Nach uns die Sintflut.

März 26, 2011


by Vicchi

„Im Meer nahe Fukushima wurde eine um das 1250fache erhöhte Radioaktivität gemessen, sagte Sprecher Nishiyama. Grund sei vermutlich sowohl in die Luft abgegebene Radioaktivität als auch der Austritt von kontaminiertem Wasser. Würde ein Mensch einen halben Liter Wasser mit einer solchen Jodkonzentration trinken, dann hätte er auf einen Schlag die Menge an radioaktivem Jod zu sich genommen, die er in einem Jahr aufnehmen könne. Eine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit bestehe aber nicht, sagte der Sprecher.“
(Zitat: Spiegel Online)

Müssen die eigentlich diese erbärmliche Floskel hinter jedes offizielle Statement knallen?

„Eine geringe Menge radioaktiver Substanzen sei in Tokio gemessen worden, berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo. Das Atomkraftwerk Fukushima liegt etwa 250 nordöstlich der japanischen Hauptstadt. Die Radioaktivität sei aber so schwach, dass sie die menschliche Gesundheit nicht beeinträchtige, erklärte die Stadtverwaltung.“

„Die Atomsicherheitsbehörde fürchtet inzwischen ein Leck in der Reaktorhülle, durch das Radioaktivität austrete. Drei Stunden nach der Explosion seien Werte von 11.900 Mikrosievert gemessen worden, sagte ein Sprecher. Er betonte jedoch, dies bedeute kein unmittelbares Gesundheitsrisiko“

„Nach dem erneuten Vorfall sei südlich des Kraftwerks erhöhte Radioaktivität gemessen worden. Der Grenzwert in der Präfektur Ibaraki zwischen Fukushima und der Hauptstadt Tokio sei überschritten worden, es bestehe aber keine unmittelbare Gefahr für die menschliche Gesundheit.“

„Eine Messung des Leitungswassers in Tokio ergab eine Jod-Belastung von 1,5 Becquerel. Die Verstrahlung mit Cäsium erreichte Werte von 0,22 bis 1,6 Becquerel pro Kilogramm bei einem zulässigen Grenzwert von 200 Becquerel. Das Gesundheitsministerium erklärte, im Moment gehe von dem Leitungswasser keine Gefahr für die menschliche Gesundheit aus.“

„Man sei noch dabei, das Ausmaß der nuklearen Strahlung zu „bewerten“, aber er denke nicht, dass sich daraus „sofort“ Folgen für die menschliche Gesundheit ergäben, sagte Shimizu.“

„Wenn nicht sofort, wann dann?“ hakt der Spiegel hier endlich mal nach, und bringt damit zumindest ansatzweise auf den Punkt, was mir jedes Mal durch den Kopf schießt, wenn ich diese Standardsätze lese.
Was bedeutet denn „keine unmittelbare“ Gefahr? Nicht in den nächsten drei Sekunden, aber darüber hinaus übernehmen wir keine Garantie?
„Im Moment“ ist alles noch harmlos, übermorgen jedoch sieht das ganz anders aus?

Bei allem Verständnis für ein vorsichtiges Herangehen – keiner möchte gerne wissen was passieren würde, wenn unter 35 Millionen Menschen tatsächlich Panik ausbricht – empfinde ich dieses Verschleiern und Herunterspielen inzwischen als tatsächlich gesundheitsgefährdende und darüber hinaus menschenverachtende Maßnahme. In meinen schwärzesten Minuten denke ich, dass man im Zweifelsfall eher damit liebäugelt, die Einwohner Tokios über die Klinge springen zu lassen, statt sich mit dem Unding einer Evakuierung auseinandersetzen zu müssen.

Bekannte, die vor kurzen aus Japan zurückgekehrt sind, berichten, dass es in Tokio quasi nichts zu berichten gäbe: die Medien halten sich bedeckt, und die Menschen decken sich mit Trinkwasser ein, gehen aber ansonsten zur Arbeit und sitzen das Ganze mit einer etwas fatalistischen Einstellung aus.

Meldungen wie diese hier setzen dann dem Desaster noch die Krone auf:
Drei Arbeiter standen beim Austausch eines Kabels in radioaktiv verseuchtem Wasser und waren dadurch einer extrem hohen Strahlenbelastung ausgesetzt. Nach Angaben des AKW-Betreibers Tepco wies das Wasser mit 3,9 Millionen Becquerel pro Kubikzentimeter eine 10.000-fach erhöhte Radioaktivität auf. (…) Tepco gab den verstrahlten Arbeitern eine Mitschuld an ihren Verletzungen. Die Männer hätten Strahlenzähler bei sich getragen, den ausgelösten Alarm aber ignoriert, teilte Tepco am Freitag mit.“

Wie gnadenlos und überheblich ist das denn? Kaum vorstellbar, dass die Arbeiter bei Ertönen des Warnsignals nach einem Blick auf die Uhr anmerkten, die halbe Stunde bis zur Mittagspause jetzt mal eben noch durchzuziehen. Warum lässt sich eigentlich niemand der Tepco-Elite das verstrahlte Wasser in die Schuhe laufen? Warum sitzen Menschen, die letztlich diese Katastrophe zu verantworten haben, in bequemen Ledersesseln und tun nichts, außer an einem bedrückten Gesichtsausdruck herumfeilen?

Wie gelingt es, morgens im Spiegel die Rasierklinge nicht an der Halsschlagader anzusetzen, wenn man die Verantwortung für einen nuklearen GAU dieser Größenordnung trägt?

Es ist ja nicht so, als käme diese Katastrophe gänzlich unerwartet. Hier Auszüge aus dem Artikel „Atomares Roulette von 2007:
„Nachdem ein unerwartet starkes Erdbeben am 16. Juli in Niigata auch das größte Atomkraftwerk der Welt in Kashiwazaki Karima in Mitleidenschaft zog, warnt der Experte (der japanische Seismologe Katsuhiko Ishibashi, Professor an der Universität Kobe) nun vor einem durch Erdbeben ausgelösten atomaren Super-Gau. (…) Die Annahmen und die Berechnungen zur Bodenbewegung bei Erdbeben in den neuen Richtlinien sind äußerst ungenügend. Das liegt daran, dass diese Richtlinien nicht nur für den Bau neuer, sondern auch die Überprüfung alter Atomkraftwerke dienen. Wenn man die Richtlinien deutlich verschärft, müssten vielleicht viele von ihnen geschlossen oder verstärkt werden. (…) ich befürchte, die Lage in Japan wird sich erst ändern, wenn wir wirklich von einem größten anzunehmenden Unfall in einem Atomkraftwerk getroffen werden.“

Politik und Wirtschaft leben in der glücksphilosophisch empfohlenen Jetztzeit: man belastet sich nicht mit den Katastrophen der Vergangenheit und verschwendet keine Gedanken an die Warnungen bezüglich der Zukunft. Hauptsache die notdürftig gekitteten Risse und Löcher können so lange vertuscht werden, bis der derzeitige Tonangebende seinen bequemen Vorstandssessel verlassen muss.

Und nichts anderes sind die aktuellen „Zur Zeit ist doch alles noch ganz wunderbar“-Statements. Man hangelt sich von Tag zu Tag, freut sich, wenn die Welt zwischenzeitlich verstärkt nach Libyen blickt und die Headline „Drastisch erhöhte Strahlung im Meer vor Fukushima“ von irgendetwas in Richtung „Regierungsoberhaupt fliegt auf Steuerkosten dreimal um den Globus“ abgelöst wird.

Zeit schinden, vertuschen, abwiegeln und „Die Arbeiter tragen eine Mitschuld“ in die Welt posaunen – man möchte sie alle an ihren Krawattenknoten packen und direkt vor’m Reaktor absetzen.
Also ich zumindest.

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4 Antworten to “Nach uns die Sintflut.”

  1. mausimom Says:

    Ich bin dabei! Ich pack mir auch einen.
    Es ist einfach unfassbar………

  2. dasmiest Says:

    Ja, ganz genau. Alles.

  3. Peter Says:

    Man sollte einen Artikel ins Atomgesetz einfügen, nach dem bei künftigen Störfällen das komplette Topmanagement der Betreiberfirma inklusive ihrer Propagandanutten in Medien und Politik für die Aufräumarbeiten eingesetzt werden. Dann wäre mir um künftige Gespräche bezüglich Verlängerung oder Ausstieg nicht bange.

    Leider reicht es nicht, zuhause vor dem TV die Kanzlerin auszupfeifen, oder sich in Weblogs aufzuregen. Kapitalistische Unternehmen und ihr Personal im Bundestag werden möglichen Profit so lange über Menschenleben stellen, wie wir sie nicht daran hindern.

    Do it. 🙂

  4. black4bull Says:

    … bin dabei …
    aber ich nehme die feiglinge nicht den krawattenknoten, sondern 50 cm weiter unten ;-)))

    wir sind es unseren nachfahren schuldig. aussteigen sofort … auch wenn es teuer für den einzelnen wird.

    ATOMSTROM, NEIN DANKE !


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