Geht’s noch?

Februar 17, 2011


by mlcastle

Eigentlich find‘ ich ja Leute, die in der Öffentlichkeit herumbrüllen, beinahe immer sehr peinlich.
Es mag noch so gute Gründe dafür geben, irgendwie wirkt es immer etwas… hysterisch? Unentspannt? Gramfaltig? Ach, ich weiß auch nicht. Doof halt.

Mein Held in dieser Hinsicht in Jean-Luc Picard, dem würde das nie passieren, nie. Da ist schon äußerste Erregung angezeigt, wenn er die Augenbrauen hebt.

Ich dagegen bin heute einem kompletten Vollidioten fast auf die Motorhaube gesprungen, und man kann nicht behaupten, dass ich das dezent vor mich hinmurmelnd getan hätte.

Gerade hatte ich den Sohn im Kinderwagen, die Tochter an der Hand und mich selbst auf die Straße manövriert, da schaltete die Ampel auf Rot. Was tut man in einem solchen Fall? Man geht zügigen Schrittes zur anderen Seite. Das tut man.
Und was tat der durchgeknallte Rechtsabieger, der mir von vorne entgegenkam?
Er drückte mit verbissenem Gesichtsausdruck auf’s Gaspedal, bremste kurz vor der zu Tode erschrockenen Tochter ab und gestikulierte selbstgerecht in Richtung der roten Ampel. Das tat er.

Meine Tochter war sehr beeindruckt ob meines Ausbruchs. Nicht, dass ich nicht auch schon zu Hause mal den Schachtelteufel herausgekehrt hätte, aber dass ich so in aller Öffentlichkeit derart entgleise, das beschäftigte sie eindeutig mehr als der Gedanke, einem wahnwitzigen Autofahrer gerade noch von der Schippe gesprungen zu sein.

„Boah, den hast du aber angeschrien, Mama. Das war aber laut. Boah. Das war aber auch WIRKLICH ein Idiot (autsch), Mama. Darfst du den so anschreien, Mama? Ja? Weil es so ein totaler Idiot (autsch) war, ja?“

Schön, dass ich dem Kind auch mal eine neue Seite an mir zeigen konnte. Und ebenfalls großartig, dass ich damit wohl der Begrifflichkeit „totaler Vollidiot“ eine ganz neue Legitimierung verschafft habe. Ich verdränge das mal eben.

Was mich allerdings immer noch beschäftigt, ist der uneinsichtige Gesichtsausdruck des dumpfbackigen Versagers hinter’m Steuer. Wie muss man denn ticken, um mit quietschenden Reifen bis auf zehn Zentimeter an ein kleines Mädchen mit Schulranzen heranzufahren? Ach nein, ich will das gar nicht wissen.

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4 Antworten to “Geht’s noch?”

  1. ela Says:

    Da kann er froh sein das Du ihn nicht aus dem Auto gezogen hast-ich kriege diesen Impuls beim Lesen!

  2. tyndra Says:

    ja, man geht zügigen schrittes zur anderen seite. und hierzulande ist es auch so, dass ein fussgänger in der sekunde vorrang vor dem autofahrer hat, wo er den fuss auf den zebrastreifen stellt. da bist du als autofahrer IMMER erstmal der beschuldigte, FALLS etwas passiert. abgesehen davon, dass man gar nicht wissen will, was alles passieren könnte.

    abgesehen davon: sehr super, der wutausbruch! die weltherrschaft der dummen gründet sich nämlich darauf, dass die klügeren immer die klappe halten. was ich für sehr verkehrt halte. ob der depp nun einsichtig war oder nicht: die reaktion hat er sich wahrlich verdient 🙂

  3. Doktor Vogl Says:

    Sie kennen die StVo nicht richtig, stimmt´s? Ein Fußgänger, der auf der Fahrbahn von „rot“ überrascht wird, hat die Pflicht sich unverzüglich in Luft aufzulösen. Im Ernst: So ein Rechtsabbieger hat mich mal fast auf´m Radel umgenietet und ich hatte grün. Kurbelt d e r das Fenster runter und schreit mir „Idiot „hinterher. Soziophob plus farbenblind ist eine giftige Mischung. Gäbe es bei der Führerscheinprüfung einen Empathie- und Gelassenheitstest, würden nur noch 50% der Menschen überhaupt einen bekommen. Wäre mal interessant zu wissen, was ein Gericht sagt, wenn der Fastüberrollte dem automobilen Assassinen mit einem Pflasterstein die Heckscheibe zertrümmert, im Affekt natürlich. Was meinen Sie?

  4. Bine Says:

    @ Doktor Vogl: *lacht schallend* Ich als Richter würde einen Freispruch geben.

    Haste richtig gemach, Kira. Ab und an sind die Grünphasen der Amplen auch noch nur eine Zehntelsekunde lang, da hat man kaum einen Fuß auf der Straße und kann ihn eigentlich auch gleich wieder wegreißen.
    Am besten sind auch Autofahrer (Linksabbieger), die einen erbost anhupen (man fällt fast vom Fahrrad vor Schreck), weil man die Dreistigkeit besitzt, in der eigenen Grünphase über die Ampel zu fahren. Im normalen Autoverkehr mag ich nicht mitfahren (nichtmal, wenn ich kein Kind hinter mir auf dem Kindersitz habe), hab ich einfach zuviel Schiss aufm Drahtesel.


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