Stop superficiality

Juni 24, 2015

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by Hypnotica Studios Infinite

Gerade eben bin ich über einen Facebook-Beitrag gestolpert, in dem ganz normale Frauen mit ganz normalen Figuren Bademode von Victoria’s Secret präsentieren. Ich persönlich bin ja sehr empfänglich für derlei Aktionen, weil ich von all diesen mega-gehypten Supermodels mit ihren perfekten Körpern ziemlich genervt bin, und richtig gruselig wird das ja erst durch die Tatsache, dass selbst an den Bildern dieser Frauen noch manipuliert und herumgeschraubt wird, bis uns endlich eine Art fleischgewordene Barbie anstarrt, die im normalen Leben ob ihrer absurden Maße keine drei Schrite weit käme, ohne in sich zusammenzubrechen, in den einschlägigen Frauen-Magazinen aber dennoch als Rollenmodell herhalten muss.

Meine Tochter ist elf, sie ist dünn wie ein Stöckchen, und als sie erstmalig nachdenklich auf einem Mäuerchen saß und ihre Oberschenkel von oben begutachtete, die der Gesetze der Physik wegen minimal breiter aussahen als im Spiegel, erklärte sie mir ohne jedes Augenzwinkern, ihre Beine seien „zu dick“.
Den Kreischanfall, der mich innwendig ereilte, hätte niemand auch nur geahnt, so souverän hielt ich meinen mütterlich-liebevollen Gesichtsausdruck aufrecht, aber ja, mein Kind ist mittlerweile über gesunde Ernährung, die Gefahren des Gruppendrucks und nicht zuletzt über die Möglichkeiten von Photoshop ziemlich gut informiert.

Was mich jetzt zurück zu besagtem Facebook-Eintrag bringt.
Einigermaßen unbekümmert verhalf ich der Aktion zu einem weiteren „Gefällt mir“, und dann stach mir der oberste Kommentar ins Auge:
„Stop glorifying obesity!“

Zuallererst: Von den sechs Frauen, die die Victoria’s Secret Bademode nachstellen, sind lediglich zwei runder als der Durchschnitt. Und ich spreche vom tatsächlichen Durchschnitt, nicht von der derzeit kursierenden westlichen Vorgabe, nach der jede Frau, an der nicht komplett alles schlank, straff und glatt ist, schleunigst etwas für ihren Körper tun sollte.
Und auch diese beiden Frauen sind nicht „krankhaft fettleibig“, wie erschreckenderweise sehr viele der folgenden Kommentatoren behaupten, sondern einfach nur ein gutes Stück kurviger als die Norm es vorgibt.
Trotzdem:
„This is not an everyday woman. this is an unhealthy and obese woman.“

Beide Zitate stammen von Männern, und noch viel mehr Männer entblöden sich nicht, Kommentare zu verfassen, die in etwa in diese Richtung gehen:
„The horrible truth is that they took not good looking girls to make those haters (most of the time ugly women) feel less bad about their body.“

Das allein wäre schon frustrierend genug, vollends zum Heulen wird es allerdings dadurch, dass der komplette Kommentare-Strang, der sekündlich länger wird, durchsetzt ist mit Beiträgen von Frauen, die in einer Mischung aus Selbstgefälligkeit und ungesunder Selbstkasteiung ins gleiche Horn blasen.

Natürlich sind viele, viele Frauen (und sehr, sehr wenige Männer) dabei, die all die Argumente bringen, die in solchen Momenten immer gebracht werden: Jeder Mensch ist schön, sieh nicht nur auf das Äußere, was stimmt eigentlich in Deinem Leben nicht, dass Du es offenbar nötig hast, andere so zu verurteilen?

Leider gehen vernünftige Stimmen zwischen den Kommentaren nahezu sang- und klanglos unter.
„Stop glorifying obesity!“ liegt aktuell mit fast 1000 Likes unangefochten an der Spitze, und man muss schon ein bisschen scrollen, bevor man überhaupt zu den Meinungen Andersdenkender kommt.
Darüber hinaus gehen eine ganze Reihe der gutgemeinten Beiträge nach hinten los, weil ihre Verfasserinnen sehr eifrig darauf verweisen, dass ja lediglich zwei der gezeigten sechs Frauen dicker seien, womit sie dann ungewollt die menschenverachtende Vorgabe zusätzlich untermauern. Hey, vier Frauen sind doch SCHLANK, da kann man der Aktion doch keine Glorifizierung von Fettleibigkeit vorwerfen.

Alle sechs Frauen bewegen sich gewichtsmäßig völlig in der Norm, und die Flut an kritischen oder sogar abfälligen Kommentaren zeigt letztlich nur, und das wird jetzt wieder einer dieser Absätze, bei denen ich mich kopfwackelnd frage, ob mir das jetzt nicht zu pathetisch gerät, aber all diese Urteile, die Wertungen, die verächtlichen Worte zeigen nur, wie unglaublich weit unsere Gesellschaft davon entfernt ist, einen Menschen einfach nur zu sehen, ihn vielleicht sogar zu erfassen und seine Persönlichkeit akzeptieren zu wollen.
Eine völlig normale, lachende Frau in einem gewöhnlichen Badeanzug – wie wichtig ist es da, die Wörter „obese“, „fat“ und „ugly“ drunterzusetzen?

Es tröstet nur bedingt, dass man davon ausgehen kann, dass die vernichtendsten Urteile von denjenigen kommen, die das größte Selbstwertproblem mit sich herumschleppen. Glückliche Menschen haben keinen Grund, andere niederzumachen, und wäre ich nicht so ängstlich darauf bedacht, in jeder Hinsicht der derzeit gültigen Norm zu entsprechen, dann müsste ich auch nicht halb erleichtert, halb gehässig mit dem Finger auf diejenigen zeigen, die aus welchen Gründen auch immer von dieser Norm abweichen.

Es wäre jetzt leicht, diesen Text mit ein paar markigen Sprüchen in Richtung „Nieder mit den gesellschaftlichen Zwangskorsetts“ zu beenden, und ich wäre mehr als glücklich, wenn es so einfach wäre.
Tatsächlich aber beugen wir alle uns mehr oder weniger deutlich der Diktatur des äußeren Erscheinungsbildes, und vermutlich kann man nicht mehr tun, als wieder und wieder und wieder darauf hinzuweisen, dass dieser Druck letztlich nicht nur diejenigen zerquetscht, die sehr augenscheinlich davon abweichen, sondern auch und gerade denen die Luft zum Atmen, den Raum zur freien Entfaltung nimmt, die „ugly“ plärren.

Jawohl.
Hab‘ ich dann für heute auch mal wieder erledigt.

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2 Antworten to “Stop superficiality”

  1. Eve Says:

    Danke für diesen Artikel. Und da macht sich mir ein Vorteil des voranschreitenden Alters bemerkbar: des juckt mich nicht mehr so! So jung und hübsch wie heute sind wa morgen nämlich nicht mehr! 🙂


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