Nostalgiestunde

März 10, 2009

Eine Weile fuhr ich frühmorgens regelmäßig mit dem Bus nach Frankfurt. Meistens so früh, dass ich noch im Dunkeln an der Bushaltestelle stand, müde vor mich hin fror und den ankommenden Scheinwerfern entsprechend erleichtert entgegentrat.

Nach dem Einsteigen suchte ich mir einen Platz am Fenster, stützte die Knie gegen die Lehne des Vordersitzes, setzte die Kopfhörer des Walkmans auf und überließ mich mit geschlossenen Augen dem Geschaukel des Busses und den ersten Takten des Albums „New Jersey“.

Mein Tagtraum dazu sah immer gleich aus und bestand im Wesentlichen aus einem Sänger (Jon Bon Jovi), der während eines Konzertes auf ein Mädchen (mich) (natürlich) im Publikum aufmerksam wird. Völlig hingerissen lässt er kurz vor „I’ll be there for you“ besagtes Mädchen von den Roadies auf die Bühne holen und singt diesen Song vor zehntausend Fans und doch nur für sie.

So weit, so klischeelastig.

Bei Minute 3.25 etwa gibt’s jedoch eine unerwartete Wendung: das wunderschöne Mädchen mit dem langen, langen Haar nimmt Richie Sambora die Gitarre aus der Hand und legt ein begnadetes Solo hin, welches das Publikum zur Ekstase treibt und Jon Bon Jovi fassungslos in die Knie zwingt. Am Ende des Songs drückt sie einem verwirrten Sambora die Gitarre mit einem doch irgendwie triumphierend zu nennenden Lächeln in die Hand und wirft sich mit einem gewagten Stagedive in das Dunkel der kochenden Menschenmenge hinein.

Tagtraum baked by Kira.
Da hatte die Unbill eines stinknormalen Vormittags kaum mehr eine Chance.

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8 Antworten to “Nostalgiestunde”

  1. ilona kaddouri Says:

    Erinnerst Du Dich?
    „I’ll Be There For You“
    …these three words I swear to you
    Was haben wir gelacht!

  2. Doktor Vogl Says:

    Verehrteste, ich verbringe die letzten vier Wochen, sie fühlen sich an wie Jahre, damit, Texte zu korrigieren und also vom Deutshen ins Deutsche zu übertragen. Mache also hier gleich gratis weiter. Es existiert kein Plural von „Unbill“. Der Genitiv von „ein“ heisst „eines“ nicht „einen“. Sind Sie sicher, dass „Jon Bon Jovi“ nicht „John Bonn Chauvi“ heissen muss?

  3. goodytales Says:

    Ilona,
    aber natürlich erinnere ich mich.
    An den irritierten Seitenblick samt quasi neongelber Gedankenblase, in der deutlich „Eins, zwei, drei… vier… fünf?“ zu lesen war.
    🙂

    Doktor Vogl,
    die Unbillen hab‘ ich ein paar Mal vor und zurück gesetzt, beuge mich jetzt aber natürlich sofort ihrem Lektor-Stock und gehe korrigieren.
    Das „einen“ statt „eines“ ist ein banaler Flüchtigkeitsfehler und erhält dadurch hoffentlich nur einen halben Punkt Abzug?

    Zum letzten Satz sag‘ ich nix.
    Wie könnten Sie das auch verstehen?

  4. Doktor Vogl Says:

    Vielleicht Shaun Beau Showy? Jetzt versteh ich schon SO wenig von der populären Unterhaltungsmusik, dass man, Frau Goodytales, mir ihre Geheimnisse nicht mal mehr zu erklären versuchen will. Das hat vermutlich einen Grund. Ich werde Ihnen mein Alter aber verschweigen. Eins noch: War es Liebe? Warum fehlen in dieser Wunscherfüllungsphantasie dann: Seine Telefonnummer, der Backstagepass, ein schmachtender Kuss coram publico oder sonst ein kleiner Hinweis auf eine keimende sexuelle Zukunft mit dem unaussprechlichen Herrn? Wollten Sie nur die Guitarre für ihn spielen? Das ist natürlich sehr romantisch, Verehrteste. Ich fürchte, Jean Bong Jupiter wäre ein wenig enttäuscht gewesen, auf seinem Groupie-Olymp.

  5. goodytales Says:

    Ich habe meinen damaligen Tagtraum jetzt Ihnen zu Liebe (oder zuliebe?) psychologisch ausgewertet und komme zu dem Schluss, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen eher extrovertierten, dafür minder sexuell angehauchten Selbstdarstellungs-Traum gehandelt hat, mit dem ich meinen tief in mir verborgenen Frust ausleben konnte, im Hintergrund und weitgehend unbekannt Interviews zu führen, ohne angemessen dafür beklatscht zu werden.

    Ja.
    *geht einen Schritt zurück und gönnt dem Absatz noch einmal einen prüfenden Blick*

    Ich glaube, so kommt’s ungefähr hin.

  6. Doktor Vogl Says:

    zuliebe. Aha. Ich würde gerne mehr über diese Interviews lesen. Bitte. Danke sagt der Doktor

  7. goodytales Says:

    Das wird sich im Laufe der nächsten Wochen, Monate und Jahre vermutlich machen lassen.
    🙂

  8. Marlies Says:

    Was für ein toller Traum! So ähnlich habe ich mich letztes Jahr nach den Konzerten in München und Stuttgart gefühlt 🙂


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