Undurchdacht.

August 13, 2008


by Ed Yourdon

Die Tochter benötigt Wasserschuhe.
An den New Yorker Wasserspielplätzen kommen wir nämlich auf gar keinen Fall vorbei, und wie’s halt so ist in New York, sieht man die Kinder dort lieber beschuht.

Deshalb stehen wir bei „Harry’s Shoes“ und wühlen uns durch’s Anfang-August-Restsortiment.
Der erste Verkäufer entpuppt sich als Fehlgriff.
Für New Yorker Verhältnisse erstaunlich unmotiviert lässt er sich widerwillig dazu herab, mir die gewünschten Schuhgrößen zu bringen, statt mich selbst in den Keller zu schicken, weshalb ich dann auch – nachdem die Schuhe in Nathalies Größe nicht mehr erhältlich waren – einigermaßen kaufunlustig den Ausgang ansteuere.

Kurz davor werfe ich noch einen zögerlichen Blick auf die Wasserschuhe, und dabei entdeckt mich Timothy.
Der geht das Ganze dann mit gewohnt überschwänglicher amerikanischer Herzlichkeit an: ein Kompliment für meine Tochter, ein freundliches Lächeln für mich, und Sekunden später sitzt mein Kind mit übergestülpten Nylonsöckchen auf einem Sitzpolster und lässt sich die Füße abmessen. Nebenbei noch ein bisschen Geschäker mit der Puppe Lisbeth, wofür Nathalie ihn sofort in ihr Herz schließt, und ein, zwei wohlwollende Kommentare in meine Richtung, was die hervorragende Wahl der Schuhe betrifft.

Es ist an dieser Stelle keine Frage mehr, ob wir selbige nehmen oder nicht.
Komplizierter wird es allerdings, als es Timothy einfällt, dass er noch wundervolle Sandalen in Nathalies Größe im Sommerschlussverkauf hat. Ob ich die wohl mal sehen möchte?

Ich hätte an dieser Stelle einfach „Nein, danke“ sagen sollen.
Wir haben bereits Sandalen. Die sind ebenfalls ganz wunderbar, passen noch, und der Sommer wird ohnehin nicht mehr allzu lange anhalten.
Da ich jedoch erstens ein Schuhfreak bin und zweitens Timothy gerade nichts abschlagen kann, willige ich ein.

Minuten später stehen drei Paar Sandalen vor mir, die allesamt nicht unbedingt meinen Geschmack treffen.
Die braunen (leider zu breit) und die weißen Schuhe (leider zu schmutzanfällig) sind schnell ausgemustert, zu den lindgrünen fällt mir allerdings auf die Schnelle nichts ein. Timothy begeistert sich entsprechend hingebungsvoll, und da Nathalie ohnehin noch nylonbestrumpft auf dem Hocker sitzt, schlägt er vor, ihr die Schuhe einfach mal anzuprobieren.

Da kommt mir eine vordergründig sehr gute Idee.
Ich gehe mit Nathalie zum Spiegel, plaudere ein paar belanglose Sätze auf Deutsch mit ihr und erkläre Timothy bei unserer Rückkehr bedauernd, dass meine Tochter die Schuhe leider nicht sooo schön finde.
Timothys Lächeln flackert nicht einmal. Gutmütig tätschelt er Nathalies Lockenschopf und macht sich dann daran, ihr die lindgrünen Sandalen abzustreifen.

Mit einem Wutheulen wirft sich meine Tochter zurück. Fest die Klettverschlüsse umklammernd und dabei „Nein! Nein! Ich will sie behalten!“ brüllend, versucht sie, sich auf ihre Füße zu setzen.
Peinlich berührt mühe ich mich damit ab, meinem Schachtelteufel die verflixten Schuhe auszuziehen, während Timothy Eins und Eins zusammenzählt und sein Lächeln zum breitesten Grinsen wird, das ich jemals an einem Schuhverkäufer erblicken musste.

(Netterweise verkneift er sich jeden Kommentar à la „Oh, vielleicht mag sie die Schuhe doch?“)

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7 Antworten to “Undurchdacht.”

  1. Gundula Says:

    Schön, dass ihr gut angekommen seid 🙂 *hierbitteknuddelsmileydenken*

    (und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss meinem ehedings erklären, warum ich gerade lachend vom sofa geplumpst bin! 🙂 )

  2. goodytales Says:

    Mittlerweile kann ich auch schon wieder ganz zaghaft lächeln.

    Heute Nachmittag jedoch hätte man mit meinem Kopf ein Fussballstadion beleuchten können.

  3. kaleema Says:

    Oh, ich wäre warscheinlich an Ort und Stelle gestorben. Zu viel Blut im Kopf, oder so. Und ich hätte kurz vorher noch sämtliche verfügbare Sandalen gekauft. Und das Kind enterbt. Ich hoffe, Du hast zumindest klar gestellt, dass das erste Käffchen mit dem ersten Freund auf Eurem Sofa kein Zuckerschlecken für sie werden wird…

  4. tyndra Says:

    aua! das ist wirklich oberpeinlich. den laden würde ich in hinkunft nicht mehr frequentieren 🙂

  5. goodytales Says:

    Kaleema,
    😀 😀 😀

    Das Kind kann ja nur leider gar nix dafür, dass die Mutter eine abschlägige Antwort mal wieder nett verpacken wollte.

    Tyndra,
    der Laden ist glücklicherweise groß und ich nicht auffällig genug, um nun dauerhaft als Witzfigur verankert zu sein.
    Zumindest hoffe ich das.

  6. Marlen Says:

    Wie schön… das Kinder genau das machen, was man von ihnen möchte *hüstel* Ich glaube, ich wäre auch im Erdboden versunken… aber was will man machen *lach*

  7. goodytales Says:

    Was man ich solchen Momenten machen WILL, schreib‘ ich lieber nicht. :o)


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