Selbsterziehung

Januar 20, 2009

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by Kinder

Irgendwann einmal, da war ich überzeugt, dass man das Wort „Nein!“ im Bezug auf Kinder nicht all zu inflationär gebrauchen sollte. Meine Erfahrung in der Arbeit mit Kindern, mein theoretisches Wissen, mein eigenes Leben – alles sprach dafür, dass einem Kinde als Mittelpunkt seines Universums möglichst kein „Nein!“ eingepflanzt werden sollte, und ich gab‘ mir alle Mühe, dieses Wort zu vermeiden.

Ich erklärte, ich umschrieb, ich verhinderte wortlos und zog den heißen Tee außer Reichweite, während ich die Tochter anlächelte, statt ihr ein knappes „Nein!“ engegenzuwerfen.
Im Laufe der Zeit fand ein schleichendes Umdenken statt, oder besser: ein „Nicht-weiter-darüber-Nachdenken“. Das Kind wurde anspruchsvoller, die Diskussionen zogen sich immer mehr in die Länge und immer häufiger griff ich zu einem bequemen und alles niederbügelnden „Nein!“, statt wirklich auf Nathalies Bedürfnisse einzugehen.

Gestern Abend las ich mich mehr oder minder beiläufig durch das Buch „Der Glücks-Faktor“ von Martin E.P. Seligmann und fand mich prompt an den Pranger gestellt. „Eltern verwechseln leicht das, was für sie selbst unbequem ist, mit dem, was gefährlich für Kinder ist oder was ihnen eine Grenze setzt.“ lese ich, und „Wenn ihr Kind ein ärgerliches Nein an jeder Ecke hört, sobald es sich einer neuen Situation nähert, wird es ein Nein bereits innerlich vorwegnehmen – es wird „zur Salzsäule erstarren“ und Gelegenheiten zum Erwerb von Können versäumen.“

Natürlich ist das nicht neu, und ich unterschreibe jedes einzelne Wort – aber ich lebe es leider nicht mehr. Mit sehr gemischten Gefühlen dachte ich an all die unzähligen Male, in denen ich Nathalie mit einem finalen „Nein!“ schlichtweg abgebügelt habe: „Nein!, hab‘ ich gesagt, und Schluss!“
Der Diskussionen müde griff dieses „Nein!“ auch auf Situationen über, die durchaus freundlicher und kooperativer zu klären gewesen wären – aber wie schon geschrieben: bequem ist’s allemal und schneller geht’s auch.
Na ja, meistens jedenfalls.
Die Male, in denen mein „Nein!“ lediglich zu ungeheuerlichen Wutausbrüchen führte, mal ausgenommen.

Gestern Abend habe ich mir vorgenommen, mit Nathalie einen ganzen Tag ohne „Neins!“ zu erleben. Einfach, um mal auszuprobieren, ob das noch funktioniert. Und obwohl ich heute morgen aufgepasst habe wie ein Schiesshund, komme ich bereits auf fünf „Neins!“. Nun gut, drei davon wurden nachts um vier ausgesprochen und betrafen die Tatsache, dass wir noch NICHT aufstehen, nein! Ich denke, die werde ich mir durchgehen lassen.
Die anderen beiden entschlüpften mir jedoch in durchaus wachem Zustand und waren vollkommen überflüssig. Zwei Sekunden mehr nachgedacht, zehn Sekunden mehr Zeit genommen – und mein Kind wäre mit zwei „Neins!“ weniger in den Tag gestartet.

Ich habe mich selbst dazu verdonnert, in Konsequenz etwas Unangenehmes, nichtsdestotrotz jedoch Sinnvolles zu tun. Ich musste eine Weile überlegen, was sich dafür wohl eignen würde, und habe mir letztlich für ür jedes Bequem-„Nein!“ zehn Minuten Hausarbeit auferlegt.
Wenn das so weitergeht, dann sind zumindest die Zeiten vorbei, in denen ich Sekunden, bevor der Besuch klingelt, noch hektisch mit dem Handfeger unter’m Wohnzimmertisch herumwedele.

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11 Antworten to “Selbsterziehung”

  1. anke Says:

    DANKE!!! für den beitrag und den gedankenanstoß!

    lg
    anke, die es heute auch gleich mal ohne NEIN´s versucht

  2. kaleema Says:

    Kolja machen zu viele „Nein“s verrückt. Erw eiß dann irtgendwann nicht mehr, was er darf und was nicht und gerät vollkommen aus den Fugen. Er wird dann ganz eindeutig nicht zur Salzsäule, sondern probiert so lange herum, bis er etwas findet, das offensichtlich in Ordnung ist, als könne er dadurch Grenzen definieren.

    Ich habe mir angewöhnt, „Nein!“ überwiegend in Notsituationen zu benutzen. (Ähnlich ist es mit „Stopp“) und es funktioniert ganz gut. Wenn Kolja sich oder andere oder das Eigentum irgendeiner Person nicht gefährdet, lasse ich ihn amchen, anonsten kennt er „Lass‘ das bitte.“ Also eine klare Ansage – dennoch kein „Nein“ und keine unnötigen Verbote.

    Gibt es keinen wirklichen Grund, etwas zu verbieten, dann mache ich es nicht. Manchmal neigt man dazu, Grenzen zu setzen, wo man glaubt, dass andere sie erwarten – oder aus so blöden Gründen, wie: ich möchte nicht, dass er irgendwann ganz verwöhnt ist.

  3. Doktor Vogl Says:

    Nein nein, trauen Sie keinem Buch, Verehrteste, in dem steht, dass „Kinder … Gelegenheiten zum Erwerb von Können versäumen“, sobald sie sich „einer neuen Situation nähern“ und von der Mama „ein ärgerliches Nein hören“, „an jeder Ecke“ natürlich. Korrektes Deutsch ist auch ein Glücks-Faktor, den aber der Herr Seligmann und vielleicht sein Übersetzer noch nicht kennengelernt haben. Ich vermute, er wollte schreiben, die Kleinen lernen nichts Neues, wenn die Eltern ihnen alles verbieten.
    Ich weiß nicht, wie viele Gelegenheiten zum Erwerb von Milkyway mein Kleiner schon an jeder Edekakassenecke versäumte, weil ein pädagogisch schwach gebildeter Vater mit einem ärgerlichen Nein dem Streben nach höherem Schokoriegelverzehrkönnen einen Riegel vorschob. 😉

  4. goodytales Says:

    Anke,
    bitteschön. 🙂
    Da sind wir dann schon zwei.

    Kaleema,
    genau diesen Vorsatz hab‘ ich auch ziemlich lange mit mir herumgetragen. Und ich weiß eigentlich gar nicht so genau, warum der irgendwann so verwässerte. Ich glaube, aus einer Mischung aus Bequemlichkeit und eben jenen Bedenken, die Du im letzten Satz angesprochen hast, heraus.
    Dabei sind genau das die dämlichsten Gründe der Welt. Teilweise bin ich, befürchte ich, aber wirklich schon dem mehr oder minder unterschwelligen „Du lässt Dir aber ganz schön auf der Nase herumtanzen“-Vorwurf (hervorgebracht in vielfältiger Form) erlegen und versuche es statt dessen mit den ans Herz gelegten „klaren und vernünftigen Ansagen“.
    Dass die natürlich in der Kindererziehung absolut notwendig sind steht außer Frage, bedeutet aber nicht, dass ein schnödes „Nein!“ die klarste und vernünftigste aller Ansagen ist.

    Doktor Vogl,
    über den literarischen Wert des von Ihnen zitierten Satzes ließe sich streiten. Ich denke aber tatsächlich, dass es um mehr geht, als nur um „die Kleinen lernen nichts Neues, wenn die Eltern ihnen alles verbieten“.

    Es geht – bitte verzeihen Sie das nun auf Sie einstürzende Pathos – um eine allgemeine Lebenseinstellung. Es geht um die Entfaltung von Persönlichkeit, es geht um die Berechtigung eigener Gedanken und Gefühle, es geht um das Bedürfnis nach Wagnis und Risiko, es geht um Neugier, es geht um das Entwickeln einer Diskussions- und auch Streit“kultur“, es geht um Selbstvertrauen.

    Es geht nicht um MilkyWay.
    Oder vielleicht auch, aber nicht in erster Linie.

    Mit dem Vermeiden eines Bequem-Neins ist nicht zwangsläufig das Befürworten eines Bequem-Jas gemeint.
    Tatsache ist, dass meine Tochter sich über den Tag hinweg unzählige Neins anhört, von denen die wenigsten wirklich notwendig wären. Weil ich gerade keine Zeit habe, mit ihr ausführlicher zu sprechen, weil ich keine Lust habe, etwas schon wieder zu wiederholen, weil ich den Sinn einer Diskussion nicht erkenne oder einfach über die Unbotmäßigkeit ihres aktuellen Bedürfnisses völlig schockiert bin (kommt vor).

    Früher (vor hundert Jahren) hab‘ ich anders reagiert. Mich über ihre zunehmende verbale Ausdrucksfähigkeit gefreut, sie zum Diskutieren sogar angeregt.
    Jetzt kann sie’s, jetzt bin ich genervt.
    Und schiebe dem Ganzen mit einem „Nein!“ wieder einen Riegel vor.

    Und das Problem ist: ich gewinne.
    Meistens.
    Durch das Stolpern über die Zeilen gestern bin ich wieder zu der Frage gekommen, was mir dieser Sieg eigentlich bringt?
    Und was er meine Tochter kostet?
    Ich kann mich auch ohne ein „Nein!“ durchsetzen, und gleichzeitig bei meinem Kind das Bewusstsein von „Ich bin es wert, dass man mich ernst nimmt“ wecken.
    „Ich werde angehört.“
    „Ich werde nicht im Vorbeigehen abgeschmettert“
    Und: „Ich gewinne auch mitunter.“

    Darum geht’s mir.
    Und dem Herrn Seligman vielleicht auch.

  5. Geckita Says:

    Eigentlich wollte ich dazu gar nichts schreiben; man muss ja nicht immer seinen Senf dazugeben. Aber der Beitrag beschäftigt mich seit heute morgen – und hat mich als unangenehmes Gefühl im Magen bis jetzt begleitet.

    Unangenehm, weil es mich an das erinnert hat, woran ich z.Zt zu knabbern habe: Nicht „Nein“, sondern „Gleich“.

    Ich vertröste meine Kinder im Moment viel zu oft mit diesem Wort, weil ich häufig keine Lust habe, zum 1000. Mal Playmobil Tierklinik zu spielen oder zu erörtern, welches Chucks-Modell aus welchen Gründen das Coolste ist (bei Minusgraden…).

    Ist ja eigentlich auch mein gutes Recht, aber dann meldet sich oft das schlechte Gewissen und ich denke, dann tu ihnen doch den Gefallen und gebe lustlos nach.

    Statt konsequent eine Zeit zu vereinbaren, zu der ich mich dann darauf einlasse oder klar zu sagen „Heute geht es nicht“ (Oder auch: „Heute habe ich keine Lust“ – und dann vielleicht eine Anternative anzubieten) sage ich viel zu oft „Jetzt nicht. Gleich“. Und wir alle wissen: Nie.

    (Überflüssig zu erwähnen, dass ich an die Decke gehe, wenn die Aufforderung meinerseits, die Schuhe anzuziehen, Hausaufgaben zu machen oder die Zähne zu putzen mit diesem Wort quittiert wird!)

    Danke für’s Stolpern.

  6. Doktor Vogl Says:

    Verehrteste, Sie haben natürlich vollkommen recht. Die Kleinen sollen wissen, dass sie ernst genommen werden. Der Doktor stört sich nur an solchen Rezepten und Hausaufgaben zur Selbstvervollkommnung, das reizt meinen Widerspruchsgeist. Schon ein Buchtitel wie „Der Glücks-Faktor“ nimmt die Locken aus meinem Haar und zieht tiefe Furchen in meine Stirn. Sie wissen ja auch: Man kann Kinder durch bequeme Neins so gut klein halten wie durch desinteressierte, inflationäre Jas, durch verunsichernd unentschiedene Jeins und durch ständige Diskussionen. Wären schon vier Hausaufgaben. Worum es dem Seligmann geht, weiss ich natürlich nicht, weil ich das ja nicht lese. Aber mir geht es um das Gleiche wie Ihnen, Frau Goodytales. Die Großen sollen sich mit ihrem Machtmonopol zurückhalten, damit die Kleinen hochkommen können. Z. B. bis ans MilkyWay-Regal. Dort wird allerdings ein keimendes Konsumentenlebensgefühl zu einem echten Wagnis, wenn der Doktor daneben steht und seinen Eid des Hippokrates exekutiert. 😉

  7. tyndra Says:

    also ich sehe das so wie der herr doktor. meine grundsätzliche einstellung ist die, dass extreme per se kein patentrezept sind, dazu gehört es auch, niemals nein zu sagen [oder umgekehrt, niemals mit den kindern zu diskutieren].

    man muss nicht ALLES ausdiskutieren und freundlich argumentieren. ich bin der festen überzeugung, dass kinder grenzen brauchen, die klar im raum stehen. damit werden eltern und situationen berechenbar. außerdem ist es auch so, dass ich selber meine grenzen habe, ich bin keine maschine [und mein göttergatte ebensowenig].

    und, davon abgesehen: die welt ist schlecht. niemand wird rücksicht auf ein kind nehmen, das nicht gelernt hat, ein „nein“ zu akzeptieren. da bin ich lieber zu hause die böse, als meine kinder solche dinge durch ihre freunde, in der schule oder sonstwo lernen zu lassen.

  8. goodytales Says:

    Tyndra,
    es geht mir hier gar nicht um ein Extrem. Es geht mir nicht darum, nie „Nein!“ zu sagen.
    In Gefahrensituationen oder in einem Moment, in dem eindeutig Werte, die mir wichtig sind, gebrochen werden, gehört ein „Nein“ genau so dazu, wie die Worte „Brot“, „Hallo“ oder „Lisbeth“.
    Es geht mir um das Bequem-Nein, um das „Abbügel-Nein“, das „Ich habe jetzt keine Lust, mich auf Dich einzulassen“-Nein.
    Die kommen vor, die sind nicht unverzeihlich, aber sie sind überflüssig.
    Und in den letzten Monaten nahm das hier bei uns eindeutig überhand. Das funktioniert dann trotzdem irgendwie, vielleicht sogar vordergründig gut; das kollidiert aber – bei genauerem Hinsehen – ganz gewaltig mit meiner Vorstellung von einem ausgewogenen Miteinander (so abgehoben das jetzt wieder klingen mag).
    Vielleicht bist Du in diese Ecke tatsächlich noch nicht hineingeraten. Hat ja jeder ganz andere Knackpunkte als Elternteil.

  9. Loni Says:

    Liebe Kira,

    das, was du beschreibst, kenn ich gut und kann deine Gefühle nachvollziehen.
    Es gibt allerdings Lebenssituationen, die einen selbst so sehr in Beschlag nehmen und beschäftigen, dass für die Kinder leider nicht mehr so viel Zeit, Energie und Verständnis vorhanden ist wie du es dir eigentlich wünscht.
    Kinder, die sich geborgen fühlen, vkönnen damit umgehen, da bin ich mir sicher. Du kannst versuchen zu erklären, warum dir momentan die Puste ausgeht, warum du so häufig einfach nur „nein“ sagst. Auch das vestehe ich unter einem liebevollen Miteinander. Kinder brauchen keine Super-Eltern, sondern Eltern mit Emotionen und Seele.

    Viele Grüße von
    Loni

  10. tyndra Says:

    nein, diese kollision hatte ich tatsächlich noch nicht. ich sag auch ohne schlechtes gewissen mal einfach „nein, ich hab jetzt keine lust dazu“ oder „nein, denn ich bin noch ziemlich sauer und muss erstmal runterkommen“ oder „nein, ich will jetzt lieber mein buch lesen“. man kann sich ja einen zeitpunkt ausmachen, zu dem man dann gemeinsam das gerade abgelehnte macht.

    wahrscheinlich seh ich das deswegen so locker, weil ich keine vorstellung von „richtiger erziehung“ [gemeint ist: im sinne eines ideales] im kopf habe, die ich anstrebe. außer der sache, dass jede/r seine freiheit und seine grenzen braucht/hat.

    aber ich scheitere an anderen stellen oft an meinem idealismus 🙂

  11. amidelanuit Says:

    1000 dank fürs erinnern. echt ma. morgen kein nein. fest versprochen!


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