Die Freaks zu mir, bitte.

Juni 5, 2009

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by eriwst

Einen nicht unerheblichen Teil des Tages verbringe ich ja derzeit auf dem Sofa, in Reichweite nur das Kind, ein Stillkissen, siebenunddreissig Mullwindeln und ein halbwegs anspruchsvolles Buch. Das ist in etwa genau so aufregend, wie sich das anhört, weshalb der Blog ein bisschen leidet – aber wer will schon jeden Tag Kommentare à la „Heute hat er mehr gespuckt als getrunken“ lesen?

Beim Töchterlein-Abholen gestern jedoch lief ein älterer Mann vor mir her, den mein Hirn erst in dem Moment mit „Huch, ein älterer Mann“ registrierte, als es ein irritiertes „Und was macht er denn da?“ hinterherschieben konnte. Ja, was machte er da? Er machte folgendes: Bei jedem Fahrrad, das harmlos an irgendeiner Hauswand, einem Zaun oder an einem Laternenmast gelehnt stand, stellte er sich davor, betrachtete es nachdenklich zwei Sekunden lang und schubste es dann um.

Auf diese Art kam er nur sehr langsam voran, trotzdem lief ich an drei umgestürzten Fahrrädern vorbei, bevor ich ihn eingeholt hatte. Auf dem Weg zu ihm hatte ich mich bereits für die Handlungsoption „Strenger Blick + Bemerkung mit vorwurfsvollem Unterton“ entschieden, nachdem ich ihn jedoch tatsächlich streng angesehen hatte, zog ich es vor, mit Liam im Tuch vor dem Bauch schnell die Straßenseite zu wechseln.

In einem Comicstrip wären seinen Pupillen rote Spiralen gewesen, und ich bin immer noch etwas erschrocken darüber, wie offensichtlich man ihm ansah, dass da etwas ganz massiv neben der Spur lief.
Nachdem ich nun sowohl zeitlich als auch räumlich einen sicheren Abstand zu ihm habe, frage ich mich doch: Wer kümmert sich wohl um diesen Menschen? Es scheint mir absurd davon auszugehen, dass er in der Lage sein soll, angemessen für sein eigenes Wohlergehen zu sorgen. Im Nachhinein beschäftigt mich die Frage, ob ich jemanden über ihn hätte informieren sollen. Die Polizei vielleicht. Zum Beispiel.

Stattdessen war ich nur bemüht, möglichst schnell einen größeren Sicherheitsabstand zwischen mich und ihn zu bringen, und wenig später, beim Begrüßen der Lieblingstochter, war er gedanklich bereits wieder vollkommen ausgeblendet.
Hm.

*zieht sich grübelnd auf das Sofa zurück*

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2 Antworten to “Die Freaks zu mir, bitte.”

  1. Katja Says:

    Ganz ehrlich und aus der beruflichen Erfahung heraus: mach nichts. So lange er keine Menschen umschubst und die Räder nicht wirklich schweren Schaden genommen haben, wird niemand in Deutschland etwas für/gegen ihn tun (dürfen). Was soll die Polizei auch machen? Ihn festnehmen wegen schwerem Radschubsens? Und klar, seine Wohnung wird versifft und verlottert sein, jedoch auch das ist nicht strafbar. Da könnte sich der Vermieter drum kümmern. Wird er vermutlich auch irgendwann tun -später. Wer sich nicht helfen lassen will, dem wird hier in Deutschland sicher niemand helfen (können), so lange Eigen- und Fremdgefährdung noch nicht wirklich klar erkennbar sind. Und ansonsten genau richtig: woanders hinschauen, nicht provozieren, Kind aus der „Schussweite“ bringen. Die Erkenntnis, dass man an einer Situation nichts ändern kann, macht es vermutlich auch nicht unbedingt erträglicher. 😦

    Genieße das viele Rumsitzen! Wenn ich damals auf meinem Sofa gewusst hätte, dass ich so viel in halb gebückter Haltung rennen müsste, wie heute wieder, hätte ich die Fläzerei viiiiiiiiiiiiel mehr genossen! Neidische Grüße, Katja

  2. ichbinimmerich Says:

    Ich finde ja auch, Du solltest es geniessen. Wie schön mit einem nach mal mehr oder weniger sauren Milch duftenden Baby auf der Couch sitzen zu dürfen und nichts tun zu müssen. Der Anspruch holt Dich schon noch früh genug wieder ein.
    Aber davon abgesehen habe ich interessanter Weise vor wenigen Tagen eine ganz ähnliche Zusammenkunft gehabt und war auch sehr unentschlossen, ob ich die Polizei informieren soll. Der Mann war offensichtlich desorientiert und warf ebenfalls Fahrräder um. SEHR SEHR seltsam!!


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