Groß, größer, am ALLERGRÖSSTEN.

Dezember 22, 2014

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by bkusler

Gestern habe ich eine Reportage über große Frauen gesehen.
„Groß“ im ganz simplen Sinne: Nicht besonders talentiert, besonders beindruckend oder besonders mächtig. Einfach nur besonders – groß.
Größe schließt Talent und andere positive Attribute natürlich nicht aus, aber auf dem ersten Blick ist man für seine Umgebung zunächst einmal nichts anders als GROSS.

Ich kann da mitreden, ich bin groß, 180 cm um genau zu sein.
Und ich war schon 180 cm groß, als ich 13 oder 14 Jahre alt war.
Lange Zeit in meinem Leben war ich immer und überall die Größte, und ich hatte mir über die Jahre hinweg einen wirklich finsteren Gang angewöhnt, um nicht dauernd überall herauszuragen. Wenn ich irgendwo stand, knickte ich mit einem Bein leicht ein, schob die Hüften nach vorne und ließ die Schultern hängen. Dadurch sah ich dann zwar haltungsmäßig ein bisschen aus wie Quasimodo, aber ich war nur noch vier, fünf Zentimeter größer als der größte Junge in meiner Klasse, und das war es wert.

Schuhe mit hohen Absätzen? Never!
Gewagte Kleidung, die mich NOCH auffälliger werden ließ? Niemals!

Es erforderte eine 180-Grad (sehr passend)-Wende in meinem Leben, die ich hier jetzt nicht näher ausführen werde, weil das den Rahmen sprengen würde. Nur so viel: Der komplette Ausbruch aus der bisherigen Lebenslaufbahn gehörte unbedingt dazu. Weg von all den Leuten, die mich in der Schublade „lange, dünne Bohnenstange“ abgespeichert hatten, hin zu neuen Menschen, für die ich zunächst einmal nichts weiter war als ein neues Gesicht. Auf sehr langen Beinen. (Ungeschickt formuliert, da fallen mir jetzt natürlich erst einmal die frühen Kopffüßler meiner Kinder ein.)

Jahre später laufe ich gerade und mogele nicht mehr zwei Zentimeter fort, wenn ich – was natürlich immer noch passiert – auf meine Größe angesprochen werde. Und das tun Menschen gerne. Sie stehen neben mir an der Ampel, starren mich an, und ich möchte ihnen leicht auf den Hinterkopf schlagen, damit sie endlich ihren Satz loswerden können: „Mann, bist du groß!“ Dicht gefolgt von dem unvermeidlichen Klassiker: „Spielst Du Basketball?“
(Na gut, mit Anfang 40 kommt dieser Satz zunehmend seltener, aber man frage mich nicht, wie oft ich in meinem Leben bereits geantwortet habe: „Ich hasse jede Sportart, bei der ein Ball involviert ist.“)

In dieser Reportage, um darauf zurückzukommen, schleppen mehrere Mütter ihre Töchter zu Ärzten, um ihnen Hormonkuren mit ungewissem Ausgang oder Operationen am Knie anzudienern, die verhindern sollen, dass das eigene Kind deutlich größer als 180 Zentimeter wird. Denn diese 180 Zentimeter empfinden die Eltern schon als zu viel.
Und das empfinden natürlich auch ihre Töchter so. Man kann den Blick kaum beschreiben, mit denen die Mütter ihre Töchter ansehen, ein Blick in dem Liebe, Mitleid und Angst stehen, und Herrgott nochmal, wie sollen diese Mädchen denn wachsen und sich entfalten, wenn sie auf diese Art und Weise angesehen werden?

Sollte meine Tochter einmal in Richtung 180 Zentimeter wandern, dann werde ich die Schultern straffen, und es wird mir hoffentlich gelingen, ihr zu vermitteln, dass Größe nichts ist, wofür man sich schämen müsste.
Verbergen kannst du sie ohnehin nicht, also gut, dann kannst du auch gleich gerade laufen.
Ich wünschte, irgendjemand hätte mir das als junges Mädchen einmal eingeimpft, dann hätte ich nicht jahrelang einen Zeitungsausschnitt in meinem Schreibtisch vergraben, in dem von einem großen Mädchen berichtet wurde, dass sich an beiden Beinen jeweils mehrere Zentimeter aus den Schienbeinknochen heraussägen ließ, um nicht über 185 Zentimeter groß sein zu müssen.
Die Tatsache, dass ich diese Prozedur eine Weile durchaus in Erwägung zog, dürfte den Leidensdruck verdeutlichen.
Und Anverwandte, die sich laut darüber Sorgen machten, ob das Kind denn später überhaupt einen „Mann abbekommen“ könne, bei dieser Größe, ließen den Artikel irgendwann ziemlich abgriffen aussehen.

Das Schöne ist ja, dass es mir mittlerweile recht leicht fallen wird, meiner Tochter in zumindest diesem Punkt mit ausgesprochen gutem Beispiel voran zu gehen.

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