Perspektivenwechsel V

Januar 14, 2011


by Andrei!

„Pipi“, sagt Mama.
Ich sitze auf meinem Topf und beobachte interessiert, wie Mama erst auf mich zeigt und dann zum dritten Mal gegen das Töpfchen klopft.
„Pipi“, wiederholt Mama, „da rein.“
Ich nicke. „Pipi“, bekräftige ich.
„Genau“, sagt Mama. „Pipi ins Töpfchen“.
Ich nicke noch einmal energisch und greife dann nach meinem Buch.
„Schau“, sagt Mama, „da ist die kleine Prinzessin. Die macht Pipi ins Töpfchen. Hast Du auch schon Pipi ins Töpfchen gemacht?“
Gute Frage. Ich stehe auf und wir schauen zusammen ins Töpfchen.
„Nein“, sagt Mama und ich setze ich mich wieder hin.

„Tiger!“, fällt mir Minuten später ein, und ich bestehe darauf, dass Mama den Toilettensitz neben mich legt und meinen Kuscheltiger draufsetzt.
„Pipi“, weise ich Tiger an.
„Ja, aber nicht nur der Tiger“, sagt Mama, „du auch.“

Minuten vergehen. Ich blättere in meinem Buch.
„Musst du denn überhaupt?“, fragt Mama und sieht mich zweifelnd an.
„Pipi“, sage ich.

„Ich glaube, du musst gar kein Pipi“, sagt Mama nach einer Weile.
„Pipi“, erwidere ich.

„Vielleicht kommt später was“, versucht Mama es nach einigen Minuten erneut.
„Pipi“, beharre ich.
Mama nimmt meine Hände und versucht mich vom Topf zu ziehen.
„Sitzn!“, brülle ich.
„Du musst doch gar nicht!“, ruft Mama.
„Sitzn!“
Mama lässt mich wieder zurücksinken und seufzt.
„Sitzn!“, grummele ich, „Pipi!“
Und, nach einer Weile: „Buch.“
„Du hast doch ein Buch“, sagt Mama.
„Anern!“
„Nein“, sagt Mama, „ein anderes Buch gibt’s jetzt nicht.“
„Pipi?“, frage ich.
„Pipi“, sagt Mama, „ins Töpfchen. Hast du Pipi gemacht?“
Keine Ahnung. Ich stehe auf und wir schauen zusammen ins Töpfchen.
„Nichts drin“, sagt Mama enttäuscht.
Ich setze mich wieder hin.
„Pipi“, sage ich aufmunternd und tätschele Mamas Arm.
„Ja, Pipi“, sagt Mama und seufzt schon wieder.

Kurze Zeit später erhebt sie sich: „Ich geh’ Dir mal einen frischen Pullover holen.“
Sie verschwindet durch die Tür.
Ich schaue noch einmal ins Töpfchen. Nichts. Wo ich schon einmal stehe, kann ich auch gleich meine Badeente holen.

Als Mama ins Bad zurückkehrt stehe ich vor der Dusche und tritschele mit den Zehen in der kleinen Pfütze zu meinen Füßen.
„Mhm“, sage ich und strahle Mama an: „Warm“.

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3 Antworten to “Perspektivenwechsel V”

  1. Frau Nilsson Says:

    Köstlich! Ich finde, es sollte ein Perspektivwechselbuch geben! Einfach zu herrlich!

  2. Bine Says:

    Das würde umgehend von mir gekauf werden, sehr gute Idee, Frau Nilsson.

  3. Eva Says:

    So herzig! Ganz allerliebst geschrieben, wirklich.


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