Medial gelenkte Gefühlskanalisation

Dezember 8, 2010


by Photoportunity

In meinem Umfeld beschäftigt der Unfall des Stelzenspringers bei „Wetten dass…“ das ein oder andere Gemüt, und bisher hatte ich noch keine rechte Meinung dazu gefunden. Ich habe die Sendung nicht gesehen und bin erst am nächsten Tag über die aufgeregten Headlines gestolpert, Fotos inklusive.

Von allen Seiten höre ich Bedauern und Entsetzen, Otto Waalkes, der Wettpate, hat all seine Termine abgesagt, Michelle Hunziker beschreibt ihre Version des „Horror-Unfalls“ in der Bildzeitung, Thomas Gottschalk spaltet die Gemüter, und der unfreiwillige Hauptakteur des ganzen Spektakels liegt im Krankenhaus und seine Prognosen für ein Leben wie zuvor stehen denkbar schlecht.

Ich brauche gar nicht die Frage in den Raum werfen, warum das Mitleid in diesem Fall so enorm groß, die Bestürzung so allumfassend ist. Man könnte ja nun vorsichtig auf all die vielen, vielen kleinen und größeren Unfälle hinweisen, die jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde Menschen aller Altersklassen zustoßen. Kinder, die vom Fahrrad stürzen, Autounfälle, Verbrennungen, Quetschungen – ich mag da gar nicht allzu sehr ins Detail gehen.

Natürlich besteht der Unterschied darin, dass dankenswerterweise in der Regel solch tragischen Vorfälle nicht direkt vor den Augen derjenigen geschehen, die sich in vorfreudiger Erwartung eines entspannten Samstagabends vor dem Fernseher niedergelassen haben.

Und natürlich IST dieser Vorfall schrecklich und traurig und bitter und überhaupt.

Eben gerade habe ich jedoch den Blick auf gleich zwei Headlines gerichtet. Oben prangte „Bleibt Samuel gelähmt?!“ und direkt darunter stand „Explosion in Kohlebergwerk in China: 25 Arbeiter getötet“.
Das schmälert nicht das Leid eines jungen Mannes, dessen bisheriges Leben innerhalb weniger Sekunden eine ganz grundlegende Wendung zum Negativen hin erfahren musste.
Aber für mich wird diese Begebenheit dadurch relativiert.

Derweil in Deutschland die Menschen nämlich schockiert auf eine Folgeerscheinung ihrer modernen „Brot und Spiele“-Variante schauen, kämpfen überall auf der Welt andere unter kaum vorstellbaren Bedingungen um ihr tägliches Überleben.
Und verlieren so oft.

Und auch während ein junger Stuntman seine Spiralstelzen angeschnallt hat, sind anderswo Menschen zum Steinbruch gelaufen, durch Fabriktore geschlüpft, in Bergwerke hinuntergefahren, einzig mit dem Ziel vor Augen, auch an diesem Tag wieder nach Hause zu kommen, mit genug Geld oder Nahrung, um sich selbst und vielleicht noch eine Familie zu ernähren.
Im futuristischen Outfit über fahrende Autos hüpfen? Ich bezweifle ganz stark, dass irgendeiner dieser Menschen dafür Begeisterung aufbringen könnte.

In unserer Gesellschaft lebt dagegen der überwiegende Teil ein eher beschauliches und abgesichertes Leben. Aufkommende Langeweile und zuviel Zeit bekämpft man gerne mit dem aktuellen Fernsehprogramm, und diejenigen, die zur Faszination aller Skurriles bis Wahnwitziges vorführen, lassen sich ihre Aktionen in der Regel mit Ruhm, Ehre und großen Scheinen veredeln.
Ab und an passiert dabei auch mal etwas, und die Arena stöhnt geschlossen auf. Mehrere Tage lang wird das Ereignis medial bis zum Abwinken ausgeschlachtet, und viele Menschen fühlen sich persönlich berührt.

Dann geht alles seinen gewohnten Gang, andere Menschen werden zur Unterhaltung durch brennende Reifen springen, Samuel wird sein bisheriges Leben nicht wieder aufnehmen können, und das wird spätestens in zwei bis drei Wochen niemanden mehr interessieren. Und falls doch, so wird er nichts mehr darüber in Erfahrung bringen können, denn die Medien werden andere Appetithäppchen servieren.

In China sind fünfundzwanzig Menschen immer noch tot, mehr als ein paar Zeilen ist diese Nachricht nur den unmittelbaren Angehörigen wert, und viele weitere werden ganz unfreiwillig das Opfer lebensfeindlicher Umstände geworden sein.
Aber da ist man dann ja nicht mehr live dabei.

Was will ich sagen?
Der Unfall ist schrecklich.
Aber jeder Unfall ist schrecklich.
Und nur ein Bruchteil aller Unfallursachen sind so offensichtlich selbstgewählt wie diese.

Geweint habe ich dagen zuletzt, als ich lesen musste, dass ein zu früh geborenes Baby nach mehreren Wochen Kampf, Sondierung, OPs und Schmerzen in den Armen der Mutter gestorben ist.

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24 Antworten to “Medial gelenkte Gefühlskanalisation”

  1. daskleinebruellen Says:

    So. Endlich mal jemand, der eins zu eins das schreibt, was sich da so nebulös in meinem Hirn wälzt. (Das Baby: war das der Spiegelartikel über Marius und die Krankenkassen?)

  2. goodytales Says:

    Du meinst Magnus, nicht?
    Ja, das war diese Meldung.

  3. tadellos Says:

    danke danke danke. ich knabbere seit letzten samstag an dem thema rum und weiss nicht wie ich die dinge in worte fassen soll. du hast das ganz richtig gemacht und daher bleibt mir nur ein: danke, das sind so wahre worte.

  4. haktyl Says:

    Du schreibst mir aus der Seele! So leid es mir für Samuel und seine Familie tut, frage ich mich doch manchmal, warum ein geistig und körperlich gesunder Mensch sich freiwillig für diesen flüchtigen Ruhm solchen Gefahren aussetzen muß, wohingegen gleichzeitg andere Menschen unverschuldet Gesundheit oder Leben durch Unfall etc einbüßen müssen. Meiner Meinung nach mangelt es unserer sogenannten „zivilisierten“ Gesellschaft oft am Respekt vor dem eigenen und dem Leben anderer.

  5. Kathi Says:

    Danke – sehr. Ich hoffe, es ist ok, dass ich auf diesen Artikel verlinkt habe. Aber ich hätte es nie so schreiben können…

  6. Katja Says:

    Danke.
    Der Artikel drückt sehr genau auch meine Empfindungen aus.

  7. Frau Zimmer Says:

    Danke, Sie sprechen genau das aus, was ich auch schon die ganze Zeit dachte!

  8. anke Says:

    DANKE! das ich hier meine konfusen gedanken zu diesem thema einmal klar strukturiert lesen konnte.

    ich mag dieses blog!

    lg
    anke

  9. goodytales Says:

    Ich hatte ja nun doch mit dem ein oder anderen erbosten Kommentar gerechnet – nun bin ich aber glücklich überrascht.

    Kathi,
    Du hast/hattest mich verlinkt, und das ist/war auch völlig in Ordnung. 🙂

  10. Panajota Says:

    Ich finde seine Geschichte so cool, ich glaube, ich verfasse einen Beitrag für die Darwin Awards, Subkategorie: At-risk-Survivors!

  11. Panajota Says:

    The Darwin Awards salute the improvement of
    the human genome by honoring those who
    accidentally remove themselves from it…

    http://www.darwinawards.com/darwin/


  12. Ja, tut mir leid, Magnus. (Warum habe ich Marius im Kopf…?)

  13. sabrina Says:

    Seh ich genauso – in berlin sind zwei 2Jährige Kinder in den eiskalten teich gefallen, eins schwebt noch in Lebensgefahr.
    Der arme Samuel hatte einfach Pech und ich hoffe auch, das er wieder gesund wird… aber wie du schon schreibst es passieren ständig schlimme/schlimmere Unfälle auf der Welt.
    Es wundert mich aber auch nicht wirklich, das dass in den Medien so ausgeschlachtet wird

  14. Eva Says:

    DANKEDANKEDANKE!

  15. dearlenore Says:

    da frag ich mich oft ob Menschen anders noch irgendein Mitleid oder trauer erfahren können, wenn es nicht gerade eine nationale Trauer ist. Über die „Brot und Spiele“-Thematik schrieb ich eben erst eine Deutscharbeit geschrieben. Die heutige Medienwelt ist teilweise etwas echt abstoßendes.
    Doch bevor ich zuviel abschweife: Das ist wirklich ein guter Blogeintrag und ich könnte das geschriebene so unterzeichnen

  16. shakes Says:

    Über den Unfall wird doch auch gerade deshalb berichtet, weil auf diese Weise das Erlebnis verarbeitet wird. Viele Leute haben das vor dem Fernseher miterlebt, also ist es jetzt Thema. Das hat überhaupt nichts mit einer Abwägung der Schmerzen der Opfer zu tun, es geht nur um die emotionale Beteiligung der Zuschauerinnen und Zuschauer.

  17. goodytales Says:

    Shakes, verstehe ich Dich richtig, und Du gehst davon aus, dass der Unfall deshalb zum Dauerthema in den Medien wurde bzw. mit absteigender Tendenz immer noch ist, um den mittelbar Beteiligten die Gelegenheit zu geben, das Gesehene zu verarbeiten?
    Hm.
    Ich denke das nicht.
    Ich denke, hier wird einfach eine sich gerade anbietende Sau durch das Dorf getrieben, und die jeweiligen Redakteure interessiert in erster Linie der Sensationsgehalt dieser Nachricht. Ob das Ganze dann vielleicht eventuell positive Nebeneffekte hat, spielt dabei kaum eine Rolle.
    Ich glaube auch gar nicht, dass der Einzelne durch „Arme und Beine gelähmt!“- oder „Wird er jemals wieder ein normales Leben führen können!?“-Meldungen die Chance erhält, das Gesehene zu verarbeiten. Es ist doch eher so, dass die Emotionen dadurch wieder und wieder hochgeputscht und angestachelt werden – und das soll ja auch so sein, damit dann auch noch die nächste Schlagzeile dazu geliefert werden kann.

    Und zu einer anderen Anmerkung, die im Blog vom Kleinen Brüllen von einer anonymen Person gemacht wurde, mag ich an dieser Stelle auch noch Stellung nehmen, da es sich direkt auf diesen Text bezieht:

    Darin wird so essenzmäßig kundgetan, dass es nicht in Ordnung sei, wenn man damit beginne, ein Leid gegen ein anderes aufwiegen zu wollen.

    Seh ich auch so.
    Weshalb ich es durchaus ernst gemeint habe, wenn ich schrieb, „Und natürlich IST dieser Vorfall schrecklich und traurig und bitter und überhaupt“.

    Da hört hoffentlich keiner Sarkasmus heraus.

    Ich schreibe es meiner mangelnden schriftlichen Ausdrucksfähigkeit zu, wenn offenbar nicht immer rüberkam, dass es mir nicht darum ging, verschiedene Leiden miteinander zu vergleichen.

    Es ist diese Mischung aus sensationsgeilen Schlagzeilen und eine immer weiter ins abstruse abdriftende Form von (Fernseh)Unterhaltung, es ist das für mich zunächst schwer nachvollbare Entsetzen über den Unfall und das dagegen eher teilnahmslose Drüberlesen über eine (willkürlich herausgegriffene) China-Meldung.

    Ich kann nachvollziehen, dass man schockiert ist, wenn man unvorhergesehen Zeuge eines folgenschweren Unfalls wird. Aber stört diese Medienaufbereitung danach nicht eher massiv den Drang nach Verarbeitung, indem immer wieder mit Bildern und emotionsgeladenen Headlines erneut mein psychisches Schutzschild heruntergerissen wird?

    Und fragt man sich tatsächlich trotz einer gewissen Schockstarre so gar nicht, warum es überhaupt so weit kommen musste? Und dass tatsächlich jeder, der sich riskante Aktionen dieser Art zur Unterhaltung zu Gemüte führt, dazu beiträgt, dass solche Unfälle überhaupt passieren können?

    Ich nehme mich da übrigens gar nicht aus – ICH hab‘ früher regelmäßig Jackass geguckt. Fragt mich mal.
    Wenn aber dabei jemand beim Bad in der Kläranlage von den von der braunen Brühe verdeckten Häcksel in unappetitliche Stückchen zerrissen worden wäre, dann hätte ich mich irgendwann einmal selbst fragen müssen, warum ich zu der großen Masse derjenigen gehört habe, die so etwas durch Drücken auf den Einschaltknopf mit herausgefordert haben.
    Oder zumindest hätte mir im Nachhinein klar sein müssen, dass ich nicht erwarten darf, dass jede gefährliche mediale Mutprobe auch immer gut ausgeht, nur weil ich zusehe.

    Mich beschäftigt das.
    Glücklicherweise nicht immer in derart ausführlicher Form – dann würde ich wohl nicht mehr das Haus verlassen. Aber angestoßen durch eine verunglückte „Wetten dass“-Wette in unbeeindruckter Eintracht über einer „25 Menschen tot“-Schlagzeile – da kann es dann schon einmal zu Niederschriften wie diesem Blogeintrag kommen, wohl.

  18. creezy Says:

    Du hast Recht mit Deinem Text. Und man kann den Unfall selbstverständlich in Zusammenhang mit anderen Katastrophen bringen. Man kann sogar fragen, hat der Mann nicht um das große Risiko eines Unfalls mit möglichen Konsequenzen gewusst, inwieweit trägt er selbst Verantwortung?!

    Aber so einfach ist es nicht. Ein Teil der Zuschauer fühlt sich besonders schlecht, weil dieser Unfall natürlich auch von GEZ-Gebühren – somit von ihnen – mitfinanziert wurde. Dem anderen Teil der Zuschauer wird einfach nachhängen, dass sie im Moment des Unfalls zugesehen haben. Das steckt man nicht so einfach weg.

    Beispiel aus eigener Erfahrung, ich habe am 11.9.2001 – weil in Urlaubsvorbereitung mittags vor dem Fernseher bügeln – die erste Tagesschaumeldung zum brennenden Tower mitbekommen. Ich hatte damals sofort auf CNN umgeschaltet und habe noch während der US-Sprecher vom Brand im Tower berichtete (die CNN-Redaktion wußte in diesem Moment noch gar nicht, dass das ein Flugzeug gewesen war!) und rätselte noch über die Explosion, im Bild im Hintergrund live gesehen, wie das zweite Flugzeug in den zweiten Tower flog!

    Das packt man nicht mal eben weg, Das hängt einem sehr lange (Jahre!) nach. Also in meinem Fall hat es alleine zehn Tage gedauert, bis mein Unterbewusstsein mir überhaupt das Eingeständnis ermöglichte, dass ich Zeugin war in diesem einen Moment, wo diese Menschen alle umgekommen sind. Und das ist losgelöst von dem Erleben des ganzen schrecklichen Tages eben noch mal ein sehr eigenes Erleben einer Katastrophe gewesen, weil eben vor meinen Augen passiert.

    Das in etwa passiert jetzt mit den Menschen, die den Unfall live in der Halle oder im TV miterlebt haben – und sich natürlich, das ist psychologisch auch erklärbar – nun eine Mitschuld geben am Schicksal des jungen Mannes. Das lässt sich auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit viel Neutralität regeln, das ist Emotion. Die Leute stehen eben erst einmal unter Schock. Und das sollte man ihnen auch zugestehen.

    Das jetzt gegen anderen aktuelle Katastrophen aufzurechnen oder abwägen zu wollen, ist sicher ein netter Versuch aber ein sinnloser. Da könnte man auch hingehen und festhalten, dass seit dem Unfall auf Deutschlands Straßen das Zehnfache an Menschen schon wieder tödlich verunfallt sind. Das sind aber nicht die Katastrophen, an denen ein Großteil der Menschen dieses Landes an diesem Samstagabend Zeugen waren. Und vor allem, was bringen Dir solche Vergleiche? Machen sie die Katastrophen ungeschehen? Nein.

    Das ist im individuellen Erleben so differenziert zu betrachten, da bringt es überhaupt nichts, Vergleich anzustellen. Insofern von den einzelnen beteiligten Personen Reaktionen abzuverlangen, geschenkt. Ein anderes Thema ist natürlich die Presse und was sie daraus macht. Also wie sie Auflage generiert mit dem Schicksal dieses einen jungen Mannes (ohne Beispielsweise ein Spendenkonto für ihn einzurichten.) Aber so sind sie eben!

    Mich macht wahnsinning sauer, dass über die Diagnosen dieses jungen Mannes geschrieben wird, bevor er selbst davon überhaupt Kenntnis nehmen durfte.

  19. Maxxie Says:

    Ein super Artikel – genau auf den Punkt gebracht! Ich habe schon die ganze Zeit gehofft, irgendwo endlich mal diese Art Statement zu entdecken statt der ganzen Betroffenheitsergüsse in Wort und Bild. Es ist für den Betroffenen tragisch, völlig ohne Zweifel. Aber spätestens beim Zusammentreffen der beiden erwähnten Headlines sollte man schon mal über die Relationen nachdenken …

    Und @shakes: „… es geht nur um die emotionale Beteiligung der Zuschauerinnen und Zuschauer“
    Glaubst du das wirklich?? Die sogenannte „emotionale Beteiligung“ wird doch durch die Medien (um jeden Preis / Quoten!) ad absurdum geführt mit dem Ergebnis z. B. dieser grotesken Trauer-“Kultur“, bei der bei jedem x-beliebigen Todesfall völlig Unbeteiligte laut in die Kamera heulen und Teddys und Kerzen zuhauf abgelegt werden.
    Sorry, aber das hat für mich nichts mit echter Betroffenheit und Trauer zu tun …

    Zustimmung auch da, @goodytales: Diese Art von medialer Berichterstattung verhindert eher die Verarbeitung des Entsetzens über so ein Ereignis, weil das „psychische Schutzschild“ immer wieder demontiert wird durch Horror-Bilder und Sensations-Headlines.

    Maxxie

  20. goodytales Says:

    creezy,
    ich glaube, – wenn ich Dich richtig verstehe – ich habe versucht im Statement über Dir Stellung zu nehmen, zum Vorwurf des „Katastrophen-gegeneinander-Aufrechnens“.

    So ungefähr ab „Ich schreibe es meiner mangelnden schriftlichen Ausdrucksfähigkeit zu, wenn offenbar nicht immer rüberkam, dass es mir nicht darum ging, verschiedene Leiden miteinander zu vergleichen.“

    Ich will das gar nicht.
    Es geht mir eher um andere Aspekte, die Du teilweise auch selbst in Deinem Kommentar angesprochen hast.

    Was den Anschlagt auf das WTC betrifft: ich habe das damals auch ohne Zeitverzögerung mitbekommen. Ausführliche Reaktionen von mir erspare ich euch an dieser Stelle.
    Ich finde es aber enorm schwierig, beide Vorfälle im Hinblick auf ihre Schockwirkung zu vergleichen.
    Auf der einen Seite der tragische Unfall eines jungen Mannes bei einer riskanten und bewusst eingegangenen Wette in einer öffentlichen Unterhaltungsshow.
    Auf der anderen Seite der plötzliche Tod Tausender, unvorbereitet, willkürlich, zufällig; Tausende, die verbrennen, erschlagen werden, sich aus dem Fenster stürzen, fallen, schreien, sterben. Die Wirkung, die diese Bilder auf das eigene psychische Unversehrtheitsgefühl hat, dieses „Es kann jederzeit, immer und überall passieren, es kann Dich treffen, Deine Kinder“. Die Feindseligkeit und der Hass, die hinter diesem Anschlag steckten (Ich gehe an dieser Stelle jetzt mal nicht auf nachträglich aufgestellte Theorien ein, die davon ausgehen, dass alles von der amerikanischen Regierung inszeniert wurde oder was auch immer).

    Dass durch dieses Erlebnis die mittelbar und unmittelbar Beteiligten je nach Labilität und Betroffenheitsgrad der Hilfe von Fachleuten bedürfen, ist für mich selbsterklärend.

    Aber im Wetten dass-Fall bleibe ich der Ansicht, dass (Eigenzitat) „ich mich irgendwann einmal selbst fragen muss, warum ich zu der großen Masse derjenigen gehört habe, die so etwas durch Drücken auf den Einschaltknopf mit herausgefordert haben.
    Oder zumindest hätte mir im Nachhinein klar sein müssen, dass ich nicht erwarten darf, dass jede gefährliche mediale Mutprobe auch immer gut ausgeht, nur weil ich zusehe.“

    Ich will dem Einzelnen damit wirklich nicht Trauer und Bestürztheit absprechen, es ist nicht mein Ziel (und ich glaube das auch nicht), dass dieses Entsetzen nur inszeniert wird und man sich im voyeuristischen „Es war so schrecklich, und ich war dabei“-Gefühl suhlt. (Zumindest unterstelle ich das nicht den meisten).
    Aber trotzdem finde ich, darf man auch dem schockierten „Wetten dass“-Zuschauer die weiter oben angeführten Fragen stellen.

    Inwieweit man für sich eine Antwort darauf finden möchte, bleibt dann ja jedem selbst überlassen.

  21. Christina Says:

    Danke für den guten Beitrag. Und auch die vielen Kommentare sind sehr lesenswert.

    „medial gelenkte Gefühlskanalisation“ ist eine treffende headline.

    Dein Blogbeitrag und andere sind oft lesenswerter als diverse Berichte so genannter Qualitätsmedien zu diesem Thema.

    Aber das liegt in der Natur der Sache, wenn Medien über Medien berichten…

    Ich verlinke mal in meinem Blog…

  22. Julia Says:

    Danke für genau diesen Text!

  23. mischlicht Says:

    grundsätzlich lese ich in diesem post vieles von meiner eigenen haltung wieder. auch ich kritisiere, wenn man in unserem land nur noch augen und ohren für das hat, was innerhalb des eigenen tellerrandes liegt.
    andererseits möchte ist es mir unendlich wichtig damit nicht falsch verstanden zu werden.
    ich möchte nicht erreichen, dass die empathiefähigkeit die ja darin auch endlich erkennbar wird aufhört, ich wünschte mir eher sie würde erweitert.
    darum mag ich mich dem teil, in dem das mitgefühl und daraus resultierenden handeln infrage gestellt wird nicht anschließen sondern nur jenem, in dem kritisch nach mehr beachtung und mitgefühl für die schicksale der andern (außerhalb des tellerrandes)gefordert wird.

  24. Marlen Says:

    Sehr genau auf den Punkt gebracht… so leid einem das mit dem Unfall tun kann, so wenig verstehe ich diesen ganzen medialen Wirbel darum. Und dass es zum Teil zur Verarbeitung der anwesenen Zuschauer (Zeugen) wichtig sein soll, dass dermaßen öffentlich breit zu treten – na, ich weiß nicht. Zumal doch einige dieser Zuschauer am nächsten Tag nichts besseres zu tun hatten, als sich in Interviews (Radio beispielsweise) ausgiebig darüber auszulassen… Da frage ich mich: Wie betroffen sind solche Leute, dass das not tut?!?

    DANKE jedenfalls für den Blogeintrag!!!


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