Perspektivenwechsel.

November 23, 2009


by not a hipster

Ich habe Hunger.
Da Mama idealerweise gerade direkt neben mir sitzt, beschließe ich, ihr diesen Sachverhalt sofort unmissverständlich kundzutun.
„Ah-hu“, sage ich und lächle Mama freundlich an.
„Ah-hu“, sagt Mama. „Ah-hu, ah-hu. Ja, was du für tolle Geräusche machen kannst!“

Manchmal passiert so etwas einfach.
Ich bin inzwischen klug genug, die Schuld bei mir zu suchen und ändere meine Taktik: „Hunger!“, bekräftige ich und lasse das Lächeln diesmal weg.
„Ja, prima“, sagt Mama geistesabwesend, während sie damit fortfährt, Kleidungsstücke zu falten.

Es hilft nichts, ich muss deutlicher werden.
„Hunger“, krakeele ich und schiebe ein Nölen der Stufe Eins nach.
Mama sieht mich an: „Hast Du Hunger, mein Schatz?“
Liege ich flach auf dem Rücken?
Natürlich habe ich Hunger, das sage ich doch die ganze Zeit, versuche ich Mama zu erklären, während sie mich hochnimmt und mit mir in das Esszimmer geht.

In freudiger Erwartung juchze ich Mamas Oberkörper an, doch nichts von dem, was jetzt eigentlich geschehen müsste, geschieht.
„Ich bin bereit!“, rufe ich, „EssenEssenEssen!“
Mama hält mir einen Löffel vor die Nase.
„Mjammjammjam“, macht sie.

Ich bin ein bisschen ratlos.
„Lecker Pastinakenbrei“, sagt die Mama. „Leckerleckerlecker“.
Hm. „Pastinakenbrei“ sieht weder gut aus, noch riecht es „leckerleckerlecker“. Sicherheitshalber mache ich meinen Mund schnell ganz fest zu.

„Mhmmm, ist das gut“, sagt die Mama.
„Du darfst es haben“, will ich ihr sagen. „Iß ruhig, und nun her mit meiner Milch!“
Ich öffne den Mund und vergesse dabei leider zum einen, dass ich noch nicht reden kann, zum anderen den Löffel. Mama nutzt den günstigen Moment und klatscht mir einen ordentlichen Klecks Pastinakenbrei auf die Zunge.

Es schmeckt – scheußlich! Widerlich, ekelhaft, nichts wie raus damit. Meine Zunge ficht einen kleinen Kampf mit dem Löffel aus, dann landet das Zeug auf meinem Pullover.
Ich strahle Mama an. Mama lächelt zurück.
„Mjammjammjam“, sagt sie.
Manchmal versteht mich Mama einfach nicht.

Einmal mehr rückt sie mit dem Löffel an. Soweit ich das überblicken kann, handelt es sich immer noch um den gleichen Matsch, und ich beschließe, ihn einfach zu ignorieren.
Erst sehe ich aus dem Fenster. Dann auf Mamas Hals. Schließlich auf meine Füße. Es hilft alles nichts. Der Löffel folgt penetrant meinem Mund, und ich bin bemüht, durch die Nase zu atmen.

„Leckerleckerlecker“ sagt Mama und versucht, mit dem Löffel meine eisern geschlossenen Lippen aufzuzwängen. Nun reicht’s aber. Ich beschließe, ihr den Löffel wegzunehmen.
Nach dem kleinen Handgemenge befindet sich der Pastinakenbrei nicht nur auf meinem Pullover, sondern auch auf der Hose, auf Mama’s Ärmel und dem Fussboden, doch ärgerlicherweise gibt sie immer noch nicht auf.

„Mjammjammjam“, säuselt sie und macht dann dieses lustige schnalzende Geräusch mit der Zunge. Da muss ich lachen, das weiß sie genau, und schon habe ich Pastinake im Mund.
Ich sehe ihr fest in die Augen und lasse alles am Kinn herunterlaufen.
„Mhmmmm, gut“, ruft Mama verzweifelt und versucht schnell, den Brei aufzufangen und wieder hinter meine Lippen zu schieben.

Ich sabbere raus.
Mama schiebt wieder rein.
Ich pruste.
Mama wischt sich mit dem Handrücken über ihr Gesicht.

„Leckerleckerlecker!“, donnert sie und versucht es von Neuem.
Den Kampf um den Löffel hat sie vorhin gewonnen, aber meinen gut platzierten Hieb gegen das blöde Ding hat sie nicht kommen sehen.
Mama und ich schauen auf den Pastinakenklecks an der Wand.
Dann sehen wir uns an.
„Milch!“ gurgele ich.
Es klingt zwar mehr wie „Äa-up“ – aber eine halbe Minute später weiß ich: Mama versteht mich wieder.

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14 Antworten to “Perspektivenwechsel.”


  1. Hihi!
    Herrlich!
    Genauso!
    Da haben unsere Kleinen wohl dieselben Tricks drauf 😉

  2. Kathi Says:

    soooooooooooo lustig! Hach! Danke!

  3. mausimom Says:

    Guten Morgen….
    „beginnee den Tag mit einem Lächeln“ habe ich mal irgendwo gelesen.
    Nach einem Besuch auf Deinem Blog ist es geschafft ;o))

  4. ela Says:

    *lol! Einfach herrlich!


  5. Oh! Du kennst mein Kind?
    (Die Hölle. Ganz im Ernst.)

  6. Sabrina Says:

    Herrlich! Danke für die schöne Story.


  7. *lach* fantastisch!!

    😀

    glg ela

  8. Sara Says:

    Ich verstehe das Kind absolut. Pastinake ist ja auch widerlich. Ganz besonders Pastinakenbrei. *würg*

  9. Marlen Says:

    Herrlich… habe wieder kichern müssen – wobei ich mir vorstellen kann, dass Mutter und Kind nicht nach Kichern zumute war *hüstel*

  10. Leonora Says:

    Danke! Ich hab mich so gut amüsiert, gelacht. Mein Mann neben mir sagte schon, ich soll mich endlich beruhigen! 😀

  11. Cecie Says:

    *grööööhl*

    fantastisch, danke! da weiss ich ja dann jetzt, wie es bei uns in ca. 6 monaten zugeht. danke!


  12. öh cecie nö?wozu?wenn kind was andres außer milch will, glaub mir dann wirste das merken 😉 und dann is das auch kein kampf für niemanden 🙂


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