Endstation.

November 26, 2012


by psiho.child

Am Wochenende hab‘ ich mit den Kindern zusammen „Willi will’s wissen“ geguckt. Thema: „Bahnhof“.
Ich gebe ja zu, ich finde diese DVDs mindestens genauso spannend wie Nathalie, und es ist großartig, dass ich einen völlig legitimen Grund habe, „Willi will’s wissen“ zu gucken: Es wäre nämlich absolut unverantwortlich, würde ich meine Kinder ganz alleine vor den Fernseher setzen. Es könnte etwas Verarbeitenswertes ins Blickfeld rutschen, und dann muss ich sofort zur Stelle sein, um pädagogisch Wertvolles in Kinderohren zu versenken.
(Okay, „Käptn Blaubär“ müssen sie alleine gucken, aber ich bin die erste, die Kinderhändchen hält, wenn Armin an einem Legeautobastel-Seminar teilnimmt, um die Arbeitseffizienz zu steigern.)

Genau.
Die „Bahnhof“-DVD.

Was mir dazu einfiel war, dass ich mit der Lieblingsfreundin vor etwa zwanzig Jahren häufiger im Frankfurter U-Bahn-Netz unterwegs war. Innerhalb der Stadt ließ es sich minder gut trampen, weshalb wir also stattdessen gelegentlich unter Umgehung eines Fahrkartenkaufes die U-Bahn nutzten, und dies in der Regel spät in der Nacht.
In der „Willi will’s wissen“-DVD nun geschieht es, dass Willi einschläft, die letzte Station verpasst und sich plötzlich auf dem U-Bahnparkplatz wiederfindet.

Ganz ähnliches kann ich auch berichten.
Eingeschlafen sind wir zwar nicht, aber völlig vertieft in irgendein bewegendes Gespräch entging es uns einfach, dass wir die letzte Station an uns vorbeirauschen ließen. Es kam nicht gerade selten vor, dass wir die einzigen im ansonsten völlig verlassenen U-Bahnwagen waren, insofern muss ich mir zumindest nicht vorwerfen, dass wir stoisch-geistesabwesend ungeheure Menschenmassen an uns vorübertrotten ließen, während wir auf unseren Sitzen klebten.
Wir schwören noch heute jeden Eid, dass es keinerlei Durchsagen in Richtung „Endstation. Bitte alle aussteigen!“ gegeben hat, damals anwesende Fahrbetriebsvertreter mögen anderes bezeugen.

Nun muss man wissen, dass wir damals nicht nur Horrorfilmen zugeneigt waren, sondern auch Clive Barker lasen.
Der hatte unter anderem in seinen „Büchern des Blutes“ die Kurzgeschichte „Der Mitternachts-Fleischzug“ verfasst. In dieser Geschichte treibt ein irrer Massenmörder im New Yorker U-Bahn-Netz sein Unwesen.

Wie wikipedia sehr schön zusammenfasst:
„Auf einem bestimmten Streckenabschnitt leitet der U-Bahn-Fahrer den Zug in einen eigentlich gesperrten Streckenabschnitt um, damit der Schlachter ungestört seinem Werk nachgehen kann. Alle Leichen werden ausgenommen, von Zähnen und Fingernägeln befreit, rasiert und anschließend kopfüber an Fleischerhaken an die Haltestangen des Zuges gehängt.“

Man kann sich daher vielleicht vorstellen, wie wir uns fühlten, als wir feststellen mussten, dass die U-Bahn einen quasi unbeleuchteten, menschenleeren Bahnhof ansteuerte, wir ganz allein im Wagen saßen und sich weit entfernt schnell näher kommende, hallende Schritte vernehmen ließen.
Zu sagen, wir seien panisch geworden, wäre euphemistisch formuliert.
Tatsache ist, dass wir uns völlig hysterisch gegen die Wand am anderen Ende des Wagens drückten, unsere Taschen nach irgendwelchen brauchbaren Waffenäquivalenten absuchten und mit Augen zur gegenüberliegenden Tür starrten, die jedem Uhu zur Ehre gereicht hätten.
Ich glaube, wir schrien sogar ein bisschen, als sich die Tür öffnete.

Die Tatsache, dass wir fast in Tränen ausbrachen, weil wir so erleichtert darüber waren, statt dem Killer Mahogany nur einem adretten U-Bahn-Wagen-Fahrer gegenüberzustehen, mag letzteren davon abgehalten haben, seine Strafpredigt übermäßig streng ausfallen zu lassen. Auf geheimen Pfaden führte er uns zurück zum nächsten öffentlichen Bahnhof, und ein letzter Rest an Zweifeln führte dazu, dass meine Freundin und ich uns dabei sehr fest an den Händen hielten.

Willi wird natürlich nicht angeranzt, sondern verwickelt den U-Bahn-Fahrer in ein anregendes Gespräch über Materialverschleiß und ähnliches.
Ich bin aber sehr sicher, dass unser Fahrer doch noch die Drogenpolizei herbeigeordert hätte, hätten wir ihm auch nur eine Frage zum Zustand der Bremsscheiben gestellt.

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