wagen)

Kann man noch die Hoffnung hegen, dass niemand den Ausrutscher gesehen hat, werden die Regeln geringfügig abgewandelt:

1. Stehe schneller auf, als du gefallen bist.
2. Zeige keinen Schmerz.
3. Fahre fort mit was auch immer du vorher getan hast (der wahre Profi verkneift sich jeden unauffälligen Blick nach links oder rechts)

Ein echter Könner seines Fachs ist mir mal in einem Plattenladen begegnet, in dem ich vor Jahrzehnten gearbeitet habe. Dort hing direkt über den CDs die pinkfarbene Front eines schnittigen Cabriolets von der Wand und dies in einem so ungünstigen Winkel, dass mehr als nur ein Hinterkopf dran glauben musste.
Zwei-, dreimal am Tag ertönte das typische „Klonk“ von Schädel gegen Metall und irgendein Mensch stand dann mit mehr oder minder schmerzverzerrtem Gesicht da und rieb sich den Schopf.

Eines schönen Nachmittags klonkte es deutlich – beim Cabrio jedoch standen vier jungen Männer mit teilnahmslosen Gesichtsausdruck und schoben unbeirrt CDs hin und her.
Ich musste damals sogar meinen Platz hinter der Verkaufstheke verlassen, um mich zu vergewissern, dass wirklich niemand ohnmächtig mit Platzwunde am Boden liegt, aber nein: nicht einmal mein prüfender Blick brachte einen der Vier dazu, auch nur verlegen zu grinsen.

Die Flucht nach vorne tut’s mitunter aber auch.
Eine meiner besten Freundinnen legte einmal einen wirklich spektakulären Treppensturz hin.
Wir sprangen beide pubertär-irrsinnig die Stufen hinunter, und ich war gerade dabei, meinen kleinen Vorsprung auszubauen, als sie stolperte und mit dem Kopf voran sich überschlagend bis hinunter zum ersten Treppenabsatz stürzte.

Grenzenlos panisch eilte ich zusammen mit mehreren anderen auf sie zu, die sie in gänzlich unfotogener Haltung, Kopf zuunterst, gegen die Wand gestaucht da lag. Ich wagte kaum ihr aufzuhelfen, da ich Knochenbrüche und Schädelfrakturen nicht auszuschließen vermochte.
Sie schlug die Augen auf, sackte schwerfällig zur Seite und sagte nur ein Wort:

„Erster.“

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3 Antworten to “Freier Fall”

  1. Majo Says:

    kommt mor sooo bekannt vor.
    Danke Kira, ich habe mal wieder Tränen gelacht.

  2. Natascha Says:

    hallo Kira,
    ich verfolge ebenfalls deinen Blog und habe mir schon so einige Male dermaßen einen Lachanfall eingefangen…. Der letzte Abschnitt hat alles übertroffen! *heulvorlachen*
    Hoffe, es geht euch gut, viele Grüße von uns vier.

  3. tinschn Says:

    Ich weiß, man soll über diese „bösen“ Sachen nicht lachen, aber das ging leider gerade nicht. Gröhl!


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