Kalt, kälter, am kältesten.

Dezember 23, 2008

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by the queen of subtle

Für die New Yorker ist Kälte nicht gleich Kälte. Eine Temperatur von -9° Celsius ruft entsprechend völlig unterschiedliche Charaktere auf den Plan. Auf der einen Seite der Skala tummeln sich Gestalten, die aus zwanzig Metern Entfernung auch als Bär durchgehen würden. Sie tragen knöchellange Pelzmäntel, meterlange Strickschals, die sie sich zwei- bis viermal um das Gesicht schlingen und ziehen ihre Pudelmützen derart tief in die Stirn, dass sie den Kopf sehr, sehr gerade halten müssen, um darunter noch hervor blinzeln zu können. Die Hände stecken in dicken Fäustlingen, die Füße in moonbootartigen Tretern, und wenn sie langsam und behäbig auf mich zuwatscheln, dann fühle ich mich des öfteren Mal nicht warm genug angezogen – und das, obwohl ich gestern erstmalig einen dritten Wollpullover über meine beiden Langarmshirts gezogen habe und derart ausgestattet ganz eindeutig nicht zum anderen Ende der Skala tendiere.

Hier tänzeln die Flipflop- und Ballerinaträger, die Kurzbehosten und die T-Shirtgänger. MIr trieb der eiskalte Wind gestern die Tränen in die Augen, und selbst die Tochter jammerte unter ihrer Fleecejacke und dem Wintermantel ein nöliges „Mir ist kalt!“ hervor. Vor uns jedoch lief eine junge Frau mit Michelinmännchenjacke, knielangem Rock und Sandalen, und ihre Beine waren so nackt wie meine Nasenspitze. Ich möchte betonen, dass ich ob dieser freien Nasenspitze bereits ausreichend am Frieren war, und ich überlegte kurz, die Dame zu verklagen, da mir allein ihr Anblick zusätzliche Kälteschauer bescherte.

Manhattans Straßennetz bieten den Windböen, die vom Meer heranstürmen, einen eher hindernisfreien Zugang. Entsprechend kommt es vor, dass ich nach einem windgeschützten Häuserblock auf eine Kreuzung heraustrete und bis zu diesem Zeitpunkt der Meinung bin, noch nie in meinem ganzen Leben derart gefroren zu haben. Dann stichelt sich der Wind mühelos durch etwa sieben Kleiderschichten auf die Haut vor, und mir bleibt wahrhaftig einige Sekunden lang die Luft weg. Wenn in einem solchen Moment ein Mann mit T-Shirt und Schal neben mich tritt und mit mir zusammen stoisch darauf wartet, die Straße überqueren zu können, dann beschleicht mich schon das Gefühl, dass hier Parallelwelten aufeinander prallen. Wie kann das sein, dass ich vor Kälte beinahe weinen muss, der Typ jedoch nicht einmal eine Gänsehaut hat?

Würde ich zu den quasi Nackten auf der Kälteskala gehören, dann wäre mir übrigens heute vormittag nicht mein gerade erworbener Chai Latte aus behandschuhtem Griff in den Schnee geglitten. Allerdings hätte ich mir dann wohl die bloßen Füße verbrüht.
Hat eben alles seine Vor- und Nachteile, wohl.

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2 Antworten to “Kalt, kälter, am kältesten.”

  1. amidelanuit Says:

    frag doch mal! ich hätte schon längst einfach mal einen beflippfloppten gefragt! das wird bestimmt ein feines gespräch:)

  2. goodytales Says:

    Ich frag‘ nur, wenn Sie mitkommen.

    Ich bin bei weitem nicht so spontangesprächskompatibel wie Sie, Frau Ami. Wenn Sie fragen dann sähe das ungefähr so aus:

    Ami: Sagen Sie mal, Ihnen muss doch kalt sein?
    Flipflop-Träger: Ach, wissen Sie… (rhabarber, rhabaraber)…. (aushol)…. (auf die Urgroßmutter zu sprechen komm‘)… und deshalb.
    Dann lachen sie beide und trinken zusammen einen Kaffee.

    Bei mir spielt sich nur folgendes ab:

    Kira: Sagen Sie mal, Ihnen muss doch kalt sein?
    Flipflop-Träger: Nö.

    (Es muss am Tonfall liegen.)


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