Kraftgedanken.

Februar 20, 2010


by MiguelVieira

Ich gebe zu: das N-Wort hat mich ziemlich ins Wanken gebracht.
Warum das nun wieder? Muss das jetzt auch noch sein? Zielt das Schicksal auf uns? Gibt’s keine Atempausen?

Was, wenn die Neurodermitis sich ausbreitet? Wenn der Mini immer stärker darunter leiden wird? Wenn wir nichts finden, was es aufhält?
Wird mein Sohn später vielleicht ausgegrenzt werden? Wird er seine Unbekümmertheit, seine Fröhlichkeit verlieren? Wird er vielleicht zum traurigen Außenseiter?

Mein masochistisches Hirn ist durchaus in der Lage, derlei Ängste im Sekundentakt abzuschießen. Im Gegensatz dazu erfordert es Konzentration und bewusstes Innehalten, um diesen zerstörerischen Gedanken etwas entgegenzusetzen. Meine Mantras diesbezüglich sind:

Bleibe in der Gegenwart.
Betrachte den jetzigen Moment und entscheide: geht es Liam gerade schlecht? Weint er? Leidet er?
In den allermeisten Fällen stelle ich fest – es geht im gut. Es geht ihm sogar prächtig. Er lacht, er spielt, er freut sich. Er ist neugierig und interessiert, er gibt sein Bestes, um weitere zwei Zentimeter vom Fleck zu kommen und begeistert sich für jedes Federchen, das ihm unter die Finger kommt.
Mitunter ist er unwillig und gereizt, zornig, gelangweilt, hungrig oder müde.
Aber er leidet nicht. JETZT gerade leidet er nicht.
Also versuche ich, diesen Moment nicht dadurch zu einem unschönen Moment werden zu lassen, indem ICH leide.

Was mich zum nächsten Punkt bringt:
Liam ist Liam, und ich bin ich.
Ich bin nicht eins mit ihm, und das ist auch wichtig. Daraus leitet sich ab, dass es ihm aber so was von überhaupt nichts bringt, wenn ich sein Leiden verinnerliche, und am Ende vielleicht gar mehr leide, als er es tut. Ich vervielfache dadurch Schmerz, statt mich ihm entgegenzustellen.
Natürlich ist Mitgefühl angebracht, natürlich muss ich dem Leid meines Kindes Raum geben.
Wenn es aber gerade gar nicht leidet, und das ist ja nun zum Glück, wie oben bereits angeführt, meistens nicht der Fall, dann nutzen mein wackelnder Kopf und mein sorgenvoller Blick überhaupt nichts. Im Gegenteil. Meine innerliche Beklemmung wirkt sich im ungünstigsten Fall vermutlich schlicht negativ auf das Befinden meines Sohnes aus. Er spürt meine Unsicherheit und meine Angst und wird selbst unsicher und ängstlich.
Ich sehe es jedoch als eine meiner wichtigsten Aufgaben als Mutter an, meinem Kind Stärke zu geben, das Gefühl, sein Leben meistern zu können und auch mit widrigen Umständen fertig zu werden. Es soll nicht denken müssen, dass sein derzeitiger Kummer so allmächtig ist, dass sogar seine Mutter leiden muss. Kommt es am Ende dadurch nicht vielleicht sogar zu dem Schluss, dass sein Leid mir Leid zufügt? Muss es sich vielleicht gar deshalb noch schuldig fühlen?
Nein, das soll es nicht. Vermitteln will ich meinem Kind: das schaffen wir. Es ist nicht schön, vielleicht sogar gerade schlimm – aber wir schaffen das. Komm her, ich bin für dich da.
Lehn dich an mich.

Letztes Mantra:
Jede schwierige Situation birgt die Chance in sich, daraus Größe zu schöpfen.
Kurz gesagt:
Man wächst an seinen Aufgaben.
Ausführlicher gesagt:
Jeder bewältigte Kummer, jede Angst und jedes Leid, lässt mich mehr auf meine innere Stärke vertrauen. Man könnte sogar sagen: lässt mich überhaupt erst erfahren, dass ich über innere Stärke verfüge. Ich überwinde Schwierigkeiten, ich verarbeite Schwierigkeiten, manchmal muss ich sogar Schwierigkeiten langfristig in mein Leben integrieren, statt mich immer wieder dagegen aufzulehnen.
Und wenn mir das gelingt, bin ich ein anderer Mensch als davor, bin ich „gewachsen“.

(Wenn es nur nicht so verflixt schwierig wäre, diese Gedanken immer wieder festzuhalten.)

Advertisements

4 Antworten to “Kraftgedanken.”

  1. Peter Says:

    ich weiß ja, dass muttergene in der lage sind, selbst intelligentesten frauen die denkfähigkeit zu zerdattern, aber komm mal runter.

    neurodermitis kann nervig sein, keine frage. aber es gibt wahrlich schlimmeres (und in 10 jahren wahrscheinlich auch allerlei sprays und cremes dagegen.)

    wenn er irgendwann wirklich mal sozial ausgegrenzt werden sollte, kann du immer noch durchdrehen. bis dahin nimm dir ein beispiel an ihm: genieße das leben und relax. 🙂

  2. Doktor Vogl Says:

    Julian, der Sohn von S., hatte von Geburt an Neurodermitis. Ungefähr mit 2 oder 3 war sie wieder weg. Das muss nicht bleiben.

  3. goodytales Says:

    Peter: SAG ich doch.
    Mensch.

    Doktor Vogl,
    ja?
    Ich glaube, ich sollte S. vielleicht mal anrufen, wohl.

  4. ela Says:

    Ich finde es gut das Du Dir diese Gedanken machst-lieber einmal zuviel nachgedacht als einmal zuwenig.Und ich finde es super,das Du das reflektierst,und dann versuchst es zu relativieren.Natürlich,die Situation ist jetzt neu und dadurch ist die Besorgnsi auch erstmal besonders groß.Aber Du wirst Dich an den Gedanken gewöhnen und damit umgehen lernen.
    Ein schönes Wochenende!
    Ela


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s