Von Herzen.

Juli 14, 2009

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by j-fin

Heute stand ich im Supermarkt an der Kasse und verfolgte halbherzig die Aktivitäten der Kunden vor mir. Auf dem Band hatte ich die Zutaten für meinen Kochdienst am Donnerstag gestapelt. Es gibt Pizza. Der Abwechslung halber.

„Das reicht aber nicht!“, höre ich da plötzlich die Kassiererin maulen, und ich sehe auf.
Ein älterer Herr im gelben Pullunder fischt intensiv und offenbar vergeblich in seiner Geldbörse herum.
„Dann müssen sie etwas zurücklegen“, tönt die Kassiererin erneut und guckt so strafend wie sie nur kann.
Mit einem verlegenen Lächeln greift der alte Mann in seinen Einkaufswagen, in dem sich Brot, Gemüse und ein Strauss Blumen befinden. Letztere reicht er nun der Kassenfrau, die mit einem genervten Augenrollen ihre Storno-Prozedur beginnt.

„Dann müssen sie eben zu Hause bleiben, wenn sie kein Geld zum Einkaufen haben“, nölt es hinter mir, und ich wende schockiert den Kopf. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich angenommen, dass zumindest wir Kunden uns solidarisch mit dem älteren Herrn zeigen würden und das Verhalten der Kassiererin geschlossen unmöglich finden. Dem unwilligen Gemurmel um mich herum entnehme ich jedoch, dass dem ganz und gar nicht so ist.

Ich spiele kurz mit dem Gedanken, die fehlende Summe zu übernehmen, grübele aber zu lange über der Frage, ob dies dem Herrn am Ende noch peinlicher sein würde, als ihm ganz offenbar die Situation ohnehin schon ist. Mit gesenktem Kopf verstaut er gerade seine Einkäufe in einer großen Tasche und die Kassiererin bedient den nächsten Kunden.

Als ich an der Reihe bin verlässt der Mann bereits den Laden.
„15,64 Euro“, sagt die Kassiererin.
„Packen Sie die Blumen noch dazu“, sage ich.

Dann sprinte ich dem Herrn hinterher und erwische ihn fünfzig Meter weiter.
„Ihre Blumen“, sage ich in sein irritiertes Gesicht hinein, „ich hab‘ sie für Sie mitgenommen.“
Auf seinem Gesicht spiegelt sich in wenigen Sekunden Verwirrung, Skepsis und überraschte Freude, und zwar in dieser Reihenfolge.
„Danke“, sagt er, und noch einmal: „Vielen Dank!“
Dann hebt er seine freie Hand zu den Augen und strahlt mich zwinkernd an, und bevor mir die Knie weich werden, strahle ich zurück und hetze dann wieder in den Laden hinein, wo ich meine Einkäufe ob dieser überstürzten Aktion stehen gelassen habe.

So viel Freude für 2,99 Euro.

Und jeeeeetzt – generiere ich mein erstes Stöckchen, jawohl und gebe mich damit zum Abschuss frei für alle „Ah, nicht zu ertragen, diese Gutmenschtümelei“-Stöhner.
Ein Glücks-Stöckchen.
Jeder der es aufnimmt, überlegt sich für jemand anderen ein paar freudige Minuten und berichtet darüber in seinem Blog. Mit einer angemessenen Dosis Herzergriffenheit, bitte, denn das ist ja mein Stöckchen, und deshalb darf ich um so etwas bitten. Ich les‘ das nämlich gern.

Und um meinem Mini-Stöckchen einen guten Start zu verschaffen, werfe ich es gleich mal an sechs Blogger/innen weiter, nämlich an Frau Ami, Kaleema, Frau Antonmann, Katja, Ichbinimmerich und Doktor Vogl

Nun bin ich gespannt.
*geht Nägelkauen*

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15 Antworten to “Von Herzen.”

  1. Ostwind Says:

    Ich bloglose schreib mein kleines Glücklichmachen hier auf:
    Gestern fand ich in meinem Garten ein verwaistes Amselnest mit 2 Eiern. Ich trug es in meinen Nachbargarten und informierte die Nachbarin per SMS, daß ich für ihren Sohn ein Nest deponiert habe. Kurz darauf rief sie per Handy aus dem Garten an, der Junge (6) riß das Handy an sich und überschlug sich vor Freude. „…und dann nehme ich es mit nach Hause und brüte die Eier aus. Ja ich weiß, meine Decke ist kalt aber nach mindestens einer Stunde ist die sooo warm, daß das brütet… Und weißt du was das coolste ist? Als mir die Mama im Supermarkt von dem Nest erzählte, hab ich vor Freude dort den Fußboden geleckt. Mit meiner Zunge.“
    Sieht man mal vom Fußbodenlecken ab, hab ich Mama und Kind glücklich gemacht und mich selbst, weil mich die Rührung der beiden so gefreut hat.

  2. amidelanuit Says:

    ich bin zu tränen gerührt!! das ist sehr großartig von ihnen meine liebe, sehr! und lustiger weise habe ich heute was ganz ähnliches am laufen:))

    ihr stöclchen müssen sie aber noch ein bisschen erklären, also zumindest mir. sollen wir uns im vorfeld was überlegen und dann darüber schreiben oder über etwas schreiben, was uns mal in der art passiert ist?

  3. goodytales Says:

    Am schönsten wäre, wenn man den ganzen Tag auf der Lauer liegen würde, um jemand anderem etwas Gutes zu tun, da man völlig unter Druck steht, davon im Blog berichten zu müssen.
    🙂

    Oder ANDERS gesagt:
    Es sollte nichts sein, was bereits geschehen ist, obwohl das bestimmt auch nett zu hören wäre, sondern die Stockgetroffenen sollten sich, sofern mitmachbereit, ein paar Gedanken darüber machen, womit man einem anderen völlig unerwarteterweise eine Freude machen könnte.

    Da nicht jeder so viel Glück hat wie ich und quasi von dem guten Gedanken förmlich angesprungen wird (älterer Herr + unfreundliche Kassiererin + nölige Menschen im Hintergrund + BLUMENSTRAUSS! – ich gebe zu, das war einfach), muss man sich vielleicht sogar etwas bemühen (obwohl ja immer alle sagen, dass es quasi ein Klacks sei, jemanden zu beglücken, einfach so, meine ich. Ohne Zugzwang und all das.).

    Und dann berichtet man und wirft vielleicht sogar weiter.
    Und wenn dann alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, entsteht dadurch einmal mehr eine Gute-Taten-Kette, und ich fühle mich immer sehr motiviert, wenn ich irgendwo auf solche Aktionen stoße, wie man ja auch an meiner Bloglist lesen kann.

    Und jetzt geh‘ ich aber gucken, was im Ami-Blog Ähnliches am Laufen ist.

  4. amidelanuit Says:

    ah! ok. gut. jetzt noch eine frage:) wie sieht das denn mit der person, der ich gutes tue aus. darf die bekannt sein? oder muss die unbekannt sein – was ich persönlich ja um einiges spannender fände:))

  5. goodytales Says:

    Ich persönlich ebenso. Also, ich fände das auch spannender, will aber die Messlatte nicht so hoch legen.

    Von daher formuliere ich es so:
    Wählen Sie eine Ihnen völlig unbekannte Person aus, um ihr etwas Gutes angedeihen zu lassen. Sollte Ihnen das zu unangenehm sein, üben Sie erst einmal mit drei Ihnen vertrauten Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung, und DANN wagen Sie sich an einen Fremdling.

  6. goodytales Says:

    Ostwind,
    wenn ich nicht schon betitelt hätte, dann fände ich ja „Kleines Glücklichmachen“ jetzt ungefähr zehntausendmal netter als das dagegen etwas sehr schlichte „Von Herzen“.
    🙂

  7. amidelanuit Says:

    ok. dann weiss ich jetzt bescheid. ich werde das vermutlich nicht heute hinkriegen, ich muss noch nachdenken:) aber ich werde berichten sobald ichs gemacht habe. ich nehmen natürlisch gleich die schwere variante: das prickelt mehr:))

  8. Maike Says:

    es gibt ein tolles buch „das glücksprinzip“, da geht es um sowas ähnliches. Ein lehrer gibt den schülern in sozialkunde die aufgabe, sich etwas zu überlegen, wie sie die welt verbessern können. und ein junge kommt auf die idee des „weitergebens“. jeder tut drei menschen, egal ob fremd oder nicht, etwas gutes, die einzige bedingung ist, dass diese drei menschen es jeweils an drei weitere menschen weitergeben. also wie ein schneebalprinzip 🙂

    http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Glücksprinzip

    musst ich grad dann denken..

    viele grüße
    maike

  9. Blossom Says:

    Das war echt lieb von dir.
    🙂

  10. Schokowuppi Says:

    Wie toll!!!

  11. agichan Says:

    Und wieder ist mir was ins Auge geflogen *augen verdreh*

    Wie wunderbar, dass es noch so spontan herzliche Menschen gibt 🙂

  12. Cecie Says:

    ich habe vor jahren mal in einer ähnlichen situation, die mich aber nichts als meine club-mitgliedskarte gekostet hätte mal nicht reagiert. noch heute schäme ich mich sehr dafür.

    danke, dass sie getan haben was sie getan haben!


  13. Ich finde deine Reaktion einfach nur wunderbar. Leider gibt es so etwas viel zu selten,ich denke du hast diesen älteren Herrn und vielleicht auch seine Frau(?) für die die Blumen bestimmt sein sollten, sehr glücklich gemacht.

  14. Frau Maus Says:

    Boah, wie toll. Das sind so diese Situationen, in denen man nicht zu lange nachdenken darf… dann macht man nämlich einfach gar nichts. Ich wäre vermutlich auch nur auf die Idee gekommen, dem Herrn mit Geld auszuhelfen, was ihm ziemlich wahrscheinlicherweise unangenehm gewesen wäre, bei aller Freundlichkeit. Aber die Blumen einfach selbst zu kaufen, wirklich klasse von Ihnen. Ich bin ehrlich gerührt. Zwar habe ich kein Stöckchen bekommen und ich habe auch noch keinen (Fremden) glücklich gemacht, aber das hier paßt trotzdem: Heute nachmittag, Supermarkt-Parkplatz, ich steuere gerade auf mein Auto zu und sehe, dass die Frau im Auto davor ihren Einkaufswagen losläßt, der gefährlich schnell auf mein Autochen zurast. Ohnehin völlig daneben, überfordert und schlechtenst gelaunt schreie ich hysterisch los, sie solle doch gefälligst auf ihren Einkaufswagen aufpassen – im selben Moment hatte sie ihn schon gepackt und zurückgezogen. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen und schämte mich ob meiner Unbeherrschtheit, ging zu ihr hin und entschuldigte mich. Die Frau lächelte mich an, streichelte mir über den Arm und meinte, sie könne mich gut verstehen, als ihr Wagen noch neu gewesen sei, sei sie auch immer so vorsichtig gewesen. Wünscht mir ein schönes Wochenende, winkt und fährt davon. Und sofort, wirklich, fühlte ich mich leicht und ausgeglichen. Jemand hat mich ein bißchen fröhlicher gemacht. Jetzt haben wir hier ja eine Aufgabe für das Wochenende…

  15. goodytales Says:

    Hab‘ ich mich eigentlich schon für all die netten Kommentare bedankt?
    Nein, hab‘ ich nicht.
    (So was.)

    Daher aber jetzt: Dankeschön. 🙂


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