Muttertagserfahrungen, oder: Wie ich lernte, meine Kinder nicht zum Probieren zu nötigen

Mai 8, 2016

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by kira

Muttertag.
Wie immer hat sich die Familie ins Zeug gelegt.
Auf dem Tisch brennen Kerzen, winzige Herzen liegen um meinem Teller herum. Es gibt Kärtchen und Blumen und selbstgemalte Muttertagsbilder.

Auch der Gatte ist früh aufgestanden, und deshalb steht neben dem Rührei ein beeindruckender Schokoladenkuchen, weil diejenige, die das hier schreibt, ja sehr auf Schokolade steht.

Außerdem Sahne, mit Orange verfeinert und … irgendso ein Zeug, das aussieht wie rohes Eigelb und sofort mein Misstrauen weckt.
„Zabaione“, erklärt der Gatte stolz und tunkt schon einen Löffel ein.

„Was ist da drin?“, frage ich.
Er zählt auf.
„Und Eigelb“, schließt er.
„Rohes!“, ruft mein Hypochonderhirn und lässt es geschickt so aussehen, als habe mein Mund das ausgesprochen.
„Natürlich roh“, sagt der Gatte indigniert. „Ich hab‘ das im Wasserbad aufgeschäumt und …“, erklärt er weiter, aber der Rest interessiert mich eigentlich nicht.

Es sieht aus wie rohes Eigelb, es besteht aus rohem Eigelb, und mein fieses Hirn flüstert mir zu, dass es bestimmt auch schmeckt wie rohes Eigelb.
‚Das essen wir nicht‘, verkündet ein Großteil renitenter Hirnzellen, und der Gatte sagt: „Probier doch mal. Nur einen Löffel.“

Ah, denke ich. Das kommt mir gerade verflucht bekannt vor.
Normalerweise sage ich das nämlich.
„Probier doch mal“, sage ich zur Tochter und lächle mein bestes ‚Guck, was ich Leckeres gekocht hab‘-Lächeln.
„Probier doch mal“, sage ich zum Sohn, und ignoriere dessen skeptischen Gesichtsausdruck.

Der Gatte kleckst mir beherzt ein Löffelchen rohes Eigelb Zabaione vor die Nase.
Automatisch schiebe ich meinen Kuchen zur Seite.

„Nur eine Probierportion“, sage ich zur Tochter, die ihre Nudeln vor der obskuren Soße auf die andere Seite des Tellers rettet.
„Nur ein Löffelchen“, sage ich zum Sohn, der „Iiiiiiiih“, brüllt und damit mein rechtes Augenlid zum Zucken bringt.

Und jetzt sitze ich vor dem Lieblingsgatten, und in mir streiten sich ‚Oh nein, er hat das extra für dich gemacht, nun guck, wie er dich ansieht‘-Gedanken mit ‚Egal! Egal! Wir essen das nicht!“-Hirnzellengewerkschaftlern.
Dilemma! Innerliches Haareraufen deluxe!

Das allertollste Geschenk zu Muttertag bekamen dann also heute meine Kinder:
Niemals wieder müssen sie etwas probieren, was sie nicht probieren wollen.

Eine Antwort to “Muttertagserfahrungen, oder: Wie ich lernte, meine Kinder nicht zum Probieren zu nötigen”

  1. ilona kaddouri Says:

    Wunderbar, Kira! Chapeau! Dir noch einen schönen Muttertag!


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