Under the Sea

Januar 16, 2011


by TheGirlsNY

Die Tage habe ich endlich einmal den vielgepriesenen Naturfilm „Unsere Erde“ gesehen, und um es gleich vorneweg zu nehmen: ja, er bietet tatsächlich beeindruckende Bilder. Entzückend, wie die moppeligen Pinguine pfeilschnell aus dem Wasser auf das Eis hüpfen, und kiefersperrend all die Minifische, die sich zu gigantischen Silberwolken vereinen.

Nichtsdestotrotz biete ich den Film gerade auf einer bekannten Onlinetauschplattform an und beglückwünsche mich immer noch dazu, ihn nicht, wie ursprünglich geplant, mit der Lieblingstochter zusammen angesehen zu haben.
Ich meine, wir hatten gerade erst letzte Woche einen tränenreichen Abend, weil nämlich die kleine Prinzessin auf ihre Schnecke trat und letztere das leider nicht überlebte. Da konnte man am Ende des Zeichentrickfilmchens noch so viele andere kleine putzige Babyschnecken herumkriechen sehen, Nathalie war trotzdem am Boden zerstört und trauerte noch in tiefer Nacht in ihr Kopfkissen hinein.

Was sie zu den Schwertwalen gesagt hätte, die in Großaufnahme in Robbenbabys hineinbeißen, mag ich mir gar nicht ausmalen.
Ja, ja, das Leben in der Natur ist hart, Fressen und Gefressen werden, das Recht des Stärkeren, und was weiß ich.
Schon klar. Ich wäre die erste, die mit mütterlicher Fürsorge und viel Verständnis der Tochter diesen Kreislauf nahe gebracht hätte.

Wie soll das aber noch funktionieren, wenn die Filmemacher das Ganze mit dem emotionalen Holzhammer darbieten? Was kann ich denn da noch Trostreiches spenden, wenn man im Vorfeld erst einmal minutenlang zum Niederknien possierliche Robbenbabys im Spiel mit ihren Müttern zeigt, inklusive dreihundert Nahaufnahmen von Kindchenschemaköpfchen und Knopfaugen, um dann übergangslos drohende Musik zusammen mit den Orcas anrollen zu lassen?

„Das erste Mal wagen sich die Robbenbys in das weite Meer hinaus“ kommentiert der Sprecher sachlichen Tones und schon ist eine der hoppelnden Kleinstrobben zwischen den Zahnleisten des Schwertwals zu sehen. Und noch einmal und noch einmal und noch einmal.
Keine Ahnung wie viele Robbenbabys dabei über die Orcaklinge springen oder ob man ein und dasselbe Spektakel einfach nur immer wieder in unterschiedlichen Nahaufnahmen zeigt.
Abgerundet wird das Ganze von einer kecken Walschwanzflosse, die ein im Vergleich sehr kleines Robbenkind meterhoch in den Himmel schleudert, wo es sich in Zeitlupe dreht und wendet und kreiselnd wieder ins Meer stürzt.
Die Macher trauern vermutlich noch immer über die Tatsache, dass der Schwertwal unten nicht mit aufgerissenem Riesenmaul posierte.

Und das ist noch überhaupt nichts im Vergleich zum „drei Monate alten Grauwalbaby, das eng an seine Mutter gekuschelt in den Weiten des Meeres unterwegs ist“, oder wie auch immer der Sprecher diese kleine Episode eingeführt hat. Anschließend wird über eine lange Viertelstunde hinweg gezeigt, wie die Unsympathen des Meeres – die Orcas – das Junge jagen, immer wieder von der Mutter abdrängen und letztlich zu fassen kriegen. Da reicht es dann auch noch nicht, wenn ständig vom „völlig erschöpften Grauwalbaby“ und „stundenlanger Jagd“ die Rede ist, sondern minutenlang rot sprudelndes Wasser in Großaufnahme muss abschließend schon auch noch sein.
„Die Grauwalmutter muss ohne ihr Baby weiterziehen“, schwadroniert der Sprecher, und „Zurück bleibt nur der Kadaver. Die Schwertwale haben das Grauwalbaby nur angefressen.“
Ein letzter Blick auf die alleine dahinschwimmende Walmutter und ein in die Tiefe sinkendes Walbaby.

Da muss ICH ja gleich heulen. Das zeig‘ ich doch keiner Sechsjährigen.

Es wundert nur, dass der Tod eines Fisches, der im nächtlichen Meer von mehreren Haien zerrissen wird, nicht mit „Das Klagen der zurückgelassenen zweihundert Fischbabys ist bis an die Meeresoberfläche zu hören“ kommentiert wird, inklusive Nahaufnahmen von Fischbabyköpfchen mit rotgeweinten Augen.

Doofer Film.

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2 Antworten to “Under the Sea”

  1. mausimom Says:

    Den Film habe ich nicht gesehen und bin nach Ihrer Schilderung auch froh darüber!
    Sie schreiben mir aus der Seele!
    NAtur hin, Natur her…. in Horror sollte es nicht ausarten!

  2. haktyl Says:

    Ich habe auch mal eine Doku über Nilpferde gesehen, in der die Mutter sich von der Herde entfernt hatte, um ihr Junges zu gebären. Als Mutter und Kind dann zur Gruppe zurück sind, haben sich die Männchen der Herde auf das Junge gestürzt und es auf übelste Art und Weise in Stücke gerissen. Der Kommentator vermutete, das der Vater des Jungtieres nicht zur Herde gehört hatte und die Mutter bereits trächtig zur Gruppe gestoßen war. Aber dieses niedliche kleine stupsnäsige Nilpferdbaby als zerfetzte Leiche im Wasser treiben zu sehen, hat mich für die Zukunft davor geheilt, mir solches und ähnliches in egal wie toll der Film auch sein mag noch einmal anzuschauen.
    Obwohl es natürlich schon so ist, daß ich keinerlei Trauer empfinde, wenn ein Pinguin sich einen oder mehrere häßliche kleine namen- und gesichtslose Fische in mühevollen Kleinarbeit erbeutet und zu Gemüte führt, während es mir schon auf die Tränendrüse drückt, wenn besagter Pinguin in ebenso mühevoller Kleinarbeit von einem Orca erbeutet und gefressen wird.
    Für die Lieblingstochter jedenfalls empfehle ich „Die lustige Welt der Tiere“, vor allem die Szene, als die Tiere die vergoreren Früchte futtern und super lustig in der Gegend rumtorkeln!
    Und nur am Rande: Pinguine sind NICHT moppelig, sondern nur für die kalte Witterung gut gerüstet! 🙂
    LG an alle


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