VIPs im Supermarkt.

Mai 11, 2011


by karsten.planz

Da steht er.
Steht da in seinem günstigen Anzug und guckt missbilligend, weil das Fußvolk nicht den Anstand besitzt, sich während seiner Mittagspause oder kurz nach Büroschluss in Luft aufzulösen. Stattdessen atmet es unbekümmert weiter und scheint dabei nicht zu bemerken, dass Herr Wichtig wertvolle Minuten Lebenszeit verliert, während er hinter der doofen Mutter mit noch dooferen Kleinkind an der Käsetheke stehen und ihr bei ihrer Bestellung zusehen muss.

Um in dieser Zeit nicht den Anschluss zur Welt zu verlieren, und um die „Ich bin unersetzlich“-Fassade etwas aufzupolieren, wird irgendein Elektronikteil begutachtet (Mobiltelefon, BlackBerry), oder aber er seufzt vernehmlich und leidend und macht durch wiederholten Blick auf die Uhr deutlich, dass er kurz davor ist, die Wartezeit in Rechnung zu stellen.

Ordert er dann Wurst, Käse oder Brot, so tut er dies im jovial-herablassenden Tonfall und lässt seinen Blick dabei fahrig über die jeweilige Fachkraft gleiten. Dauert das Käseschneiden länger oder wechselt die Verkäuferin ein paar Worte mit ihrer Kollegin, kommt es schon mal zu Anfällen unkontrollierbaren Augenrollens. Das Lächeln gleitet dann etwas ins Verbissene ab, denn Herr Wichtig hat es nicht nur sehr, sehr, sehr eilig, sondern fühlt sich auch nicht ernst genommen.

Wurde ein Einkaufswagen organisiert, so schiebt er ihn zügigen Schrittes durch die Regalreihen. Jedes Abbremsen ob irgendwelcher anderer Einkaufsteilnehmer verursacht ein Stirnrunzeln, und wird er gar zu einem Umweg gezwungen (weil beispielsweise Mütter mit Kleinkindern den engen Gang bei den Äpfeln versperren), dann kann man ihn mitunter angenervt stöhnen und/oder knurren hören.

Im Kassenbereich betrachtet er es als persönlichen Affront, dass es keine VIP-Zone inklusive rotem Teppich für ihn gibt.
Nirgendwo wird zu seinem Kummer deutlicher, dass auch Herr Wichtig keine Sonderrolle innehat, sondern sich wie Hinz und Kunz und Mutter und Kind in eine Warteschlange einreihen muss. Wäre er wirklich so extrem wichtig, wie er sich fühlt, dann müsste er ja gar nicht selbst einkaufen gehen, so aber lungert er unruhig hinter einem herum und bewirft die Umstehenden mit Blicken irgendwo zwischen vorwurfsvoll und resigniert.

Wird dann eine neue Kasse aufgemacht, so kann man schon einmal erleben, dass er sich mit zwei Kiwi bewaffnet nach vorne drängelt und selbige unter vollem Körpereinsatz ganz nach vorne auf’s Laufband wirft. Man könnte ihm das vielleicht sogar nachsehen, wenn er sich nicht anschließend wieder nach hinten durchwühlen würde, um seinen Einkaufswagen zu holen, den er dann mit unbewegten Gesichtsausdruck anderen Leuten in die Hacken fährt, um zu seinem Frischobst aufzuschließen.

Anschließend hält er alles auf, weil er 13,78 Euro mit seiner Kreditkarte zahlt und dann, nachdem er eine kleine Ewigkeit lang versucht hat, seine Einkäufe in zwei hauchzarten Gratis-Obsttütchen zu verstauen, doch noch eine Tragetasche kauft.

Vorhang für Mister Important.
(Bleiben wir mitfühlend – sein Leben scheint beschwerlich.)

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3 Antworten to “VIPs im Supermarkt.”

  1. Eva Says:

    Ich zahle auch 7 Euro mit EC-Karte ;-).
    Aber da selbst mit 4 Kindern unterwegs, gehöre ich wohl zu denen, die schwer angeatmet oder augenrollend bedacht werden.

  2. js Says:

    vielleicht sollten wir nächstes mal zusammen einkaufen… 😉

  3. moni Says:

    ha, kira, sehr treffend!
    wobei ich mich beim lesen doch immer wieder ertappte, wie ich mich mit mr wichtig identifizierte, nur aus anderem blickwinkel: berufstätige mutter hechtet übermüdet in den supermarkt, quengelnde kinder wahlweise im auto oder am einkaufswagen hängend. an der käsetheke eine total unausgelastete single-tussi, die wohl gerade für ein nettes brunch in aller ruhe eine exquisite auswahl treffen möchte, während ich nur diesen verdammten gouda für den auflauf bräuchte. an der kasse dann eine verwirrte rentnerin, die ihre 13,78 euro in 10-cent-stückchen zahlt – doch, doch, je nach gruppenzugehörigkeit sind’s doch immer die anderen, die einfach nur nerven *ggg*.


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