Augenblick

Januar 6, 2009

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by tochis

Gerade eben im Supermarkt klingelte bei der Frau vor mir an der Kasse das Telefon. Ich war gerade dabei, meine Einkäufe im Korb niederzustarren und überlegte, was ich vergessen haben könnte.

Dann schrie die Frau.
Und sie schrie und schrie und ging dabei in die Knie, und ihre Schreie waren endlos lang, und das Telefon fiel zu Boden, und ich berührte ihre Schulter und stammelte „Do you need any help?“, und sie schrie, und Menschen traten auf uns zu, und die Schlangen an den Kassen lösten sich auf, und ein Mann versuchte, die Frau auf die Füße zu stellen oder vielleicht wollte er sie auch nur stützen, und die Frau schrie immer weiter und weiter, und einigen Menschen liefen Tränen über das Gesicht, und andere riefen, ob ein Arzt benötigt werden würde, und jemand sagte „She heard something on the phone“, und die Frau schrie immer noch.

Ich weiß nicht, was diese Frau mitten im Supermarkt hinter einem vollbeladenen Einkaufswagen stehend am Telefon hören musste. Was ihren Alltag auf einmal zu einem besonderen Tag hat werden lassen, einem, an dem ihr Leben in „vor dem Anruf“ und „nach dem Anruf“ zerschnitten wurde.

Ich stand da und fühlte mich hilflos und entsetzt und verwirrt, und ich war voller Mitgefühl für diese fremde Frau und voller Mitgefühl für mich selbst, weil für einen langen Moment der „Mein Leben ist unantastbar“-Vorhang weggerissen wurde, und das weiß natürlich jeder immer, aber das fühlt man nicht jederzeit.

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12 Antworten to “Augenblick”

  1. tyndra Says:

    das ist ja ziemlich beeindruckend. was passierte danach? wurde sie beruhigt, wurde ein krankenwagen gerufen – oder ist sie einfach alleine aus dem laden raus?


  2. Klingt nicht unbedingt nach einer guten Nachricht für die Frau :-/

  3. Marlen Says:

    Oje… schreckliche Situation – einerseits für die Frau, die sicherlich eine schlimme Nachricht erhalten hat; andererseits für die Menschen, die hilflos daneben stehen und nicht helfen können.

    In solchen Momenten… bzw. irgendwann danach, hofft man immer, dass einem selber sowas nie passieren wird *schluck*

  4. goodytales Says:

    Tyndra,
    als ich ging, saß sie am Rand des Ladens und mehrere Mitarbeiter standen bei ihr. Sie schien immer noch nicht ansprechbar, sondern schaukelte nur wimmernd vor und zurück.
    Mehr weiß ich nicht – ich konnte nichts tun, und daneben stehen und anstarren schien mir nicht angemessen.
    Nicht hinsehen schien mir übrigens auch nicht angemessen.
    War schon ziemlich verstörend.

  5. Freilandrose Says:

    oh je.
    arme frau.

    schlimme situation auch für dich.

  6. giftzwerg Says:

    😦 ich glaube, ich möchte gar nicht wissen, welche schreckliche Nachricht die Frau erhalten hat.

  7. goodytales Says:

    Giftzwerg,
    nee, so genau möchte ich das auch nicht.
    (Obwohl es vermutlich kaum schlimmer sein könnte, als das, was mir dazu durch den Kopf geht.)

  8. kaleema Says:

    Ich finde, es gibt Nachrichten, die man nie, aber auch niemals per Handy übermitteln darf. Weil man eben nicht abschätzen kann, wo, wie, in wessen Gesellschaft und in welcher Verfassung der Gegenüber diese Nachricht aufnimmt. Schlimm…

  9. ichbinimmerich Says:

    Kaleema, das habe ich auch gleich gedacht. Mir geht diese Frau nicht mehr aus dem Kopf und ich habe solches Mitgefühl für sie!
    Ich hoffe, was immer der Grund für diesen Anruf war, dass sie Menschen um sich herum hat, die ihr in dieser Zeit beistehen und ihr helfen können, die Situation so gut es geht zu bewältigen!

  10. Sonitschka Says:

    Ach je, das hört sich schrecklich an! Mein Mitgefühl. Es ist schlimm, wenn fremder Leute Schmerz spürbar wird und man nichts tuen kann, weder für den anderen noch für sich. Ich hoffe, Du hast das Erlebnis gut weggesteckt. Arme Frau….

  11. amidelanuit Says:

    wie bedrückend. ich hoffe, du hast den schock verdaut?

  12. goodytales Says:

    Marlen, Freilandrose, Sonitschka, Ami,
    ich versuche mal, die richtigen Worte zwischen Pathos und Stoffeligkeit zu finden (find‘ ich nicht leicht, gerade):

    ich fühle mich irgendwie verlegen, wenn ich nach meinen Gefühlen zur Situation gefragt werde. Es ist, als sei bei einem Steinschlag die Person neben mir erschlagen worden, und ich werde gefragt, wie’s mir damit geht.
    EIGENTLICH muss es mir ja prima gehen, denn mich hat’s ja nicht erwischt. Und EIGENTLICH gibt’s da auch einen nicht gerade kleinen Teil in mir, der denkt, Gott sei Dank, meine Lieben sind alle gesund.
    Und gleichzeitig fühle ich mich mit diesen Gedanken egoistisch und lieblos und beinahe schon gleichgültig. Da schreibe ich schon wieder über Schwangerschaftsheißhungerattacken und werde überdies noch besorgt nach meinem Seelenleben gefragt – dabei hat es mich ja gar nicht erwischt.
    Der Stein landete neben mir.
    Darf man sich da überhaupt in den Mittelpunkt stellen und diejenige sein, der die Sorge gilt?

    (Ich stelle fest, es ist wirklich ÜBERHAUPT nicht leicht, die passenden Worte zu finden.)


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