Ächz.

August 3, 2011


by raphWeng

Wir stehen im Zug und winken.
Auf dem Bahnsteig stehen Oma und Opa und winken ebenfalls.
Die Tochter ist in Tränen aufgelöst, der Sohn ungnädig, weil aus dem Schlaf gerissen, und der Zug überfüllt.

Als er sich endlich in Bewegung setzt, nehme ich die unglückliche Nathalie an die Hand und mache mich mit Liam im Arm auf den Weg zu Wagen 270, in dem ich in weiser Voraussicht Plätze für uns reserviert habe. Dort angekommen verjage ich einen jungen Mann, der einen unserer drei Sitze in Beschlag genommen hat, setze die Kinder zwischen die verbleibenden drei Herren und marschiere durch die engen Gänge zurück, um einen aus allen Nähten platzenden Trolley, einen riesigen Rucksack und den zusammengeklappten Quinny zu holen. Ob dessen Sperrigkeit geht das nur in zwei Anläufen, und ich bin schweißüberströmt, als ich endlich alles über uns verstaut habe und mich auf meinen Platz sinken lasse.

Nathalie ist immer noch voller Abschiedsschmerz, weshalb sie sich erst einmal auf mich setzen muss, und Liam ist glücklicherweise gerade zu beeindruckt, um immer noch griesgrämig zu sein.

Etwa zehn Minuten später fällt mir auf, dass meine Hitzewallungen nicht nur von der Schlepperei und meiner kuscheligen Tochter herrühren können. Es ist einfach verdammt heiß in diesem winzigen Abteil, und ich frage mich gerade, ob hier die Klimaanlage nicht funktioniert, als eine Lautsprecherdurchsage mich genau darüber informiert. Leider sei selbige ausschließlich in Wagen 270 ausgefallen. Getränke würden vorbeigebracht, in den Wagen 266 und 267 sei aber noch etwas Platz vorhanden.

Ich springe auf und weise die Kinder an, auf ihren Plätzen zu verharren.
Möglichst still, die Mitreisenden sind ob Gepäckwuchterei und drohendem Kindergequengel ohnehin nicht so richtig glücklich über unser Vorhandensein.

Bevor ich die Wagen 266 und 267 erreiche, läuft mir eine Zugebegleiterin über den Weg, und ich frage sie hoffnungsvoll, ob es wohl auch noch drei beieinanderliegende Sitze gäbe? Bevor ich auf meine armen Kinder hinweisen kann (und dezent verschweige, dass vor allem ich mich fühle, als hätte man im Abteil bei 35° Grad noch ein gemütliches Lagerfeuer entfacht), erklärt mir die Dame netterweise halblaut, dass ich mich auch in die 1. Klasse setzen dürfe, dort sei alles leer. Sie verhindert dann noch freundlich, dass ich vor ihr auf die Knie sinke, und ich eile zurück, schnappe mir Sohn und Tochter und setze sie in der 1. Klasse angekommen in das erste freie Abteil, das ich finden kann.
Dann wieder zurück, Trolley und Rucksack holen, und dann noch einmal einen Extragang des Quinnys wegen.

Die Herren im Abteil schwanken zwischen Glückseligkeit, weil wir ihr Abteil verlassen, und Missgunst, weil wir ihr sehr, sehr heißes Abteil verlassen, und ich verfrachte unser Gepäck einmal mehr auf den oberen Ablagen.

DANN fällt mir auf, dass wir im Dienstabteil sitzen.

Kinder wieder auf den Arm bzw. an die Hand nehmen und weiter laufen. Alle anderen Abteile sind bereits von streng aussehenden Krawattenträgern in Beschlag genommen, und ich steuere den Großraumwagen an. Die erste Viererkombi gehört uns, Nathalie und Liam werden dort geparkt und angewiesen, sich unauffällig zu verhalten. Mittlerweile kennen sie das schon. Ich stürze zurück um unser Gepäck aus dem Dienstabteil zu zerren, bevor es irgendjemanden unangenehm auffallen kann. Erst Trolley und Rucksack, dann Quinny. Alles wieder nach oben hieven und noch ein Blick den Gang hinabwerfen – oha. Da ist ja noch ein 1. Klasse-Wagen. Den hatte ich glatt übersehen, und ich komme nicht umhin, ihn schnell in Augenschein zu nehmen.

Was ich sehe sind lauter leere Abteile ganz für uns allein, und was jetzt kommt, muss nicht wiederholt werden. Zurückeilen, Kinder rüberschleppen, Trolley, Rucksack, blablabla.

Dann schließe ich die Tür, arrangiere zwei gegenüberliegende Sitze zu einer Liege, verteile Wasser, Saft und Rosinenbrötchen, helfe beim Sandalenausziehen, entledige mich ebenfalls meiner Schuhe, krame die Bücher hervor und setze mich hin.
Die Klimaanlage muss ganz schön arbeiten, um mich auf Normaltemperatur zu bringen, aber nach etwa einer halbe Stunde sind alle glücklich und zufrieden.

Etwa anderthalb Stunden später erreichen wir Stuttgart.
Und dort stehen wir rum. Und rum. Und rum. Nach einer Viertelstunde werden wir über eine Störung im Triebwerk informiert – es sei ungewiss, wann dieser Zug weiter fahren könne. Die Zeit vergeht, und ich beglückwünsche mich gerade zum fünfzehnten Mal zu meinem Glück, mit den Kindern in einem großen, bequemen und vor allem klimatisierten Luxusabteil zu warten, als eine erneute Lautsprecherdurchsage folgendes mitteilt: „Fahrgäste Richtung München werden gebeten, in den gegenüberliegenden Zug umzusteigen.“

Eine Zehntelsekunde lang starre ich schockgefrostet auf Schuhe, Bücher, Sonnenhüte, Kekspackungen und die herümlümmelnden Kinder, dann starte ich durch. „Nathalie, Schuhe anziehen!“, rufe ich. „Zieh‘ sie Liam auch gleich an!“
Ich stopfe alles Herumliegende in Taschen und Säcke, werfe mich auf den Boden, um in die Ecken gerollte Matchboxautos hervorzukramen, verschließe Trinkflaschen und quetsche Bücher zusammen, als mir plötzlich klar wird, dass ich es nicht schaffen werde, Kinder und Gepäck rechtzeitig aus unserem Zug heraus und in Etappen in den anderen Zug hinein zu bekommen.

Sämtliche Laptop- und Anzuträger sind schon vor Minuten strammen Schrittes in den gegenüberliegenden Zug gewechselt, der mittlerweile aus allen Nähten platzt. Selbst wenn es mir noch gelingen sollte, alles rechtzeitig hinüberzuladen, werden wir dort kaum noch Plätze für uns drei erwarten dürfen. Ich beuge mich resigniert der Tatsache, dass wir einen späteren Zug nehmen müssen und marschiere einmal mehr los, um die Zugbegleiterin aufzustöbern. Mit letzten Anweisungen – „Alle UNO-Karten in deinen kleinen Rucksack, Nathalie. Und Schuhe anziehen!“ – renne ich los und erwische die Dame glücklicherweise bereits zwei Wagen weiter.

Wieviel Zeit zum Aussteigen wir noch haben, will ich wissen. Und ob sie wisse, wann und wo der nächste Zug nach München fahre?

„Oh“, antwortet sie, „bleiben sie einfach sitzen.“
Ich erfahre, dass unser Zug durchaus noch in München ankommen werde, nur eben etwa zwanzig Minuten später, weil man mit einer guten halben Stunde Verspätung losfahren werde, während der gegenüberliegende Zug einigermaßen pünktlich einträfe.

Auf dem Weg zurück schwanke diesmal ich zwischen Erleichterung und Gnätzigkeit. Hätte man ja nun auch irgendwie noch mit in die Durchsage packen können, finde ich.
Bei Nathalie und Liam angekommen überwiegt das Glück, unser Abteil nicht aufgegeben zu haben und inzwischen mitsamt Kindern, Gepäck und Kinderwagen irgendwo vor einer Klotür zu campieren.

Schuhe wieder aus, Bücher wieder verteilen, und zehn Minuten später fahren wir auch schon wieder.

Kurz vor München packe ich mittlerweile routiniert und in aller Ruhe alles zusammen.
Ich habe gerade sämtlichen nackten Kinderfüßen einmal mehr die Sandalen übergestreift, als der Zug eine Vollbremsung hinlegt. Nichts geht mehr, und wir warten. Kurze Zeit später werden wir darüber informiert, dass eine Stellwerkstörung die Weiterfahrt um unbestimmte Zeit verzögere, und eine weitere Viertelstunde später gestatte ich Nathalie und Liam, Sonnenhüte und Sandalen wieder auszuziehen.

Irgendwann erklärt die Lautsprecheransage, dass der Zug über München Nord zum Hauptbahnhof umgeleitet werde, wo wir dann tatsächlich mit beachtlicher Verspätung eintreffen.

Der Zug fährt ein, und ich habe umsichtig all unser Gepäck vor der Tür aufgestapelt. Mit Liam auf dem Arm weise ich Nathalie an, ihren Bruder auf dem Bahnsteig an die Hand zu nehmen, ich würde dann schnell das Gepäck ausladen. Nathalie behagt diese Vorstellung ganz und gar nicht, und ich versichere ihr, dass ich auf gar keinen Fall versehentlich mit dem Zug weiter fahren werde.

Der Zug hält, und ich drücke den Türöffner.
Nichts passiert.
Ich drücke noch einmal und dann mit einer gewissen Hysterie weitere fünf-, sechsmal, bevor mir einfällt, dass im Nebenwagen ja auch noch eine Tür existiert.

Da alle Münchenreisenden außer uns den Zug in Stuttgart bereits verlassen haben, bin nur ich es, die etwas aufgelöst mit Kleinkind und Tochter die Zwischentüren öffnet, um im anderen Wagen entgeistert auf das Schild zu starren, das mir mitteilt, dass diese Tür defekt ist.

Ich verfalle innerlich in Panik und beginne äußerlich etwas zu hüpfen. Was nun, was nun?
Ich bekomme keine zwei Kinder, den Quinny, den Trolley und den Riesenrucksack gleichzeitig durch den engen Gang zur nächsten Tür, und ich habe keine Ahnung, wie lange dieser Zug jetzt ob seiner Verspätung überhaupt halten wird. Schließlich entscheide ich mich dafür, erst einmal mich und die Kinder auf dem Bahnsteig abzuladen. Mit anfeuernden Rufen hetze ich zur nächsten Tür, die sich zu meiner großen Freude öffnen lässt und stelle die Kinder ab.

Hektische Blicke nach rechts und links machen klar, dass kein Zugbegleiter sich in Sichtweite befindet, und ich bin Sekunden lang völlig ratlos. Soll ich noch einmal in den Zug hineinrennen, durch den Gang hetzen und zumindest einen Teil des Gepäckes herausholen? Werde ich das schaffen? Oder muss ich dann am Ende mein Versprechen brechen und sehe Nathalie und Liam durch das Fenster in der Ferne entschwinden, während in mich samt Gepäck auf den Weg nach Klagenfurt mache?

Ich sprinte über den Bahnsteig zu der Tür, hinter der sich unser Gepäck befindet, doch auch von außen lässt sie sich leider nicht öffnen.
Schließlich treffe ich die Entscheidung, es zumindest zu versuchen. Ich setze meine Kinder auf eine Bank und springe mit dem Gedanken an die Notbremse in den Wagen. Ich renne durch den 1. Klasse-Wagen, schnappe mir am gegenüberliegenden Ende den Trolley und den Rucksack, zerre beides ungeduldig durch die sich viel zu schnell schließenden Zwischentüren und werfe das Zeug auf den Bahnsteig.

Ich sehe mich um.
Immer noch niemand, von dem ich nähere Informationen erhalten könnte.
Also noch einmal rein – mittlerweile weiß ich wenigstens, wo genau die Notbremse ist – um den Quinny zu holen, und als ich mit diesem zum restlichen Gepäck und zu Nathalie und Liam stoße, sehe ich in einiger Entfernung einen Zugbegleiter auf dem Bahnsteig stehen.

Der erklärt mir dann, dass der Zug noch mindestens eine weitere halbe Stunde am Bahnhof stehen werde und hat auf meine Klagen hin zumindest den Anstand, etwas zerknirscht auszusehen.

So.
Wir sind dann wieder da.

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9 Antworten to “Ächz.”

  1. Panajota Says:

    Es it mir schwindelig…

  2. Sole Says:

    OMG – was für eine irre Fahrt.. Aber danke für Deine herrliche Art, uns mitzunehmen – ich habe sehr gelacht! Hast DU mal daran gedacht, ein Buch zu schreiben?? :-))
    VlG, Sole

  3. ela Says:

    Fahr Busse und Bahnen,Busse und Bahnen?… Was für ein Horror,ich habe beim Lesen mitgefiebert!

  4. elbkind Says:

    So. Und an welchem Punkt hast Du angefnagen, zu heulen? ICH hätte es sicherlich mit Mühe bis zur defekten Zugtür geschafft. Aber keinen Milimeter darüber hinaus.

  5. Kaktus Says:

    oh. mein. Gott.
    Reschbeggd Frau!

    Habe heute in den Nachrichten gehört, dass es ab nächstem Jahr Fernbusse geben wird! Könnte eine Erleichterung für Euch darstellen! *Daumendrück*

    Liebe Grüße
    Kaktus

  6. shakes Says:

    Ach du grüne Güte!

    Ich weiß schon, warum ich Fernzüge in der Regel meide wie die Pest…

  7. englerin Says:

    Solche Zugfahrten kommen mir mehr als bekannt vor *tröst*
    Für’s nächste Mal empfehle ich Dir das Beste für solche Situationen:
    GEPÄCKVERSAND 🙂

  8. Susuko Says:

    Ich bin immer wieder begeistert von deinem Schreibstil!
    Die besten Geschichten schreibt doch das Leben, oder?
    LG, Susuko.

  9. goodytales Says:

    Vielen Dank für’s hinterhergetragene Mitgefühl.

    Wenn mir schon keiner die Koffer nachträgt… (o:


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