Man muss ja nicht alles können.

Oktober 10, 2012


by greens_climate

Am Wochenende hatte ich ein Seminar in GfK – gewaltfreie Kommunikation.
Nettes Konzept, eines von denen, die man fast schon automatisch gut finden muss. Kinder, Respekt, Gleichwertigkeit, großartig.
Doof nur, dass, je länger ich in der allgemein eher begeisterten Runde saß, mein schnell entflammter Enthusiasmus sich unaufhaltsam wieder auf die hinteren Ränge zurückzog.

Zunächst einmal bin ich kein „Wir halten uns alle an den Händen“-Mensch. So wenig Probleme es mir bereitet, mit einer Kindertruppe ein Kreisspiel zu tanzen, so dämlich fühle ich mich, wenn ich die riesige Hand des Vaters links und das schweissfeuchte Händchen der Mutter rechts von mir umfasst halten muss. Vermutlich bin ich verklemmt, verkrampft, unlocker, aber nachdem nun die allermeisten meiner Münchner Freunde mittlerweile akzeptiert haben, dass ich auf „Küsschen links, Küsschen rechts“ sehr gerne verzichte, stellt es für mich eine größere Herausforderung dar, mit beinahe Unbekannten mit verschränkten Händen dazustehen.

Außerdem zieht sich mir innerlich alles zusammen, wenn Sätze mit einem fröhlich-beschwingten „Könnt ihr euch vorstellen dies und das zu tun?!“ eingeleitet werden. Oder ein: „Ich möchte euch einladen, in dieser Runde dabei zu sein!“ – „Habt ihr Lust!? Ja!? Ja!?“ – „Yeeehaw!“

Na gut, letzteres wurde eher selten durch den Raum gebrüllt, also, eigentlich gar nicht. Nichtsdestotrotz komme ich mit einer etwas weniger überdrehten Gruppenkommunikation um einiges besser zurecht.

Ähnlich hürdenreich für mich: pantomimisches Darstellen von was auch immer. Kann ich nicht. Will ich nicht. Nicht vor zwanzig Menschen in den Vierzigern. Lasst mich den Clown machen für die Geburtstagstruppe meines Dreijährigen, lasst mich auf einem Bein hüpfen für den Staffellauf beim Sportfest der Achtjährigen, aber nein, nein, nein: ich KANN keinen Wutanfall eines Kleinkindes imitieren, wenn mich drumrum nur interessierte Erwachsenengesichter begutachten.

Meine Bewunderung ist all denen gewiss, die mit den Füßen aufstampfen, sich am Boden wälzen und dabei hohe Kiekstöne von sich geben, ohne sich auch nur ein kleines bisschen seltsam zu fühlen. Ich bin dafür nicht gemacht. Isso.

Nachdem nun also der Rahmen des Ganzen mich schon ziemlich an meine persönlichen Grenzen trieb, war es um so enttäuschender für mich, dass ich mir inhaltlich so ungefähr gar nichts herausziehen konnte. Das Konzept klingt wunderbar, keine Frage, und all denen, die ohnehin schon mit einer sanftmütigen Geduld durch’s Leben ziehen, vor der ich mich nur ehrfürchtig verneigen kann, wird es leicht fallen, mit Hingabe und viel, viel Zeit seinem Kind ein, zwei Viertelstündchen zu widmen, in denen man gemeinsam dem EIGENTLICHEN Bedürfnis hinter den Sätzen „Räum Dein Zimmer auf!“ oder „Rutsch jetzt!“ auf den Grund geht.

Was will ich denn WIRKLICH, wenn mein Kind seinen Hintern nun endlich mal zum Tisch bewegen soll, weil das Essen kalt wird?
Will ich Unterstützung? Will ich Aufmerksamkeit? Will ich ganzheitlich in meiner Rolle als Mutter und Umsorgerin dieses Haushalts wahrgenommen werden?

Es gilt einfach nicht, wenn ich sage, dass mein Bedürfnis eigentlich nur darin besteht, das Essen nicht kalt werden zu lassen.
Und dann fang‘ ich an, mich zu verbiegen und tief empfundene Bedürfnisse auf den Tisch zu zaubern, um Gruppenleiter und Gruppe zu beruhigen, die so allmählich an meiner Bedürfnislosigkeit in Alltagsdingen zu verzweifeln beginnen.

Als es an mir war, ein Beispiel eines immer wiederkehrenden Streits einer immer wiederkehrenden Diskussion in unserer Familie zu liefern, wählte ich das Thema „Zähneputzen“.
Einfach, dachte ich. Mein Bedürfnis hinter der Aufforderung „Putz Deine Zähne!“ ist schlicht und ergreifend, dass ich meinem Kind Löcher und damit Schmerzen und langfristiges Unbill ersparen möchte. Klar, dass wir erst einmal den Umweg über „Du möchtest gehört werden“ nehmen mussten, bevor wir auf meine stark verbesserungswürdige Art und Weise zu sprechen kamen, in der ich Liam, wir sprechen hier von Liam, letztlich zum Zähneputzen bringe.

Meist rufe ich ihm ein paarmal ergebnislos zu, dass er jetzt ins Bad kommen soll. Dann kommen Bitten/Drohungen in Richtung „Wir kommen zu spät“ und „Ich zähl bis Drei!“. Danach jage ich ihn quer durch die Wohnung, schleife das spuckende und geifernde Kind anschließend ins Bad und putze, was ich so putzen kann, während er mich erbost anbrüllt.

Alles falsch, ganz klar. Seh‘ ich ein.
Wie also besser machen? Bei MEINEN Bedürfnissen bleiben, lerne ich. Von mir sprechen. Dem Kind mein Bedürfnis kindgerecht bewusst machen. Hab‘ ich als Kind Löcher in den Zähnen gehabt? Ja? Wunderbar! Von meinen Zahnlöchern erzählen. Dadurch das Interesse und die Zustimmung zum Zähneputzen beim Dreijährigen erwecken. Hand in Hand zum Zähneputzen schweben. Ach, wie schön.

Am nächsten Morgen wollte ich mir nicht nachsagen lassen, ich hätte nicht alles versucht und hielt also bei Punkt „Durch die Wohnung jagen“ inne, um meinem Sohn folgendes kundzutun:
„Liam, weißt Du, warum ich möchte, dass Du Deine Zähne putzt?“
„Ja.“
Warum?“
„Damit keine Löcher reinkommen.“
„Genau. Und weißt Du, als ich so alt war wie Du, da hab‘ ich nicht so gut geputzt. Und dann hatte ich Löcher in den Zähnen, und dann musste ich zum Zahnarzt, und das hat ganz schön lange gedauert, bis die Zähne wieder repariert waren.“
„Mhm.“
„Und völlig ganz werden die Zähne nie wieder, das Loch kann man nur zu machen, aber nicht weg machen. Und da war ich als Kind ganz traurig.“
„Mhm.“
„Das ist doof, oder?“
„Ja.“
„Ja. Kommst Du jetzt mir mir zum Zähneputzen.“
„Nein!“

An dieser Stelle nahmen wir dann den Punkt „Durch die Wohnung jagen“ wieder auf.

Fazit dieses langen, langen Textes:
GfK ist nicht meins.
Wie sagte eine Freundin so schön?
„Ich bevorzuge gelegentliches Anbrüllen.“

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10 Antworten to “Man muss ja nicht alles können.”

  1. Marlen Says:

    Nachdem ich interessiert gelesen habe, dass es auch ohne *gelegentliches Anbrüllen* gehen soll (tatsächlich?), komme ich am Ende auch zu dem Ergebnis: Ich bleibe dabei 😀 Man muss nun auch nicht übertreiben, oder?!?

  2. Eva Says:

    Es passiert mir nicht mehr oft, aber manchmal eben schon. Ich lese Dinge und pullere mir fast in die Hose. „Hand in Hand zum Zähneputzen schweben.“ 😀
    Wunderbar!
    Ich finde diese Grundidee, den Kindern das Leben zu erklären, ganz nett. Wirklich. Wenn ich mir als 4-fache Mama (und dabei ein Zwillingspaar mit putzwilligem, aber auf die Zahnbürste beißender Sohn) jedoch im Alltag überlege, wo ich sämtliche Erklärungen unterbringen wollte, dann müsste ich einen Antrag auf eine 10-Tage-Woche stellen.
    Und ja, auch ich werde hier laut, wenn es mir reicht. Das sollten wir uns als Mütter erlauben und uns nicht dafür verurteilen.
    Zählt die laute Stimme schon als Gewalt??

  3. goodytales Says:

    Mein Bedürfnis war, Dir zu vermitteln, dass das Heben der Stimme bereits ganz klar keine gewaltfreie Kommunikation mehr darstellt.

  4. goodytales Says:

    Und – um weiterhin vor mich hin zu monologisieren – ich finde tatsächlich, dass Anbrüllen bereits eine nicht zu unterschätzende Form von Gewalt gegenüber Kindern darstellt. Genauso wie bespötteln, lächerlich machen und über Stunden hinweg in unterkühltem Ton sprechen.
    Und ich finde es wirklich klasse, dass solche Konzepte wie GfK existieren – die Grundidee dahinter würde ich sofort unterschreiben.
    Ich benötige eben nur einen anderen Weg dorthin.

  5. Blossom Says:

    Haha, herrlich. Ich kann mich besonders gut in der „Ich mach so alberne Gruppendinge nicht“-Beschreibung wiederfinden. Zähneputzen ist hier glücklicherweise kein Thema, aber ich fühle mit dir. ^^ Gelegentliches Brüllen hat einen erstaunlich guten Effekt (wenn es denn beim Gelegentlichen bleibt) und hat den Vorteil, dass man dabei auch gleich ein wenig Frustabbau betreiben kann. Liebe Grüße! 😀

  6. dasmiest Says:

    Wundervoll, sehr schön. Unterschreibe ich, komplett.

  7. Eva Says:

    Mh, ich stelle mir diesen Weg wirklich sehr anspruchsvoll vor. Nur noch ruhige Kommunikation. Ich ziehe meinen Hut. Dennoch bleibe ich dabei, dass wir als Mütter viel damit beschäftigt sind, uns zu bewerten. Und dann ist es oft die negative Richtung.
    Habe ich mich schon einmal bedankt, dass Du uns u. a. darüber so ausführlich darüber berichtest?! Danke!

  8. Kathi Says:

    So ein Scheiß Tag heute – aber hier findet er ein gutes Ende – Was habe ich gelacht! Hach!


  9. […] ich gestern den Artikel bei Kira über ein Seminar über gewaltfreie Kommunikation gelesen hatte, musste ich schon schmunzeln. Und zustimmend nicken. Und wieder […]


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