Gestern, in München.

Juli 23, 2016

6954473390_dd82f96ab5_n
by mcfcrandall

Es ist ein ziemlich surreales Gefühl, wenn man eben noch entspannt auf einem Klassenfest in einem Hinterhof zwischen Holzkohlengrill und Ziegenkäsequiche sitzt, und plötzlich alle ihre Smartphones in den Händen halten, um sich zu vergewissern, dass die eigenen verstreuten Lieben in Sicherheit sind.

Die Kinder toben weiter, spielen ‚Jungen fangen Mädchen‘, und man selbst verfolgt im Liveticker das aktuelle Geschehen, liest von mehreren Tätern, und dass die Polizei nicht wisse, wo die sich derzeit befinden, und schließlich räumen die Erwachsenen geordnet und stur lächelnd alles zusammen, verabschieden sich voneinander und eilen nach Hause.

Man wirft skeptische Blicke in vorbeifahrende Autos und scannt bei entgegenkommenden Menschen, wo sich deren Hände befinden. In der Wohnung angekommen, lässt man ohne darüber zu reden das Licht aus, und als durchzudringen beginnt, dass der Sohn sich ein wenig beunruhigt, weil beide Eltern den Blick immer wieder zum Rechner wandern lassen, spielt der Papa erst einmal eine Runde Elfmeterschießen im Flur.

Im Laufe des Abends erfuhren wir, dass Liams bester Freund in einem Kaufhaus am Stachus festsitzt und die Lieblingsnachbarn nicht mehr aus dem Olympiapark wegkommen. Letzteres führte dazu, dass ich mitten in der Nacht mit dem Liebslingsnachbarnhund nach draußen ging, weil der Arme nämlich trotz des aktuellen Geschehens seine Bedürfnisse hatte.
Und wieder schaut man sich um, mit der Leine in der Hand, und fragt sich, wohin es die Täter bei ihrer Flucht wohl treiben wird.

Heute Morgen sieht alles ein wenig anders aus. Ein Täter statt drei, ein junger Mann, man muss an Würzburg denken und daran, dass völlig unabhängig davon, aus welchen Gründen dieser junge Mann gehandelt hat, bestimmte Gruppierungen diesen Amoklauf sofort für sich beanspruchen werden. Um Kraft zu demonstrieren und Stärke, auch wenn sie dafür auf verwirrte Menschen zurückgreifen müssen, die vielleicht in ihren Schulblock eine kleine Flagge gezeichnet haben.

Tumbe Präsidentschaftskandidaten in den USA blasen sich weiter auf, Frankreich wirft vorschnell das Wort Terrorakt in den Raum, und anderswo reibt man sich die Hände, weil man gar nicht so viel machen muss, um für maximalen Aufruhr zu sorgen. Die Ereignisse werden dazu führen, dass Leute, die über die Macht verfügen, Geschehnisse in Bahnen zu lenken, noch mehr Härte fordern werden, noch mehr Abgrenzung, noch mehr ‚Wir‘ gegen ‚Die‘, und die Spirale der Gewalt wird sich ein kleines bisschen schneller drehen.

Jakob Augstein, ein Kolumnist bei SPON, schreibt dazu:
„Während des sogenannten malaysischen Notfalls, das war ein Südost-Asien-Konflikt der Fünfzigerjahre, sagte ein britischer General, der Sieg werde nicht dadurch errungen, dass man mehr und mehr Soldaten in den Dschungel schicke, sondern indem man die Herzen und die Köpfe der Menschen erobere – hearts and minds, das wurde zum stehenden Begriff.

Der Westen hat diese Lehre im „Krieg gegen den Terror“ in den Wind geschlagen. Wir haben immer mehr Soldaten geschickt – zunächst in die Wüste, nicht in den Dschungel, dann in unsere Städte. Aber wir haben keinen Sieg im Kampf gegen den Terrorismus erlebt, sondern eine Ausweitung der Kampfzone. Es ist Zeit zu erkennen, dass wir den Kampf gegen den Terror verlieren. Es ist Zeit, stattdessen endlich mit dem Kampf um die hearts and minds der Muslime zu beginnen. Dieser Kampf wird nicht mit Waffen geführt.

Aber sind wir stark genug, die Waffen niederzulegen?“

Wir brauchen jetzt Jakob Augsteins.
Und jeder denkende Mensch muss alles dafür tun, dass es stattdessen nicht die Donald Trumps werden.
Abschottung funktioniert nicht. Jede Gewalt erzeugt Gegengewalt, und die Allermeisten, die nach mehr Härte schreien, nach mehr Abschiebungen, nach mehr Mauern, wären im Fall des Falles nicht halb so fatalistisch wie die, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben.
Es geht dabei nicht darum, die Täter zu beschützen, sie zu verhätscheln und zu umsorgen, es geht darum, Täter erst gar nicht zu Tätern werden zu lassen.

Die Tage hat mir irgendeine Frau im Netz in einer Diskussion zu diesem Thema entgegengeschleudert:
Bitte, bitte, wach endlich auf!!!

Ohne die hysterischen Ausrufezeichen möchte ich das zurückgeben: Wacht auf.
Ganze Gesellschaften werden manipuliert von Menschen, denen es nur darum geht, ihren persönlichen Machtbereich zu vergrößern, deren Ängste und Unsicherheiten bedauernswert wären, wenn ihre Handlungen nicht die ganze Welt immer näher zum Abgrund zerren würden.

Eine schützende Geste über alles, was vermeintlich nur uns gehört, und die Worte ‚Verpisst euch!‘ werden nicht dazu führen, dass Menschen, die das Gefühl haben, ihr Leben sei eine einzige Qual, mit hängendem Kopf in ihr Elend zurückschleichen werden.

Wir haben nur Glück.
Jede und jeder von uns könnte mit seinen Kindern ganz woanders sein und täglich Ängste ausstehen, von denen wir hier in München gestern Abend nur einen blassen Abglanz erlebt haben.

Lasst euch jetzt nicht hineinreißen in die Spekulationen und in den neu aufbrandenenden Hass.
Bleibt menschlich im edelsten Sinne.

Ich werde pathetisch. Ich hör‘ besser auf.

In Gedanken bei den Opfern, bei den Familien, den Müttern, Vätern, Geschwistern, Freunden, die heute Morgen einem Tag entgegentreten mussten in dem Wissen, dass einer der ihren nicht mehr am Leben ist.

Eine Antwort to “Gestern, in München.”

  1. Comickunst Says:

    Ja, bisschen pathetisch, aber richtig. Sowas wie gestern in München erleben die Menschen in Bagdad, Damaskus, Kabul + Co dreimal die Woche. Mit besten Grüßen von Heckler + Koch und Friedensnobelpreisträger Obama, der jeden Morgen die Todesurteile für diejenigen unterzeichnet, die ohne Gerichtsurteil von US-Drohnen liquidiert werden (samt Geburtstags- und Hochzeitsgesellschaft). Da darf man sich über entsprechende Antworten nicht wundern – so wirr, so ziellos und so brutal sie auch daherkommen.

    Und ja: Wir müssen um die „hearts and minds“ der Muslime kämpfen. Aber auch um ihre Mägen. Wenn man nur noch in staubigen Lagern vegetiert, in denen es außer Sand und Steinen nichts mehr zu essen und auch sonst keine Zukunftsperspektive gibt, ist es logisch, dass die Menschen sich nicht einfach zum Sterben in den Dreck legen.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s