Archive for the 'Kurz nachgedacht' Category

Weil deshalb:

Januar 22, 2017

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by kira

Mich hat neulich eine Freundin gefragt, warum ich im Blog derzeit so viel über den Hund schreibe und so wenig über das Buch.
Gute Frage.
Ich musste so lange darüber nachdenken, dass ich zwischenzeitlich noch zwei weitere Beiträge über den Hund verfasst habe.

Ich glaube, es liegt daran, dass ich tief in meinem Herzen ein „Ach, Frau Goodytales, sie sind ja AUCH da“-Typ bin.
Und mein derzeitiger Canossa-Gang, auch Marketing genannt, führt dazu, dass ich beispielsweise tatsächlich minutenlang auf den Senden-Button starre, bevor ich es endlich hinbekomme, einem Buchblog, der sich nach eigenen Angaben für Jugendbücher, Musik, Badboys UND Liebesstorys interessiert, ganz dezent auf „Keep on Dreaming“ hinzuweisen.
Danach halte ich mich weitere Minuten davon ab, noch irgendetwas in Richtung „Entschuldigen Sie die Störung“ hinterherzuschicken.

Auf Facebook trenne ich auch weitestgehend hübsch säuberlich zwischen Blogger-Ich und Autoren-Ich, und so ganz insgesamt kommt es mir auf eine für mich selbst nicht nachvollziehbare Art unangemessen vor, auf MEINEM Blog Eigenwerbung für MICH selbst zu machen.

Versteht das jemand?

Okay, ich versteh’s auch nicht so recht, aber isso.

Aber wo ich jetzt schon mal dabei bin:
„Keep on Dreaming“ verkauft sich wunderbar, das direkte Feedback ist sehr, sehr schön, nur die Zahl der Rezensionen ist in Anbetracht der Verkäufe etwas schwächelnd.

Entschuldigen Sie die Störung.
*hüstel*

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Schwer zu ertragen.

September 13, 2016

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by foxy97

Hab‘ ich mal erwähnt, wie mich diese Leute stressen, die Sätze sagen wie „Das ist ein Radweg!“, wenn man sich am äußersten Rand weit nach vorne beugt, um zwischen den parkenden Autos hindurch einen Blick auf die Fahrbahn zu erhaschen, wahlweise „Das ist ein Fußweg!“, wenn man es wagt, die sieben Meter zwischen Hofausfahrt und Bordsteinkante bereits auf dem Sattel zu sitzen?

Diese langen Gesichter, der griesgrämige Tonfall, die vorwurfsvollen Blicke – „EntschuldiGUNG!“, sagen solche Leute, wenn man sie im Tumult am Bäckertresen übersehen und sich (vermutlich) versehentlich vorgedrängelt hat. Diese Menschen tragen das Elend der Welt auf ihren Schultern, und sie hassen jeden, der ihr Leid auch nur minimal vergrößert.

Es sind dieselben, die niemals auch nur einen Zentimeter nach rechts oder links scheren, sollten sie dir mal entgegenkommen, und wage es, sie mit deinem Jackenzipfel zu streifen, und die Hölle bricht über dich herein.

Jede Konfrontation wird dankbar angenommen, für jeden potenziellen Fight stehen sie bereits im Ring, und es ist völlig egal, worum es geht, den das ist ein RADweg, nein, ein FUSSweg, und überhaupt ist es völlig egal, du bist schon allein deshalb im Unrecht, weil du atmest, oder wenigstens, weil du nicht sie bist, EntschuldiGUNG!

Bitte, bitte, bitte, lass mich niemals so ein missvergnügter, freudloser, grämlicher, mürrischer Korinthenkacker werden, bitte.
Rüttel mich wer, wenn ich Tendenzen zeige.

Gestern, in München.

Juli 23, 2016

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by mcfcrandall

Es ist ein ziemlich surreales Gefühl, wenn man eben noch entspannt auf einem Klassenfest in einem Hinterhof zwischen Holzkohlengrill und Ziegenkäsequiche sitzt, und plötzlich alle ihre Smartphones in den Händen halten, um sich zu vergewissern, dass die eigenen verstreuten Lieben in Sicherheit sind.

Die Kinder toben weiter, spielen ‚Jungen fangen Mädchen‘, und man selbst verfolgt im Liveticker das aktuelle Geschehen, liest von mehreren Tätern, und dass die Polizei nicht wisse, wo die sich derzeit befinden, und schließlich räumen die Erwachsenen geordnet und stur lächelnd alles zusammen, verabschieden sich voneinander und eilen nach Hause.

Man wirft skeptische Blicke in vorbeifahrende Autos und scannt bei entgegenkommenden Menschen, wo sich deren Hände befinden. In der Wohnung angekommen, lässt man ohne darüber zu reden das Licht aus, und als durchzudringen beginnt, dass der Sohn sich ein wenig beunruhigt, weil beide Eltern den Blick immer wieder zum Rechner wandern lassen, spielt der Papa erst einmal eine Runde Elfmeterschießen im Flur.

Im Laufe des Abends erfuhren wir, dass Liams bester Freund in einem Kaufhaus am Stachus festsitzt und die Lieblingsnachbarn nicht mehr aus dem Olympiapark wegkommen. Letzteres führte dazu, dass ich mitten in der Nacht mit dem Liebslingsnachbarnhund nach draußen ging, weil der Arme nämlich trotz des aktuellen Geschehens seine Bedürfnisse hatte.
Und wieder schaut man sich um, mit der Leine in der Hand, und fragt sich, wohin es die Täter bei ihrer Flucht wohl treiben wird.

Heute Morgen sieht alles ein wenig anders aus. Ein Täter statt drei, ein junger Mann, man muss an Würzburg denken und daran, dass völlig unabhängig davon, aus welchen Gründen dieser junge Mann gehandelt hat, bestimmte Gruppierungen diesen Amoklauf sofort für sich beanspruchen werden. Um Kraft zu demonstrieren und Stärke, auch wenn sie dafür auf verwirrte Menschen zurückgreifen müssen, die vielleicht in ihren Schulblock eine kleine Flagge gezeichnet haben.

Tumbe Präsidentschaftskandidaten in den USA blasen sich weiter auf, Frankreich wirft vorschnell das Wort Terrorakt in den Raum, und anderswo reibt man sich die Hände, weil man gar nicht so viel machen muss, um für maximalen Aufruhr zu sorgen. Die Ereignisse werden dazu führen, dass Leute, die über die Macht verfügen, Geschehnisse in Bahnen zu lenken, noch mehr Härte fordern werden, noch mehr Abgrenzung, noch mehr ‚Wir‘ gegen ‚Die‘, und die Spirale der Gewalt wird sich ein kleines bisschen schneller drehen.

Jakob Augstein, ein Kolumnist bei SPON, schreibt dazu:
„Während des sogenannten malaysischen Notfalls, das war ein Südost-Asien-Konflikt der Fünfzigerjahre, sagte ein britischer General, der Sieg werde nicht dadurch errungen, dass man mehr und mehr Soldaten in den Dschungel schicke, sondern indem man die Herzen und die Köpfe der Menschen erobere – hearts and minds, das wurde zum stehenden Begriff.

Der Westen hat diese Lehre im „Krieg gegen den Terror“ in den Wind geschlagen. Wir haben immer mehr Soldaten geschickt – zunächst in die Wüste, nicht in den Dschungel, dann in unsere Städte. Aber wir haben keinen Sieg im Kampf gegen den Terrorismus erlebt, sondern eine Ausweitung der Kampfzone. Es ist Zeit zu erkennen, dass wir den Kampf gegen den Terror verlieren. Es ist Zeit, stattdessen endlich mit dem Kampf um die hearts and minds der Muslime zu beginnen. Dieser Kampf wird nicht mit Waffen geführt.

Aber sind wir stark genug, die Waffen niederzulegen?“

Wir brauchen jetzt Jakob Augsteins.
Und jeder denkende Mensch muss alles dafür tun, dass es stattdessen nicht die Donald Trumps werden.
Abschottung funktioniert nicht. Jede Gewalt erzeugt Gegengewalt, und die Allermeisten, die nach mehr Härte schreien, nach mehr Abschiebungen, nach mehr Mauern, wären im Fall des Falles nicht halb so fatalistisch wie die, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben.
Es geht dabei nicht darum, die Täter zu beschützen, sie zu verhätscheln und zu umsorgen, es geht darum, Täter erst gar nicht zu Tätern werden zu lassen.

Die Tage hat mir irgendeine Frau im Netz in einer Diskussion zu diesem Thema entgegengeschleudert:
Bitte, bitte, wach endlich auf!!!

Ohne die hysterischen Ausrufezeichen möchte ich das zurückgeben: Wacht auf.
Ganze Gesellschaften werden manipuliert von Menschen, denen es nur darum geht, ihren persönlichen Machtbereich zu vergrößern, deren Ängste und Unsicherheiten bedauernswert wären, wenn ihre Handlungen nicht die ganze Welt immer näher zum Abgrund zerren würden.

Eine schützende Geste über alles, was vermeintlich nur uns gehört, und die Worte ‚Verpisst euch!‘ werden nicht dazu führen, dass Menschen, die das Gefühl haben, ihr Leben sei eine einzige Qual, mit hängendem Kopf in ihr Elend zurückschleichen werden.

Wir haben nur Glück.
Jede und jeder von uns könnte mit seinen Kindern ganz woanders sein und täglich Ängste ausstehen, von denen wir hier in München gestern Abend nur einen blassen Abglanz erlebt haben.

Lasst euch jetzt nicht hineinreißen in die Spekulationen und in den neu aufbrandenenden Hass.
Bleibt menschlich im edelsten Sinne.

Ich werde pathetisch. Ich hör‘ besser auf.

In Gedanken bei den Opfern, bei den Familien, den Müttern, Vätern, Geschwistern, Freunden, die heute Morgen einem Tag entgegentreten mussten in dem Wissen, dass einer der ihren nicht mehr am Leben ist.

Also:

Juli 18, 2016

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by renatomitra

Sieben Tage sind rum, Zeit für ein Fazit:
Überraschung – ich bin Internet-süchtig.
Nicht, dass ich das nicht schon vorher geahnt hätte, aber sehr tief in mir drin hegte ich eben doch die nonchalante Überzeugung, vollkommen unabhängig von meinem Rechner zu sein.
Selbstbetrug deluxe, sag ich da nur.

Sobald das erste Kind in der vergangenen Woche mittags die Wohnung betrat, hab‘ ich das Ding pflichtbewusst zugeklappt und weggepackt, aber keiner will wissen, wie oft ich bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit gedacht habe, zumindest die Mails könne man ja mal eben überprüfen. Die kommen ja nicht, wenn man nicht alle halbe Stunde nachsieht. Und ich musste schwer an mich halten, mich nicht selbst zu beschummeln, indem ich zum Mobiltelefon griff.

Schlimmer noch: Ich wusste oft genug rein gar nichts mit den nun freigewordenen Zeitfenstern anzufangen. Früher hab‘ ich in solchen Momenten meistens ein paar Seiten eines Buchs gelesen, aber offenbar brauch‘ ich mittlerweile eine U-Bahn um mich rum, damit das funktioniert.
Stattdessen hab‘ ich für die Kinder völlig überraschend hin und wieder ein Spiel vorgeschlagen, was Sohn und Tochter anfangs annehmen ließ, Aliens hätten den Körper ihrer Mutter okkupiert. Netterweise erbarmten sie sich und spielten gelegentlich mit mir.
Außerdem haben wir es geschafft, den kompletten dritten Band von Harry Potter zusammen zu lesen, und nur ganz, ganz selten hab‘ ich mir heimlich doch das Smartphone gegriffen, mit einem Gefühl, das ich bisher nur vom Schokolade-essen-ohne-Kinder her kenne.

Immerhin hab‘ ich’s trotzdem einigermaßen durchgezogen, bis auf die Abende, an denen ich gehofft habe, der Gatte möge beim Gute-Nacht-Sagen einschlafen, damit ich endlich den Rechner an mich reißen kann.
Fieserweise hatte er den Blogeintrag gelesen und blieb meistens wach.
Aber gut, dann unterhält man sich eben mal wieder. Ist ja auch ganz interessant, über das übliche organisatorische Gedöns hinweg das ein oder andere vom Seelenleben des Menschen mitzukriegen, mit dem man immerhin verheiratet ist.

Das wird jetzt hart.
Das wird jetzt hart, denn ich muss jetzt natürlich dranbleiben.
Wo ich doch Zeit meines Lebens so stolz darauf war, mich nie in irgendwelche Abhängigkeiten begeben zu haben (abgesehen von den Wochen, in denen im im Simon-the-Sorcerer-Universum versank) (die Tetris-Sucht noch zu erwähnen) (oder wie ich einmal einen kompletten Urlaub hindurch das Nintendo der Tochter nicht mehr aus der Hand gelegt habe, um mal eben Harvest Moon durchzuspielen).

Ähm.

Ich erweitere das Experiment über die Sommerferien hinweg.
Ich kann das schaffen.
(Sicherheitshalber hab‘ ich mir geschworen, das Telefon sofort in der Toilette zu versenken, sollte ich versehentlich Pokemon Go installieren.)

Das 7-Tage-Experiment.

Juli 11, 2016

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by p_a_h

Inspiriert durch diesen Artikel habe ich gerade beschlossen:
Sobald ich nicht mehr alleine in der Wohnung bin, bleibt der Rechner aus.
Ich werde nicht mehr mal eben die Mails durchscannen, ich werde nicht mehr mal eben gucken, wie das Wetter wird, ich werde nicht mehr mal eben nach einem bestimmten Rezept suchen, ich werde nicht mehr mal eben vor meinen FB-Chats sitzen, ich werde nicht mehr mal eben einen youtube-Song ansehen, ich werde nicht mehr mal eben mein Bankkonto kontrollieren, ich werde nicht mehr mal eben SPON durchblättern, ich werde nicht mehr mal eben einen Blogeintrag schreiben, ich werde nicht mehr mal eben die Timeline durchgehen, ich werde nicht mehr mal eben vom Hölzchen zum Stöckchen kommen, und ich werde nicht mehr mal eben an irgendeinem Text weiterarbeiten, weil ich ohnehin nicht konzentriert daran herumwerkeln kann, wenn ich nicht alleine bin.

Das Gleiche gilt fürs Smartphone.

Ich bin kein uneingeschränkter Juul-Fan, aber diesen Beitrag hat er extra für mich geschrieben, und wenn er das schon tut, dann ist es wohl das Mindeste, das fortwährende Nicken beim Lesen auch in irgendeine Aktion umzusetzen.

Wollen doch mal sehen.
(Der Gatte wird hellauf entsetzt darüber sein, dass ich zukünftig abends Entertainment erwarten werde.)

Sätze, die man als Vegetarier echt nicht mehr hören kann:

Juli 5, 2016

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by artfilmusic

„Isst du GAR kein Fleisch?“
Doch, ab 18.00 Uhr switche ich in meinen Überzeugungen.

„Isst du auch keinen Fisch?“
Natürlich esse ich Fisch. Fisch ist ja kein Fleisch.

„Mir ist es ja eher wichtig, dass das, was ich esse, bio ist.“
Ach, ehrlich? Interessant. Reich mir mal den Pestizidstreuer rüber.

„Findest du das nicht schwierig?“
Doch, total. Gib mir ein Taschentuch, ich muss schon wieder heulen.

„Magst du kein Fleisch?“
Ich liebe Fleisch. Ich mag’s nur nicht tot.

„Pflanzen sind auch Lebewesen.“
Ich hab‘ darüber nachgedacht Steine zu essen, aber ich bin noch nicht bereit, Klugscheißern wie dir auf dieser Welt mehr Platz einzuräumen.

„Letzten Endes ist es völlig egal, die Tiere sind doch schon tot.“
Du hast Recht, die kommen schon tot zur Welt.

„Ich lebe ja auch vegetarisch. Aber ab und zu ein Steak find‘ ich okay.“
Kenn ich. In festen Beziehungen bin ich zum Beispiel total treu, aber ab und zu ein One-Night-Stand find‘ ich okay.

„Ich halte das ja für ungesund. Der Mensch ist nunmal ein Fleischfresser.“
(An dieser Stelle dem Gegenüber ins Bein beißen. Dann „Tschuldigung, es ging mit mir durch“ murmeln.)

Muttertagserfahrungen, oder: Wie ich lernte, meine Kinder nicht zum Probieren zu nötigen

Mai 8, 2016

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by kira

Muttertag.
Wie immer hat sich die Familie ins Zeug gelegt.
Auf dem Tisch brennen Kerzen, winzige Herzen liegen um meinem Teller herum. Es gibt Kärtchen und Blumen und selbstgemalte Muttertagsbilder.

Auch der Gatte ist früh aufgestanden, und deshalb steht neben dem Rührei ein beeindruckender Schokoladenkuchen, weil diejenige, die das hier schreibt, ja sehr auf Schokolade steht.

Außerdem Sahne, mit Orange verfeinert und … irgendso ein Zeug, das aussieht wie rohes Eigelb und sofort mein Misstrauen weckt.
„Zabaione“, erklärt der Gatte stolz und tunkt schon einen Löffel ein.

„Was ist da drin?“, frage ich.
Er zählt auf.
„Und Eigelb“, schließt er.
„Rohes!“, ruft mein Hypochonderhirn und lässt es geschickt so aussehen, als habe mein Mund das ausgesprochen.
„Natürlich roh“, sagt der Gatte indigniert. „Ich hab‘ das im Wasserbad aufgeschäumt und …“, erklärt er weiter, aber der Rest interessiert mich eigentlich nicht.

Es sieht aus wie rohes Eigelb, es besteht aus rohem Eigelb, und mein fieses Hirn flüstert mir zu, dass es bestimmt auch schmeckt wie rohes Eigelb.
‚Das essen wir nicht‘, verkündet ein Großteil renitenter Hirnzellen, und der Gatte sagt: „Probier doch mal. Nur einen Löffel.“

Ah, denke ich. Das kommt mir gerade verflucht bekannt vor.
Normalerweise sage ich das nämlich.
„Probier doch mal“, sage ich zur Tochter und lächle mein bestes ‚Guck, was ich Leckeres gekocht hab‘-Lächeln.
„Probier doch mal“, sage ich zum Sohn, und ignoriere dessen skeptischen Gesichtsausdruck.

Der Gatte kleckst mir beherzt ein Löffelchen rohes Eigelb Zabaione vor die Nase.
Automatisch schiebe ich meinen Kuchen zur Seite.

„Nur eine Probierportion“, sage ich zur Tochter, die ihre Nudeln vor der obskuren Soße auf die andere Seite des Tellers rettet.
„Nur ein Löffelchen“, sage ich zum Sohn, der „Iiiiiiiih“, brüllt und damit mein rechtes Augenlid zum Zucken bringt.

Und jetzt sitze ich vor dem Lieblingsgatten, und in mir streiten sich ‚Oh nein, er hat das extra für dich gemacht, nun guck, wie er dich ansieht‘-Gedanken mit ‚Egal! Egal! Wir essen das nicht!“-Hirnzellengewerkschaftlern.
Dilemma! Innerliches Haareraufen deluxe!

Das allertollste Geschenk zu Muttertag bekamen dann also heute meine Kinder:
Niemals wieder müssen sie etwas probieren, was sie nicht probieren wollen.

Seht hin, verdammt! Denkt! Wollt ihr das wirklich sein?

Februar 19, 2016

Dieses Video lässt mich nicht los.
Es ist nur sehr, sehr kurz, und es gibt Schlimmeres. Bestimmt gibt es Schlimmeres. Leider gibt es Schlimmeres.
Es ist nur ein winzigkleiner Ausschnitt von dem, was anderswo passiert, außerhalb meiner heilen Welt, in der ich gerade dabei bin, für meine Tochter zur Feier ihres Halbjahreszeugnisses einen Früchte-Cobbler zu backen.

Aber irgendwo passiert so etwas.
Und Schlimmeres.
Nicht nur an einem Ort, sondern an vielen Orten.
Und wenn ich so etwas sehe, dann möchte ich dieses Video all den Leuten unter die Nase halten, die Bilder posten, auf denen auf lustige oder kopfwackelnde oder hasserfüllte Weise gegen andere Menschen gehetzt wird, ich möchte es den Leuten unter die Nase halten, deren Kommentare in den virtuellen Medien und im realen Leben mich zunehmend mehr irritieren.
Über das ‚Flüchtlingsproblem’ und die ‚Merkel-Politik’.

Das sind keine doofen Leute.
Nicht solche wie die, die man in diesem Video herumgrölen hört.
Das sind warmherzige, intelligente, humorvolle Menschen, einige davon kenne ich bereits mein halbes Leben, und ich wäre niemals davon ausgegangen, sie irgendwann Seite an Seite mit Krakeelern, Aufhetzern und Kriminellen zu sehen.
An der Seite derjenigen nämlich, denen es gar nicht um die Flüchtlinge geht, sondern nur um Hass, um die Unzufriedenheit, die sie schüren können, um im allgemeinen Chaos ihre niederen Triebe auszuleben, Leute, die so gestört sind, dass man sie weder im Zusammenhang mit Flüchtlingen noch zu sonst irgendeinem Thema möchte reden hören.

Ich glaube ja immer noch, dass diese Menschen nicht die Masse sind.
Aber jeder, der nickt, während sie ihre Parolen brüllen, jeder der danebensteht, jeder der ungefiltert Hetz-Artikel und Bilder postet, der stellt sich auf deren Seite.
Auch wenn man es verbrämen und entschärfen möchte, auch wenn man sich selbst ganz anders sieht: Doch. Du gehörst dann dazu.

Wenn man so etwas nichts aufs Allerschärfste verurteilen kann, wenn man nicht der Ansicht ist, dass diese Leute für ihr Handeln verachtet und möglichst aus dem Verkehr gezogen werden müssen, Leute, die ihren Hass auf dem Rücken derer ausleben, denen es ganz eindeutig wesentlich schlechter geht als jedem Einzelnen von diesen Hetzpredigern – wenn man da noch die Stirn in Falten legt und ‚Ja, aber’ sagt – dann gehört man dazu.

Man gehört dazu, zur Masse derjenigen, die Diktatoren, Verbrecher und Wahnsinnige an die Macht bringen, man gehört dazu, zur Masse derjenigen, die Leiden und Elend und Horror möglich machen, man gehört dazu.
Mit jedem Bild, mit jedem blöden Spruch gehört man dazu.

Nur weil ihr das Glück hattet hier geboren zu sein.
Nur weil ihr das unglaubliche Glück hattet, nicht mit eurer Familie vor Bomben, Hunger und Elend flüchten zu müssen.
Nur weil ihr zufällig auf der richtigen Seite gelandet seid.
Statt dankbar zu sein, verratet ihr alles, worauf ihr angeblich so stolz seid.

Was seht ihr, wenn ihr in den Spiegel schaut?
Wie blind und selbstgerecht kann man sein, wenn man nicht erkennt, dass man nicht dabei ist, etwas Gutes für die Menschen des eigenen Landes zu tun, sondern dass man dieses Land, das man angeblich so sehr liebt, mit all seinen Werten und Prinzipien in den Dreck zieht?

Ich könnte kotzen bei jedem Einzelnen, der selbstgerecht hinterherläuft, hinter der – hoffentlich, oh hoffentlich, oh bitte, lass es nicht die Mehrheit sein – Spitze derjenigen, die nichts weiter sind als – Verbrecher.
Kriminelle, die sich hinter der Maske des besorgten Bürgers verstecken und sich auf die Schenkel hauen vor Lachen, wenn sie sehen, wie viele tatsächlich besorgte Bürger ihnen folgen.

Was besorgt euch denn so?, möchte man ihnen zurufen.
Das, was in diesem Land passiert?
Ihr solltet eher besorgt darüber sein, was mit euch passiert.

More, more, more.

August 4, 2015

Kennt ihr diesen Witz?
„In Wiesbaden, Mainz und Limburg haben kürzlich Fachgeschäfte für Ehemänner eröffnet, in denen sich Frauen neue Ehemänner aussuchen können.
Am Eingang hängt eine Anleitung, die die Regeln erklärt, nach denen hier eingekauft werden kann:

„Das Geschäft darf nur einmal aufgesucht werden. Es gibt 6 Stockwerke mit Männern, deren Eigenschaften von Stock zu Stock besser werden. Sie können sich entweder einen Mann aus dem Stockwerk aussuchen, auf dem Sie sich befinden, oder Sie können ein Stockwerk weiter hoch gehen und sich dort umsehen. Sie können aber nicht zurück auf ein niedrigeres Stockwerk gehen, das Sie bereits verlassen haben.“

Eine Frau geht ins Geschäft um sich einen Mann zu suchen.
Im 1. Stock hängt ein Schild: „Diese Männer haben Arbeit.“
Im 2. Stock hängt ein Schild: „Diese Männer haben Arbeit und mögen Kinder.“
Im 3. Stock hängt ein Schild: „Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder und sehen gut aus.“

„Wow“, denkt die Frau, fühlt sich aber gezwungen weiter zu gehen. Sie geht zum 4. Stock und liest: „Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder, sehen verdammt gut aus und helfen im Haushalt.“

„Oh Gott, ich kann kaum widerstehen“, denkt sie sich, geht aber dennoch weiter. Im 5. Stock steht zu lesen: „Diese Männer haben Arbeit, mögen Kinder, sehen verdammt gut aus, helfen im Haushalt und haben eine romantische Ader.“

Sie ist nahe dran zu bleiben, geht aber dann doch zum 6. Stock weiter. Auf dem Schild steht: „Sie sind die Besucherin Nummer 31.456.012. Hier gibt es keine Männer. Das Stockwerk existiert nur, um zu zeigen, dass es unmöglich ist, Frauen zufrieden zu stellen.
Vielen Dank für Ihren Einkauf im Fachgeschäft für Ehemänner. Auf Wiedersehen.“

Der Witz geht auch noch weiter, spielt aber jetzt für mein Dilemma keine Rolle.
Mein Mobiltelefon-Vertrag läuft nämlich zum Ende des Jahres aus.

Wo ist denn da nun der Zusammenhang, wird sich die ein oder andere jetzt fragen.
Der Zusammenhang ist folgender:
Vor einigen Wochen erhielt ich eine Mail, in der besagtes Auflösungsverhältnis thematisiert wurde. Große Trauer natürlich auf Seiten des Tarifanbieters und der verheißungsvolle Vorschlag: Halten Sie uns weiter die Treue, und wir erlassen Ihnen die Gebühren für die ersten drei Monate.

Hm, na ja … bisschen mit dem Kopf gewackelt – vom Hocker riss mich das nun nicht. Immerhin würde der Vertrag monatlich ohnehin fünf Euro teurer werden. Och nö, dachte ich, da such‘ ich mir doch lieber etwas Günstigeres.

Ich ließ die einmalige Gelegenheit also ungenutzt verstreichen und hatte einen Tag nach der Deadline eine neue Mail im Postfach:
Größere Trauer, ein besseres Angebot: Die ersten vier Monate müsse ich keine Gebühren zahlen oder aber man werde mir 100,- Euro überweisen, einfach so, mit der nächsten Rechnung.

Hmhmhm – größeres Kopfgewackel – doch, das klang schon interessant. Oder vielleicht auch nicht? Oder doch?
Ob mangelnder Entscheidungsfreudigkeit verstrich auch dieses Ultimatum – und wieder wartete am nächsten Tag eine Mail auf mich:
Noch größere Trauer, noch besseres Angebot: Die ersten fünf Monate keine Gebühren oder 125,- Euro mit der nächsten Rechnung zurück.

„Ach komm“, dachte ich, „das mach ich doch. Morgen. Denn jetzt muss ich gerade eben noch …“
Na ja, und wie’s halt so ist: Ich hab’s vergessen.
Der Tag der letztmöglichen Entscheidung wäre gestern gewesen, das weiß ich deshalb so genau, weil ich gerade eben schon wieder eine neue Mail erhalten habe:
Man ahnt es – NOCH viel größere Trauer, ein NOCH viel besseres Angebot: Die ersten sieben Monate kostenfrei oder 150,- Euro zurück.

Und was mach ich denn jetzt, sagt mal?
Ich meine, ich fand ja schon das vorletzte Angebot völlig in Ordnung, aber irgendein sehr, sehr neugieriger (und vielleicht auch ein bisschen gieriger) Teil würde ja jetzt doch gerne wissen, wie weit das Ganze noch fortgeführt werden würde.
Wenn ich das jetzt annehme, dann verpass‘ ich vielleicht „die ersten 24 Monate frei oder 500,- Euro in bar“, oder sogar „für den Rest ihres Lebens umsonst telefonieren, eine Villa in Malibu und ein Pony“?

Aber wenn ich jetzt weiter rumzaudere, und in der nächsten Mail steht: „Wir danken Ihnen außerordentlich für Ihre bisherige Treue, wir werden Sie vermissen und Sie können uns mal kreuzweise“, dann werde ich mich ein klitzekleines bisschen ärgern.

Hm.

(Buttje, Buttje in der See und so.)

Stop superficiality

Juni 24, 2015

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by Hypnotica Studios Infinite

Gerade eben bin ich über einen Facebook-Beitrag gestolpert, in dem ganz normale Frauen mit ganz normalen Figuren Bademode von Victoria’s Secret präsentieren. Ich persönlich bin ja sehr empfänglich für derlei Aktionen, weil ich von all diesen mega-gehypten Supermodels mit ihren perfekten Körpern ziemlich genervt bin, und richtig gruselig wird das ja erst durch die Tatsache, dass selbst an den Bildern dieser Frauen noch manipuliert und herumgeschraubt wird, bis uns endlich eine Art fleischgewordene Barbie anstarrt, die im normalen Leben ob ihrer absurden Maße keine drei Schrite weit käme, ohne in sich zusammenzubrechen, in den einschlägigen Frauen-Magazinen aber dennoch als Rollenmodell herhalten muss.

Meine Tochter ist elf, sie ist dünn wie ein Stöckchen, und als sie erstmalig nachdenklich auf einem Mäuerchen saß und ihre Oberschenkel von oben begutachtete, die der Gesetze der Physik wegen minimal breiter aussahen als im Spiegel, erklärte sie mir ohne jedes Augenzwinkern, ihre Beine seien „zu dick“.
Den Kreischanfall, der mich innwendig ereilte, hätte niemand auch nur geahnt, so souverän hielt ich meinen mütterlich-liebevollen Gesichtsausdruck aufrecht, aber ja, mein Kind ist mittlerweile über gesunde Ernährung, die Gefahren des Gruppendrucks und nicht zuletzt über die Möglichkeiten von Photoshop ziemlich gut informiert.

Was mich jetzt zurück zu besagtem Facebook-Eintrag bringt.
Einigermaßen unbekümmert verhalf ich der Aktion zu einem weiteren „Gefällt mir“, und dann stach mir der oberste Kommentar ins Auge:
„Stop glorifying obesity!“

Zuallererst: Von den sechs Frauen, die die Victoria’s Secret Bademode nachstellen, sind lediglich zwei runder als der Durchschnitt. Und ich spreche vom tatsächlichen Durchschnitt, nicht von der derzeit kursierenden westlichen Vorgabe, nach der jede Frau, an der nicht komplett alles schlank, straff und glatt ist, schleunigst etwas für ihren Körper tun sollte.
Und auch diese beiden Frauen sind nicht „krankhaft fettleibig“, wie erschreckenderweise sehr viele der folgenden Kommentatoren behaupten, sondern einfach nur ein gutes Stück kurviger als die Norm es vorgibt.
Trotzdem:
„This is not an everyday woman. this is an unhealthy and obese woman.“

Beide Zitate stammen von Männern, und noch viel mehr Männer entblöden sich nicht, Kommentare zu verfassen, die in etwa in diese Richtung gehen:
„The horrible truth is that they took not good looking girls to make those haters (most of the time ugly women) feel less bad about their body.“

Das allein wäre schon frustrierend genug, vollends zum Heulen wird es allerdings dadurch, dass der komplette Kommentare-Strang, der sekündlich länger wird, durchsetzt ist mit Beiträgen von Frauen, die in einer Mischung aus Selbstgefälligkeit und ungesunder Selbstkasteiung ins gleiche Horn blasen.

Natürlich sind viele, viele Frauen (und sehr, sehr wenige Männer) dabei, die all die Argumente bringen, die in solchen Momenten immer gebracht werden: Jeder Mensch ist schön, sieh nicht nur auf das Äußere, was stimmt eigentlich in Deinem Leben nicht, dass Du es offenbar nötig hast, andere so zu verurteilen?

Leider gehen vernünftige Stimmen zwischen den Kommentaren nahezu sang- und klanglos unter.
„Stop glorifying obesity!“ liegt aktuell mit fast 1000 Likes unangefochten an der Spitze, und man muss schon ein bisschen scrollen, bevor man überhaupt zu den Meinungen Andersdenkender kommt.
Darüber hinaus gehen eine ganze Reihe der gutgemeinten Beiträge nach hinten los, weil ihre Verfasserinnen sehr eifrig darauf verweisen, dass ja lediglich zwei der gezeigten sechs Frauen dicker seien, womit sie dann ungewollt die menschenverachtende Vorgabe zusätzlich untermauern. Hey, vier Frauen sind doch SCHLANK, da kann man der Aktion doch keine Glorifizierung von Fettleibigkeit vorwerfen.

Alle sechs Frauen bewegen sich gewichtsmäßig völlig in der Norm, und die Flut an kritischen oder sogar abfälligen Kommentaren zeigt letztlich nur, und das wird jetzt wieder einer dieser Absätze, bei denen ich mich kopfwackelnd frage, ob mir das jetzt nicht zu pathetisch gerät, aber all diese Urteile, die Wertungen, die verächtlichen Worte zeigen nur, wie unglaublich weit unsere Gesellschaft davon entfernt ist, einen Menschen einfach nur zu sehen, ihn vielleicht sogar zu erfassen und seine Persönlichkeit akzeptieren zu wollen.
Eine völlig normale, lachende Frau in einem gewöhnlichen Badeanzug – wie wichtig ist es da, die Wörter „obese“, „fat“ und „ugly“ drunterzusetzen?

Es tröstet nur bedingt, dass man davon ausgehen kann, dass die vernichtendsten Urteile von denjenigen kommen, die das größte Selbstwertproblem mit sich herumschleppen. Glückliche Menschen haben keinen Grund, andere niederzumachen, und wäre ich nicht so ängstlich darauf bedacht, in jeder Hinsicht der derzeit gültigen Norm zu entsprechen, dann müsste ich auch nicht halb erleichtert, halb gehässig mit dem Finger auf diejenigen zeigen, die aus welchen Gründen auch immer von dieser Norm abweichen.

Es wäre jetzt leicht, diesen Text mit ein paar markigen Sprüchen in Richtung „Nieder mit den gesellschaftlichen Zwangskorsetts“ zu beenden, und ich wäre mehr als glücklich, wenn es so einfach wäre.
Tatsächlich aber beugen wir alle uns mehr oder weniger deutlich der Diktatur des äußeren Erscheinungsbildes, und vermutlich kann man nicht mehr tun, als wieder und wieder und wieder darauf hinzuweisen, dass dieser Druck letztlich nicht nur diejenigen zerquetscht, die sehr augenscheinlich davon abweichen, sondern auch und gerade denen die Luft zum Atmen, den Raum zur freien Entfaltung nimmt, die „ugly“ plärren.

Jawohl.
Hab‘ ich dann für heute auch mal wieder erledigt.