Kinderzimmer? Wer braucht das denn?

Oktober 18, 2012


by Boris Mitendorfer Photography

Ich glaube, meine Kinder bröckeln.
Entweder das, oder sie besitzen eine Art Karnevals-Gen, welches sie dazu zwingt, in unregelmäßigen Abständen die Arme zu heben, um Gegenstände ins nicht vorhandene Volk zu werfen.

Anders kann ich mir mittlerweile nicht mehr erklären, warum in jedem einzelnen Raum unserer Wohnung Spielzeug aufzufinden ist, und das, obwohl ich vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche damit beschäftigt bin, ebendieses Spielzeug wieder aufzuklauben. So gefühlt.

Ich laufe durch unseren Flur und sammele Gummibälle, Halsketten, Spielzeugautos und Stofftiere ein. Unter der Bank im Garderobenbereich entdecke ich zwischen den Schuhen eine Art Playmobilmännchennest, und am Garderobenhaken der Kinder hängt noch eine Fingerstrickschlange, die Nathalie vermutlich irgendwann im Jahre 2018 fertiggestellt haben wird.

In der Küche sitzen weitere Stofftiere auf der Heizung. Liam hat Nathalies Leidenschaft übernommen, beim Frühstück ein bisschen Gesellschaft um sich herum aufzubauen, und ich finde das ja schon irgendwie sehr rührend, wenn morgens eine Art menschlicher Lolli zur Küchentür hereinspaziert: unten nackte Füße und Schlafanzughosen, oben ein Riesenberg Stofftiergedöns, hinter dem der Rest des Kindes völlig untergeht. Aber wenn sie denn dann mal alle sitzen, dann bleiben sie eben sitzen, bis ich mich ihrer erbarme und sie zurück in die Stofftierkiste trage.

Auf der Küchenfensterbank liegen derzeit wieder drei oder vier Bügelperlenplatten, die abgebügelt werden müssen. Und egal, wie oft ich bügele, irgendwie scheinen immer wieder neue aufzutauchen. Die Bügelperlchen selbst liegen auch unter dem Küchentisch, unter der Heizung und unter dem Regal. Unter letzterem liegen sie zusammen mit ein paar Murmeln, die noch vom Klangbaumspiel am Abend zuvor dorthin gerollt sind. Neben dem Kindertisch stapeln sich mehrere Bücher aus der Bibliothek. Die hat Nathalie da heute morgen liegen lassen, nachdem sie mir aus einem dieser Bücher unbedingt noch etwas vorlesen musste.

Im Wohnzimmer. Im Wohnzimmer liegen Kaplabausteine unter dem Sofa („Wir bauen einen Bauernhof, Mama“), ein Springseil auf dem Sessel („Wir spielen Pferdchen, Mama“), ein unvollendetes Puzzle vor der Balkontür („Das mach‘ ich noch fertig, Mama“) und noch so dies und das und dies und jenes („Das brauchen wir alles, Mama“). Im Bad finden sich Liams Fledermausohren, ein aufgebauter Turm aus den Badewanneneimern (wenigstens gehören die ins Bad), diverse Perlen, Pailletten und anderer Schnickschnack aus Nathalies Hosentaschen und außerdem ein kleiner Plastikkreisel, der fies piekst, wenn man barfuss drauftritt (ich kann das beurteilen).

Ich könnte diese Aufzählung noch eine Weile fortführen, aber ich denke, ich habe das Problem einigermaßen umrissen.
Aufräumen funktioniert nur in größeren Dimensionen. Also, dass die umgestürzte Legokiste wieder eingeräumt wird, wenn man das Lego nicht mehr benötigt, ist schon klar (na ja, so halbwegs zumindest), aber dass die beiden Legomännchen, die auf der Sofalehne sitzen und ein bisschen aus dem Fenster gucken dürfen, irgendwann auch wieder in die Kiste müssen, das funktioniert nicht. Weil: es sind ja nur zwei Legomännchen. Das ist doch keine Unordnung, Mama.

Als ich mich neulich über all das beim Gatten beklagte, meinte der: „Weißt du, wenn die beiden erst einmal ausgezogen sind, dann wird es hier sehr leer sein. Und sehr ruhig.“

(Und damit hat er natürlich Recht. Aber ich denke trotzdem darüber nach, mal einen Tag lang das aufgesammelte Spielzeug nicht zurück in die Kinderzimmer zu tragen, sondern unter der Decke auf seiner Seite des Bettes zu deponieren.)

3 Antworten to “Kinderzimmer? Wer braucht das denn?”

  1. Jarg Says:

    Kleine Physiker halt, die angewandte Entropie schätzen!

  2. Panajota Says:

    Das menschliche Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist.


  3. Im allerletzten Satz steckt die ganze Wahrheit.


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