Erkläre mir das jemand.

Januar 30, 2010


by toadstool ring

Ich hab‘ in sehr jungen Jahren ganz gerne Horrorfilme gesehen bzw. mir eingebildet, ich müsse sie gerne sehen. Es war mehr ein „Ich versteck mich hinter Kissen und schreie ab und an“-Event mit Freunden. Gruselig-eklige Monster wankten durch die Gegend, der Todesarten gab es viele, und das Böse stand immer noch mindestens einmal auf.

Ganz wesentlich waren spannungsgeladene Momente, in denen man WUSSTE, dass irgendwo Irgendetwas lauerte, aber nicht vorherzusagen vermochte, wann der Irre/die Kreatur/der Alptraum vor die Kamera springen würde. Die Protagonisten wussten dies ebenfalls nicht, und oft ging dieses Unwissen mit einem weiteren Ableben einher. Selbiges fand dann in der Regel schmerzhaft, doch kurz statt. Ein abbrechender Schrei war ein hinreichender Beweis für „erledigt“. Oft sah man psycho-like in irgendwelche Ecken, in die ein paar Blutströpfchen hinspritzen, mitunter waren es auch übertriebene Fontänen.

Doch selbst die ausuferndsten Blutbäder der Horrorfilme meiner Zeit nehmen sich im Vergleich zu dem, was man heute so unter „Horror“ finden kann, eher süß aus.
Das stelle ich fest, wenn ich mir aufgrund von Filmempfehlungen die Inhalte von „Hostel“ oder „Martyrs“ auf wikipedia durchlese. Kann man so etwas eigentlich gucken und dabei noch Chips essen?

Warum guckt man so etwas überhaupt?
Hätte mich früher jemand gefragt, warum ich unbedingt ein Freddy-Krueger-Sequel sehen muss, hätte ich vermutlich etwas von Gruseln und Effekten erzählt (heute würde ich sagen „Keine Ahnung. Ich war doof.“).

Effekte spielen ganz sicher noch eine tragende Rolle, aber das Gegrusel ist doch ziemlich stark zum Ekel avanciert.
Warum will man minutenlang zusehen, wie jemand bei lebendigem Leib gehäutet wird?
Warum? Also, ich meine – warum?

Das ist grauenvoll, widerlich, quälend und verstörend, das verfolgt einen doch, bis man achtzig ist, oder?
Ich will das wirklich wissen, das ist keine sich selbst beantwortende „Wie kann man nur!“-Frage.
Was reizt daran? Was „gefällt“?

Das gucken ja wohl nicht nur psychische Wracks und emotionsfreie Sadisten.
Ganz normale Menschen legen eine DVD ein, auf der jemand seinem Gegenüber mit einem Bunsenbrenner ein Auge herauskohlt – alleine beim Aufschreiben fühl‘ ich mich krank. Bin ich jetzt zartbesaitet, oder was?
Warum will man so etwas sehen?

(Das Foto zeigt übrigens den niedlichsten kleinen Geist, den ich finden konnte. Ich musste ein Gegengewicht setzen.)

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6 Antworten to “Erkläre mir das jemand.”

  1. Bibi Says:

    Ja. Einfach ja! Wurde mal Zeit, dass das jemand ausspricht!!!

  2. ela Says:

    Ja,mich wunderts auch.Und was ich am schlimmsten finde – das Argument,es sei ja alles ausgedacht,zieht nicht. Diese Auswüchse waren bei IRGENDWEM IM KOPF!
    IIiiihh!

  3. Löffelkraut Says:

    Vielleicht, weil man wissen will, wie viel man aushält (mehr als die anderen? weniger als die anderen?), vielleicht, weil im normalen Leben wenig Gefühle vorkommen (wann ist man schon mal in Lebensgefahr heutzutage?)und wir aber darauf eingestellt sind, ein gewisses Maß aller Gefühle mal erlebt zu haben? Vielleicht. Vielleicht, weil man bestrebt ist, Situationen zu meistern, weil es sie gibt (von 8000ern wird das ja auch behauptet).

    Ich weiß es nicht. Ich habe solche Filme nie sehen können. Die wenigen schlimmen Szenen, die ich mal aufgeschnappt habe – meist, weil ich ein scheinbar harmloses Buch gelesen habe – habe ich bis heute im Kopf und werde sie nicht los.

    Aber der Geist ist sehr süß. Eine Anleitung hast Du nicht zufällig, oder?

  4. Blogga die Blogfee Says:

    In meinen Augen gibt es gleich eine Reihe von Gründen, die diese Entwicklung begründen können:

    1. Durch Mediendarstellung, Sozialisierung und auch Erziehung sind frischere Generationen an diese Kost eher gewöhnt und nehmen sie nicht in der Form wahr, wie es ältere Generationen tun (was übrigens schon bei Mozart anzutreffen ist, ebenso bei den Beatles und von Alice Cooper will ich gar nicht reden).

    2. Es ist möglich. Früher wären solche Darstellungen weder technisch noch gesellschaftlich möglich gewesen. Technisch nicht realisierbar, gesellschaftlich nicht akzeptabel. Daher war der Splatter – zu Beginn ein Genre-Film von seltsamen Leuten, die sich noch komischere Sachen anschauen (Braindead von Peter Jackson beispielsweise) – anfangs nicht zu finden und hat Jahrzehnte gebraucht, um nun über Filme wie Saw ganz groß herauszukommen.

    3. Die Meute braucht frisches Fleisch. Wer heute mit Elementen wie in den alten Helloween oder Aliens-Filmen aufwartet, der wird von zehnjährigen müde belächelt. Das zieht heute nicht mehr. Es muss was Neues sein, was noch nicht Gesehenes. Im Moment ist es der Splatter, der noch frisch genug ist und genügend Spielraum für Filme bietet, die nicht gleich als Remakes verschriehen sind.

    4. Es schockt. Nicht nur die Zuschauer, sondern vor allem die Gesellschaft und die älteren Generationen. Was sich hier in diesem Beitrag anscheinend auch ein wenig zeigt. In jeder Generation gab es Mittel, die dazu dienten, die ältere Generationenzu schocken und sich damit von ihr zu distanzieren. Filme gehörten immer mit dazu. Das heutige Zielpublikum dieser Filme ist die Gruppe der 16 bis 25jährigen. Eigentlich dürfen sie nicht, aber sie wollen und sie werden. Vermutlich sogar schon die 14 und 15jährigen. Leute mit 35 oder 40+ fallen da schon wieder fast völlig raus aus dem Schema.

    Übrigens gibt es diese Form von Unterhaltung schon sehr lange. Vielleicht nicht in dieser Form des Splatters, aber solltet ihr einmal die 120 Tage von Sodom oder Justine von de Sade in die Finger bekommen, auch das ist nichts für schwache Gemüter.

    Letztlich kann ich es mir nur durch einen hedonistischen Lustgewinn erklären, der durch den Ekel, Grusel und auch das Anti-Soziale hervorgerufen wird. Würde dieser nicht sein, wäre es nicht interessant und niemand würde es machen noch ansehen.

  5. Bulgariana Says:

    Mein Therapeut hat mir mal im Vertrauen erzählt, dass er viele Patienten mit Angststörungen diverser Art hat, die in jungen Jahren Horrorfilme geschaut haben.

  6. goodytales Says:

    Blogga Blogfee,
    Vielen Dank für diese differenzierte Darstellung – erstmalig würde ich sagen: „Gut, das kann ich nachvollziehen.“

    Edit:
    Bulgariana,
    DAS kann ich AUCH nachvollziehen.


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