Knips

Juli 25, 2008


by Caro Wallis

Meine Mutter hatte früher einen Fotoapparat mit aufsteckbarem Blitz. Mithilfe dieses Blitzes konnte sie vier Bilder machen, und es war völlig klar, dass jedes einzelne Bild seinen Weg ins Album finden würde, sofern es nicht gerade komplett schwarz geworden war (und selbst dann hätte meine Mutter vermutlich kurz überlegt).

Meine dreiundeinhalb Fotoalben repräsentieren mich daher in ganzer Vielfalt. Es gibt süße Bilder, lustige Bilder, verwackelte Bilder, absurde Bilder und völlig grauenvolle Bilder. Mitunter ist mein Kopf nur halb zu sehen, auf anderen ragt der Finger des Knipsers ins Bild. Es gibt eines von der „Schau, ganz dahinten, zwischen den Bäumen, das, was aussieht wie ein Schmutzfleck, das bist du. Da hattest du dein neues Kleid an!“-Sorte, und eines, von dem meine Mutter sich noch heute fragt, ob das Kind auf dem betreffenden Bild wirklich ihr Kind ist.

Nathalie besitzt bereits vier Fotoalben, und jeder, der einen Blick hineinwirft, fragt sich, warum dieses entzückende Kind nicht in die Werbung geht. So groß sind die Augen, so gelockt das Haar, der Blick mal wach und aufmerksam, mal verträumt und berührend – wie kann es sein, dass dieses Ausbund an Niedlichkeit nicht bereits einem vorbeilaufenden Scout ins Auge gefallen ist?

Nun, es liegt natürlich daran, dass ich statt einer Vierfach-Blitz-Kamera eine Digicam besitze. Und es insofern nicht mehr ganz so erstaunlich ist, wenn da im Album das Bild vom herzergreifend die Oma anlächelnden Kind klebt. Das Bild, wo sie schaut, als hätte sie Magenschmerzen, das, wo sie den Mund so weit aufreißt, dass ihre Mandeln klar zu erkennen sind, und die sieben Bilder, wo sie in eine völlig andere Richtung sieht, ruhen in Frieden auf dem Rechner.

Ebenso ergeht es minimal verwackelten Bildern, den halbgeschlossene-Augen-Bildern und den „So groß ist ihr Kopf doch gar nicht“-Bildern.

Man KANN gar nicht alle Bilder in Alben kleben, die man mit der Digicam macht. Sonst hätten Nathalies Bilder mittlerweile ein eigenes Zimmer, und ich käme zu überhaupt gar nichts anderem mehr. Ich hänge ohnehin schon nach. Eingeklebt sind die Bilder bis Mai 2006, die Bilder bis Februar 2007 liegen auf einem immerhin sortierten Stapel im Schrank.

Gestern habe ich alle Fotos, die ins Album wandern sollen, in einen eigenen Ordner gepackt und dafür geschlagene vier Stunden gebraucht.
Es ist bereits abzusehen, dass vier bis fünf weitere Alben angeschafft werden müssen, um die Bilderflut unterzubringen, und neben der dunklen Bedrohung des Einklebens ist das vermutlich der Hauptgrund, warum ich den Vierfach-Blitz-Alben meiner Kindheit gerade doch etwas hinterhernostalgiere.

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