Maus. Folge 1.

Februar 3, 2009

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by Everything is Permuted

Vor Jahren hatte ich einmal eine Maus. Eines Abends tänzelte sie leichtfüßig über den Teppich meines Wohn- und Schlafzimmers und verschwand in einer Ecke, die ich euphemistisch als meine Schuhablage bezeichnete. Mit einem Schirm begann ich vorsichtig einen Schuh nach dem anderen von dem wüsten Durcheinander abzutragen. Unter den letzten ein paar Staubflöckchen, sonst nichts. Unbehaglich ließ ich meinen Blick durch das Zimmer schweifen – und da, unter der Heizung, keinen halben Meter von mir entfernt, saß ein winziges, braunfelliges Tier und beäugte mich interessiert. Ein vorsichtiger Schritt in ihre Richtung bewirkte allerdings, dass sie wie der Blitz hochfuhr, durch die Küche sauste und unter der Tür in den Flur verschwand.

Meine anfängliche Zuneigung – kurzzeitig sah ich sie bereits auf meiner Schulter sitzen und verliebt an meinem Ohrläppchen knabbern – schlug sehr schnell ins Gegenteil um. Bereits in einer der ersten Nächte wurde ich gegen halb zwei von eifrigem Nagen geweckt. Verschlafen das Licht anknipsend ertappte ich sie in flagranti mit dem Fernsehkabel zwischen den Zähnen. Während ich noch unbeholfen mit den Füßen nach dem Boden tastete, suchte sie das Weite, ich kuschelte mich wieder unter die Decke. Zehn Minuten später vernahmen ich jedoch ein zartes Knistern aus einem Winkel, in dem sich eine beachtliche Sammlung hochwertiger Comicalben stapelte. Diesmal war ich schon wesentlich schneller auf den Beinen, sah aber trotz aller Hast nur noch ihr dickes Hinterteil unter der Küchentür verschwinden.

Der Gedanke, zukünftig meine Wohnung mit einer allesfressenden Maus teilen zu müssen, zog mich am nächsten Morgen in den Baumarkt. Der Preisvergleich, den ich etwas übernächtigt zwischen den teuren Gitterfallen und den ungleich günstigeren Schnappfallen anstellte, ließ mich für einen kurzen Moment an meiner tierfreundlichen Gesinnung zweifeln, aber letztlich siegte die Moral. Mit zwei Gitterfallen in den Händen ging ich zur Kasse. Mehrere schlaflose Nächte und zwei dreist ignorierte Gitterfallen später sah man mich mit hochgeschlagenem Mantelkragen drei Schnappfallen bezahlen. Der Effekt war derselbe: er blieb aus.

Irgendwann nach vielen dunklen Stunden, in denen ich durch meine Wohnung stolperte um die Maus von den Kabeln, den Möbeln, den Büchern, den Vorräten und dem Teppich abzuhalten, knipste ich gegen halb drei das Licht an und stürzte dem Nagegeräusch folgend in die Küche. Um ihr den Weg zum Flur abzuschneiden, warf ich die Küchentür zu, legte eine Decke davor und stand bereits beim Aufrichten der Maus gegenüber, die vor der verbarrikadierten Tür verwirrt abbremste. Stattdessen eilte sie ins Wohnzimmer und tauchte dort einmal mehr zwischen den Schuhen unter. Diesmal hielt ich mich nicht mit vorsichtigem Gestochere auf, und Hals über Kopf rannte die Maus über das im ganzen Raum verteilte Schuhwerk hinweg hinter den Küchenschrank. Ergrimmt schob ich den Herd beiseite und schielte hinter den Schrank. Nun war Taktik gefragt.

Ich nahm ein Tuch, löschte das Licht, legte mich ins Bett und wartete ab. Wenige Minuten später hörte ich ein feines Rascheln. Mehr fallend als laufend stürzte ich in die Küche und quetschte das Tuch in die Schrankritze. Sekunden später fand sich auch die Maus ein. Missbilligend sah sie zu mir auf und flüchtete dann hinter die Vitrine. Anschließend hinter den Kühlschrank, den Schreibtisch und schließlich hinter ein Bücherregal. Leidenschaftlich zerrte ich Möbel nach vorne, drohend anstehende, weitere schlaflose Nächte verliehen mir ungeahnte Kräfte.

Ein Geistesblitz trieb mich dazu, die Terrassentür aufzureißen und nach dem Schirm zu greifen. Leider hatte ich sie dabei aus den Augen verloren, und es kostete mich mehrere Minuten, um sie hinter dem Mülleimer aufzustöbern. Die Maus nutzte ihren letzten Trumpf und verschwand zwischen den Matratzen. Das Bettzeug flog in die Ecke, die Matratzen folgten. Maus rannte genervt in die Küche, ich verzweifelt hinterher. Verdammt, wo war sie jetzt? Vielleicht schon draußen? Ich warf einen sehnsüchtigen Blick zur offenen Tür und erstarrte, als das vertraute Rascheln beim Kühlschrank erklang. Während ich mich über den Kühlschrank warf, stürzte die Maus einmal mehr Richtung Küchenschrank. Offenbar hatte sie in all dem Chaos nicht mehr an das Tuch gedacht und das nutzte ich aus. Mit dem Schirm holte ich sie von den Beinen und landete einen wunderbaren Treffer, der sie im hohen Bogen zur Terrassentür hinausbeförderte.

Die Verwüstung missachtend stolperte ich zu den Matratzen und schlief sofort ein. Eine Stunde später klingelte der Wecker. Ich taumelte aus dem Bett, duschte, setzte Tee auf und öffnete die Terrassentür.
Die Maus verschwand hinter der Kommode im Flur.

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7 Antworten to “Maus. Folge 1.”

  1. kaleema Says:

    Das Miststück!
    *rofl*

  2. Katja Says:

    Nicht im Ernst, oder? *lol*

    (Und schnell Folge 2 schreiben, bitte!)

  3. Nina Says:

    haha, wie geil ist das denn 😀

  4. goodytales Says:

    Kaleema,
    da sagst Du was!

    Katja,
    doch, doch, ganz und völlig im Ernst.
    Mein Leben war bisher lang und ereignisreich. 🙂

    Nina,
    zehn Jahre später find‘ ich’s auch schon nett, doch. Aber an diesem betreffenden Morgen hätte sich jeder mit auch nur ansatzweise hochgezogenen Mundwinkeln sehr, sehr schnell von mir fortbewegen müssen.

  5. ichbinimmerich Says:

    Mir gefällt sehr, wie die Maus im Laufe der Erzählung gewachsen ist (ist sie in Zeile 10 noch winzig, hat sie in Zeile 26 ein dickes Hinterteil bekommen) *kicher*

  6. goodytales Says:

    Gar nicht zu reden von ihrem immer breiter werdenden Grinsen.

  7. Natascha Says:

    Herrlich, diese Geschichte erinnert mich an den Film Mäusejagd 🙂 Clevere Viecher, diese Nager… Die wissen wohl, wo es warm und kuschelig ist.


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