Doch nicht so einfach.

Februar 27, 2012


by Colin_K

Die Eingewöhnung im Kindergarten gestaltet sich doch um einiges zäher als gedacht. Als ich neulich einer Freundin erzählte, dass man mich angerufen habe, weil Liam wutschnaubend unter’m Tisch lag und sich durch nichts und niemanden beruhigen ließ (man hatte es gewagt, ihm gegen seinen Willen die Nase zu putzen) (ja, es war nötig), fragte sie mich entgeistert: „Wie!? Das macht er im Kindergarten auch?“

Ja, das macht er im Kindergarten auch.
Im Gegensatz zum wohlerzogenen Kind besagter Freundin, das sich seine Wutanfälle in der Öffentlichkeit netterweise verkneift, ist Liam damit ziemlich entspannt: er präsentiert seine Zorneskapaden völlig ungehemmt, und es fällt mir ein klitzekleines bisschen schwer der Betreuerin zu vertrauen, die mir versichert, dass das doch sehr gut sei: immerhin würde er das Ganze immer sofort herauslassen und nichts in sich hineinfressen.

Großartig, doch.
Ich meine, ich würde es ja auch in Ordnung finden, wenn er den Schachtelteufel heraushängen ließe, weil ihm jemand auf’s Lieblingsauto getreten ist. Meinetwegen sogar versehentlich. Aber weil man ihm den Schnodder von der Nase gewischt hat, der bereits fast bis zum Kinn reichte?

Liam ist strikt dagegen, sich von irgendwem im Kindergarten bei irgendetwas helfen zu lassen.
Wenn man ihm also glücklicherweise nicht die Nase putzen muss, dann hakt es spätestens dann aus, wenn die Truppe hinausgehen möchte. Er ist nämlich noch nicht in der Lage, sich den Schneeanzug selbst anzuziehen. Und auch die Schuhe nicht. Mütze und Schal würde er wohl gerade noch so hinbekommen, aber das reicht derzeit ja leider nicht.

Muss ich mein Kind jetzt also bis zum Sommer spätestens um Viertel vor elf abholen, weil das in der Regel der Zeitpunkt ist, an dem die Betreuerinnen es aufgegeben haben, den nonstop zeternden Sohn von den Freuden des Spielplatzes vorzuschwärmen?

Kurz bevor wir hier alle eine Woche lang malade zu Hause herumhingen, war es plötzlich nicht einmal mehr möglich, die Einrichtung zu verlassen. Sicherheitshalber ließ er mich quasi keine Sekunde mehr aus den Augen, und als er sich versehentlich doch in ein Spiel hineinfand und ich ihm mitteilte, dass ich jetzt gehen würde, unterbrach er sich sofort, um verzweifelt weinend auf meinen Schoss zu kriechen.

Man mag sich vorstellen, wie das heute ablief. Ich kann nicht einmal sagen, dass wir wieder bei Null beginnen würden, denn bei Null lief es doch ein bisschen besser ab, als bei Tag Sechzehn.

Selbst wenn ich hartgesottenen genug wäre um mir die Kinderfinger vom Hals zu hebeln (einzeln) und zu gehen – Liam schreit in höchster Not auch mal eine Stunde am Stück. Ist also nicht wirklich irgendwem zumutbar.

Vermutlich werde ich noch in vier Monaten dämlich auf der Bank im Garderobenbereich sitzen. Bereits jetzt kommen die Kinder ganz selbstverständlich zu mir, um mir Selbstgemaltes zu zeigen und Geschichten aus dem Leben zu berichten.

Im Kindergarten hieß es heute, dass ich nicht vergessen dürfe, dass Liam bereits eine traumatisierende Trennungserfahrung gemacht habe.
Ach Mensch. Und jetzt weiß ich gerade irgendwie auch nicht.

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5 Antworten to “Doch nicht so einfach.”

  1. Hannah Rosenblatt Says:

    Liebe Kira.
    dein Sohn war ein klitzekleines winziges Menschenhäuflein! DU hast ihn nicht nicht in diese Situation gebracht- das was schlicht und einfach Biologie!
    Sowas passiert und ist schlimm und schwer. Aber DU kannst nichts dafür!

    Es ärgert mich wirklich sehr, dass dir sowas von jemandem eingeredet wird, der eigentlich den Auftrag hat auf dein Kind zu achten.

    Der Kindergarten ist noch neu – auch und gerade für den Zwerg. Aufgrund welcher Lebenserfahrungen soll er denn bitte so schnell abschätzen wie wann was mit ihm passiert?
    Vielleicht machst dus in den nächsten Wochen so, dss du stinknormal als wärs nichts besonderes mal eben 10min statt 20sek auf dem Klo verschwindest?
    Erinnerst du dich wie lang dir jeder Tag als Kind vorkam?
    Für uns Erwachsene sind 5min nur 5min- für Kinder kann es eine Ewigkeit sein. Gerade wenn etwas potenziell Schlimmes (weil seltsam und beängstigend) passiert.

    Um Himmels Willen denk nicht, nur weil du ihn hast retten lassen müssen (!!!), fällt es ihm jetzt „schwer“ sich dort einzufinden.

    Viele liebe Grüße
    (von einer die bereits mit 8 Wochen in der Kinderkrippe war und eine viel beschissenere Mutterbindung hat 😉 )

  2. goodytales Says:

    Hannah, dank Dir für Deinen Kommentar.
    Die Betreuerin hat das sehr nett gemeint, so in Richtung, dass ich nicht so schnell so viel erwarten soll, weil er eben seine Geschichte mitbringt. Die ihm vielleicht das ein oder andere dann doch etwas erschwert. So jetzt zum Beispiel die stundenweise Loslösung von mir.

    Vielleicht ist das so, ich weiß es ja auch nicht. Ich schwanke gerade zwischen „Müsste ich da jetzt nicht langsam mal klarer werden?“ und „Mute ich ihm zu viel zu?“

    (Im Moment eiere ich auf dem unbefriedigenden „Mal gucken, wie’s weitergeht“-Mittelweg herum. Vermutlich bleib‘ ich da auch noch eine Weile.)

  3. Katja Says:

    Hallo Kira,

    schön übrigens, dass du wieder mehr schreibst. Ich bin irgendwie völlig raus aus meinem eigenen Blog. Aber bei dir lese ich immer noch gerne. 🙂

    Sage bitte laut vor dich hin: „Es ist nur eine Phase, es geht vorbei.“ Du weißt das doch noch. So lange ist das doch bei Natalie auch noch nicht her…

    Ich habe damals bei der Eingewöhnung in der Kita geduldig 4 Wochen jeden Tag 0,5 bis 4 Stunden vor der Tür gestanden, während andere Mütter schon längst gearbeitet haben und ich mitleidsvolle Kommentare z.B. von Miss Perfect schlucken durfte. („Ach, das ist ja schlimm, wenn ein Kind so klammert und sich nicht lösen kann. Ist er denn immer so unsicher?! Da kann man sicher was machen…“)

    Irgendwann ist der Knoten geplatzt. Einfach so. Die Erzieherin war plötzlich „Maaaargillllt“ (Margit) und die „Kinna“ auch mal zum spielen annehmbar. Ben geht jetzt gerne hin. Anscheinend hat er ganz oft „probiert“, ob seine Mami auch wirklich zurück kommt, wenn der Alarm losgeht. Das andere ach-so-pflegeleichte-super-sicher-gebundene Kind hat das Klammern und Jammern dann nämlich verteilt über fast ein Jahr nach geholt und dekompensiert auch mit 4 Jahren gerne mal, wenn der Tagesablauf sich minimal ändert. Jetzt bin ich es, die ganz entspannt im Büro sitzt, während die Andere ewig angerufen wird. (Ja, hier klingt echte Schadenfreude mit!)

    Ich weiß, dass ihr das schafft. Tschakka! Dauert so lange, wie es eben dauert. Immerhin weiß der Kleine, was er mag und was nicht. Ist ja immerhin schon was. 😉

    Viele Grüße, Katja

  4. lieselotte Says:

    „Bereits jetzt kommen die Kinder ganz selbstverständlich zu mir, um mir Selbstgemaltes zu zeigen und Geschichten aus dem Leben zu berichten.“

    Kenne ich 🙂 War bei uns haargenau so, nur dass mich die Erzieherinnen bereits nach 2 Tagen Eingewöhnung am liebsten loswerden wollten….

    Das wird schon. Ganz sicher. (((((()))))

  5. Doktor Vogl Says:

    Katja hat recht. Unser Kleiner hat sich irgendwann in eine Erzieherin verliebt, ab da war Ruhe. Vorher Trennungselend. “Bereits jetzt kommen die Kinder ganz selbstverständlich zu mir, um mir Selbstgemaltes zu zeigen und Geschichten aus dem Leben zu berichten.” -> Haben Sie mal drüber nachgedacht, sich die Übergangszeit als einen 400 Euro Job entlohnen zu lassen? Immerhin sind Sie ja eine wichtige Bezugsperson für die Schnuckis geworden.


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