Ich lächle, also bin ich

Juli 8, 2008


by gato-gato-gato

Es gibt so Menschen, die sind immer fröhlich und freundlich.
Die lächeln, grüßen, drücken und küssen und vermitteln ein völlig überraschendes „Wie schön, dass Du da bist“-Gefühl.
Überraschend deshalb, weil man sie eigentlich gar nicht richtig kennt, und der reservierte Teil meines Selbsts möchte sich neuen Leuten gegenüber in der Regel um einiges verhaltener zeigen.
Geht natürlich schlecht, da jedes auch noch so dezent zurückhaltende Gebaren vor dem Horizont geballter Überschwänglichkeit miesepeterig wirken würde.

So weit eigentlich trotzdem so gut.
Eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Menschen ist schlicht um einiges unkomplizierter als ich, und ich bin die erste, die zugeben würde, dass ich mir da doch einiges abgucken könnte.

Schwierig wird’s, wenn freundliche Menschen ein „Ich bin freundlich“-Programm abspulen.
Mitunter gelingt ihnen das nicht besonders gut. Das ist dann beinahe auch gar kein Problem, ich bin ebenfalls sehr gut im routinierten Mundwinkel-nach-oben-ziehen, wenn’s denn sein muss. Zugegebenermaßen ist es auf Dauer etwas anstrengend, aber man kann sich ja immer mal schnell was zu trinken holen gehen.

Problematisch wird es erst dann, wenn der freundliche Mensch so überzeugend freundlich ist, dass man seine Sätze für bare Münze nimmt, ohne zu bemerken, dass man es nur mit Floskeln zu tun hat.
Dass man eine spontan dahin gesagte „komm doch einfach mal vorbei“-Einladung besser nicht ebenso spontan in die Tat umsetzt, ist bekannt.
In der Falle saß ich jedoch neulich, als ich auf ein wiederholtes „Das kannst du dir gerne mal ausleihen“ unbedacht mit „Ja, gerne. Ginge es morgen?“ antwortete.

Für Bruchteile von Sekunden zeigte sich das wahre Gesicht des freundlichen Menschen, und das besagte sehr deutlich „Das gehört aber mir, und keiner darf es anfassen!“.
Leider ließ seine aufgesetzte Freundlichkeit kein elegantes Umschiffen der Situation zu, und jedes von mir angebotene Ausweichmanöver wurde mit neu hergestellter und verbesserter Freundlichkeit abgewehrt. Statt dessen konnte ich nur mit äußerster Anstrengung verhindern, dass mir das inzwischen gar nicht mehr gewünschte Objekt sofort persönlich vorbeigebracht wird.

Die menschliche Interaktion gestaltet sich wirklich nicht immer einfach.

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9 Antworten to “Ich lächle, also bin ich”

  1. tyndra Says:

    ich LIEBE sowas. es ist doch immer wieder herrlich, wenn die fassade zerreisst, wenigstens für ein paar wundervolle sekunden lang. dann wird offensichtlich, dass das eigene verhalten zwar nicht überschwänglich und jedem gegenüber liebevoll und zutraulich ist, aber auf jeden fall ehrlich und weit weniger anstrengend.

    und wenn sie uns bestrafen wollen, die dauergrinser mit ihrem fröhlich-freundlich-überschwänglichen verhalten, für unsere normalität oder unsere zur schau getragenen grenzen, dann denke ich immer an diese wenigen sekunden, die sich ab zu zu zeigen.

    deswegen ist es eine meiner lieblingsaktivitäten, genau diese menschen dazu zu bringen, ihr wahres gesicht zu zeigen 🙂

    [am besten, du bringst das ding dann zurück mit einem bedauernden „leider ist jetzt ein kratzer drin“ oder „eine seite in dem buch hat jetzt blöderweise ein eselsohr“ – und gleich darauf frägst du, nett lächelnd und entwaffnend, „soll ich dir ein neues exemplar kaufen?“ – und wenn dieser mensch seine rolle perfekt spielt, wird er umgänglich antworten, „aber nein, das macht doch gar nichts!“ – und du wirst dich einerseits amüsieren und kannst andererseits sicher sein, nie wieder irgendwas von dieser person aufgedrängt zu bekommen ;-)]

  2. luckyjack42 Says:

    Siehste, deshalb bin ich direkt und sage was ich denke. Wenn sich der Rauch verzogen hat, weiß jeder, woran er mit mir ist. Wenn ich demjenigen dann nicht gefalle, geht jeder seiner Wege.
    Das ist für manche entwaffnend, für manche unterhaltsam, manchmal schocking, aber die meisten mögen mich trotzdem. Ich habe keine Lust, mich zu verstellen, ich will so sein, wie ich bin. Ich will auch nicht, dass mir jemand etwas vormacht und sich verstellt, irgenwann nämlich platzt die Wahrheit wie eine Bombe heraus.
    Ich finde, es macht das Leben viel einfacher. Also Welt, sei vorsichtig, ich nehme dich beim Wort! 😀

  3. Doktor Vogl Says:

    ich würde gern mal sehen, wie die Goodytales Luckyjack42 ein geliebtes Leihbuch lächelnd abschwatzt und dann eselsbeohrt wieder genauso lächelnd zurückgibt. Kannst Du das filmen Tyndra? Und vielleicht ein bischen sticheln, wenns nicht von selbst richtig raucht bei der Übergabe?

  4. tyndra Says:

    werter herr doktor, das werde ich natürlich sehr gerne tun. sticheln ist eine meiner paradedisziplinen. für den herrn luckyjack werde ich nur feinstes rotes tuch verwenden. nur: der film könnte dann etwas verwackelt sein. ich kann nicht stillhalten, wenn ich lache 😉

  5. ichbinimmerich Says:

    Aus welchem Film ist noch gleich das Foto, bzw. die Maske?
    V wie Vendetta? Entschuldigung, off topic, aber ich musste gleich dran denken, dass ich den Film erst vor kurzem gesehen habe… 😉

  6. Jens Says:

    Dann sag ich auch mal, was ich denke. Warum sollten Menschen, die Gute Laune zur Schau tragen sich denn darüber freuen, wenn man ihnen entliehene Dinge beschädigt zurückbringt? Warum müssen Menschen, die ihre Miesepetrigkeit gern zur Schau stellen dann noch versuchen, den wenigen, die das nicht tun, auch ihre nervige Stimmung aufzudrücken? Schön, das ihr euch drüber freuen könnt, wenn noch ein Gesicht mit runtergezogenen Mundwinkeln durch die Stadt läuft. Klar, dann fühlt ihr euch viel wohler, weil’s offenbar keinem gut geht.
    Vielleicht solltet ihr schon euren Kindern beibringen, das das Leben Scheisse ist und es keinen Grund gibt, sich zu freuen. Ein lächelndes Kind am Morgen ist doch das grauenvollste überhaupt. Es verstellt sich ja nur oder hat einfach noch nicht überrissen, das es noch einen schrecklichen Tag, ach, ein schreckliches Leben vor sich hat. Mit all den ehrlichen Miesepetern.

  7. tyndra Says:

    ich glaube, jens, du hast da was wesentliches missverstanden. wahrscheinlich sogar absichtlich 🙂

  8. Doktor Vogl Says:

    „Stetes Lächeln ist die Lotosblüte im Zierpark des weisen Gärtners“, sagte schon Konfuzius. Ich finde, er hat recht. Andererseits sagt Jakobus (4,9f.): „Jammert und klagt und weint; euer Lachen verkehre sich in Weinen und eure Freude in Traurigkeit. Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen“. Was also tun? Wem soll man denn da noch glauben? *schultern zuck*

  9. goodytales Says:

    Jens,

    es geht nicht um:
    – zur Schau gestellte Miesepeterigkeit
    – Freude über Miesepeterigkeit
    – lebenslange Miesepeterigkeit
    – Miesepeterigkeit für alle
    – Kinder und Miesepeterigkeit
    – Miesepeterigkeit

    oder kurz gesagt:
    ich unterschreibe bei tyndra.


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